Stilkolumne Baggy is back

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Eine weite Hose. Baggy Pants von AMI © Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 36/2016

Das Schicksal des Mannes war immer mit seiner Hose verbunden. Und ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt: Je enger die Hose, desto konservativer der Mann. So treten Superhelden stets in Strumpfhosen auf. Superhelden sind die allerkonservativsten Charaktere, die man sich vorstellen kann. In ihren Köpfen ist immer nur Recht und Ordnung. Und sie neigen zu rechtskonservativen Ansichten und einer Vorliebe für starke Führerfiguren. Man kann sich nicht vorstellen, dass Batman Hippies mag. Wenn man Darstellungen von absolutistischen Herrschern sieht, etwa Ludwig XIV., so präsentieren auch sie sich am liebsten in einer Art Hose, die man am ehesten als Leggins ansehen könnte.

Die wilden Landsknechte des 15. und 16. Jahrhunderts hingegen trugen weite Pluderhosen, genau wie die Korsaren des 18. Jahrhunderts. Als der Hip-Hop in den neunziger Jahren populär wurde, brachte er die weite Hose mit sich. Hosen, die weit sitzen, aber einen tiefen Bund haben. Die sackige Trageweise der Baggy Pants war eine Solidaritätsadresse an die schwarzen Häftlinge in US-amerikanischen Gefängnissen. Inhaftierte bekamen ihren Gürtel abgenommen, damit sie sich mit selbigem nicht erhängen konnten oder Schlägereien anzetteln.

Wer also Platz in der Hose hat, neigt zu aufmüpfigem Verhalten und lässt sich ungern etwas vorschreiben. Demnach ruft der aktuelle Hosentrend wieder nach einem unbeugsamen Mann: weite Baggy Pants in blauem Flanell bei AMI, solche mit hohem Bund und Bundfalte bei E. Tautz und superweite Hosen mit sich verjüngendem Bein bei Lanvin. Und selbst bei Dior, wo Hedi Slimane in den neunziger Jahren eine superschmale Silhouette für den Mann etabliert hatte, setzt man nun wieder auf Weite. Die neuen Hosen erinnern etwas an den Zoot Suit, der in den 1930er und 1940er Jahren unter anderem bei den Gangstern in den USA populär war. Vor allem mexikanischstämmige Amerikaner trugen die Anzüge mit den weiten Mänteln und den hoch sitzenden Hosen. Auch der junge Malcolm X war begeistert von der großen Geste des Zoot Suit. In Los Angeles kam es in den 1940er Jahren zu Ausschreitungen zwischen Militärangehörigen und mexikanischstämmigen Zoot-Suit-Trägern. Daraufhin wurden die weiten Hosen zeitweise verboten.

Ob die Wiederkehr des weiten Hosenbeins ein Anzeichen für die Rückkehr des unangepassten Mannes ist, bleibt abzuwarten. Vielleicht muss sich der jahrelang in der Skinny Jeans eingeklemmte Mann ja auch einfach mal nur etwas Luft verschaffen.

Foto: Peter Langer / Baggy Pants von AMI

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wer mal persönlich mit einem Superhelden gesprochen hat, der weiß, dass die Kleidung vor allem eines sein muss: praktisch. Der Schlabberlook birgt die Gefahr des sich Verfangens oder Hängenbleibens. Zudem könnte der der Held hier letzten Endes sogar nur in Unterhosen da stehen. Wie sähe das denn aus? Und die Batmantheorie kann ich auch nicht teilen. Batman, auch Superman, kämen wohl besser mit Hippies zurecht als mit dem Wahlkampfteam eines Donald Trump. Wer solche Behauptungen aufstellt, der hat, wie eingangs schon angedeutet, noch nie persönlich mit einem Superhelden gesprochen.