Fatou Bensoudas © Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Bildung wurde mein Werkzeug"

Fatou Bensoudas Ehrgeiz wurde angestachelt, weil sie sich als Mädchen nicht ernst genommen fühlte. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 36/2016

ZEITmagazin: Frau Bensouda, Jäger sind meistens Männer. Als Chefanklägerin jagen Sie Kriegsverbrecher. Wie erleben Sie diese männerdominierte Welt?

Fatou Bensoudas: Es geht vor allem darum, den Opfern zu Gerechtigkeit zu verhelfen. Ob das nun durch einen Mann oder eine Frau geschieht, ist nebensächlich. Natürlich will die Gesellschaft uns Frauen einreden, dass für uns an einem bestimmten Punkt Schluss sein sollte. Da existiert eine Art Glasdecke, die unser Weiterkommen verhindert. Aber diese Barriere muss zerschmettert werden. Es gibt keine Begrenzung! Nicht für mich und auch für niemand anderen.

ZEITmagazin: Wie durchbrachen Sie diese Glasdecke?

Bensoudas: Das gelingt natürlich nur, wenn man absolut von seiner Mission überzeugt ist. Schon als junges Mädchen haben mich Ungerechtigkeiten immens gestört. Ich wollte unbedingt, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Also habe ich mein Leben auf dieses Ziel ausgerichtet. Du musst genau wissen, wohin du willst, und immer darauf fokussiert sein. Dazu brauchst du die entsprechenden Fähigkeiten und das nötige Wissen. Und sich das anzueignen ist harte Arbeit. Ich hatte das große Glück, dass meine Eltern uns Kindern die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten boten. Das war damals in Gambia nicht üblich. Selbst wenn Mädchen eine Schule besuchen durften, mussten sie nachher meistens wieder an den Herd.

ZEITmagazin: Ihr Vater hatte als Muslim zwei Ehefrauen, Sie wuchsen mit einem Dutzend Geschwistern auf. Wie konnten Ihre Eltern sich die Ausbildung für alle leisten?

Fatou Bensouda

55, stammt aus Gambia. Sie ist seit 2012 Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Bensouda ist verheiratet und hat drei Kinder

Bensoudas: Nun, zu der Zeit war Schule noch nicht so teuer. Mein Vater war Beamter, und sowohl meine Mutter als auch meine Stiefmutter saßen nicht einfach nur zu Hause. Sie haben so gut sie konnten etwas beigetragen. Meine Stiefmutter verkaufte viel auf dem Touristenmarkt, unter anderem wunderschöne, selbst gebatikte Stoffe. Auch meine Mutter war Händlerin und legte Geld zur Seite.

ZEITmagazin: Ihr Vater starb, als Sie noch jung waren.

Bensoudas: Ja, ich war so 12, 13. Das war wirklich ein Moment großer Traurigkeit. Er war der Stützpfeiler der Familie, man konnte über alles mit ihm reden und immer mit ihm lachen. Für ihn war es vor allem wichtig, die Familie zusammenzuhalten. Normalerweise weiß man ziemlich schnell, wer zu welchem Teil der Familie, wer zu welcher Mutter gehört. Bei uns hingegen waren wir alle Brüder und Schwestern. Meine Familie war der Nährboden, der mir das Selbstvertrauen vermittelte, über mich hinauszuwachsen. Als ich mein Zuhause das erste Mal verließ, um in Nigeria Jura zu studieren, vermisste ich meine Familie schmerzlich. Ich war sehr allein.

ZEITmagazin: Was gab Ihnen innere Kraft?

Bensoudas: Ich wurde dazu erzogen, ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft zu sein. "Sei kein Yafus", sagt man in Wolof, meiner Muttersprache. Das bedeutet, dass man nicht nutzlos und faul sein soll. Dass man immer danach streben muss, besser zu werden und etwas zur Gesellschaft beizutragen.

ZEITmagazin: Waren Sie nie entmutigt?

Bensoudas: Es gibt da eine Sache, die ich nie vergessen werde. Ein paar Freunde und ich gingen nach Prüfungen immer gemeinsam zu allen Eltern, um unsere Noten vorzuzeigen. Als der Vater eines Freundes sah, dass ich besser abgeschnitten hatte als sein Sohn, schrie er ihn an: Wie kannst du es zulassen, dass ein Mädchen besser ist als du? Ich fühlte mich so erniedrigt. Das war einer der seltenen Momente, in denen ich wirklich weinen musste. Und ich schwor mir, niemals in eine Situation zu geraten, wo man sagen könnte: Sie war eben schlechter, weil sie ein Mädchen ist. Bildung wurde mein Werkzeug, Bildung wurde meine Rettung. Letztlich bestärkte mich dieses Erlebnis nur auf meinem Weg.

ZEITmagazin: Als Chefanklägerin besitzen Sie große Macht, andererseits erreichten Sie in 14 Jahren nur drei Verurteilungen.

Bensoudas: Dieses Gericht kann nicht an der Zahl der Verurteilungen allein gemessen werden. Kriegsverbrechen wie den Einsatz von Kindersoldaten anzuklagen und zu verurteilen hatte Signalwirkung; auch in Ländern, die nicht unter die Gerichtsbarkeit des ICC fallen. Es dient auch als Abschreckung. Ebenso wie die Verurteilung des kongolesischen Ex-Vizepräsidenten Jean-Pierre Bemba: Das Gericht stellte klar, dass es nicht ungestraft bleibt, im Krieg zu vergewaltigen. Und dass man als Kommandant auch für die Taten seiner Soldaten zur Rechenschaft gezogen werden kann.

ZEITmagazin: Welche Werte geben Sie Ihren Kindern weiter?

Bensoudas: Respekt sich selbst und anderen gegenüber. Das Bewusstsein für Verantwortung und den Wunsch, zu etwas Größerem beizutragen. Nur so können sie zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"Ehrgeiz wurde angestachelt, weil sie sich als Mädchen nicht ernst genommen fühlte. " Seltsam, Frau Koelbl. Davon steht im Interwiev gar nix. Sondern von der Mission, die sie als junges Mädchen empfand und einem stützenden und liebevollen Vater, mit dem man über alles reden konnte. der Muslim war und mit 2 Frauen verheiratet war. Sollte das nicht ausreichen, um das feministische Lügen über die Motivation dieser Frau im Untertitel einfach mal sein zu lassen!

Erstmal den Schaum vorm Mund wegwischen und dann nochmal ganz in Ruhe den gesamten Artikel lesen:

"Es gibt da eine Sache, die ich nie vergessen werde. Ein paar Freunde und ich gingen nach Prüfungen immer gemeinsam zu allen Eltern, um unsere Noten vorzuzeigen. Als der Vater eines Freundes sah, dass ich besser abgeschnitten hatte als sein Sohn, schrie er ihn an: Wie kannst du es zulassen, dass ein Mädchen besser ist als du? Ich fühlte mich so erniedrigt. Das war einer der seltenen Momente, in denen ich wirklich weinen musste. Und ich schwor mir, niemals in eine Situation zu geraten, wo man sagen könnte: Sie war eben schlechter, weil sie ein Mädchen ist."