"Islamischer Staat" Die oder wir

© Sonja Hamad

Die Fotografin Sonja Hamad hat junge Kurdinnen porträtiert, die in Syrien und dem Irak gegen den IS kämpfen – und für ihre Rechte. Die Frauen haben am wenigsten zu verlieren und am meisten zu gewinnen. Von

ZEITmagazin Nr. 36/2016

Aus der Ferne wirkt der "Islamische Staat" wie ein Monster, unheimlich, unmenschlich, unberechenbar. Die Frauen, die Sonja Hamad porträtiert, schauen diesem Monster ins Auge, mit der Waffe in der Hand. Jin – Jiyan – Azadi hat Hamad ihre Arbeit genannt, es ist ein Slogan der kurdischen Kämpferinnen und heißt "Frauen – Leben – Frieden".

"Was unterscheidet euch von den Männern?", fragte die Fotografin eine Kämpferin. Die antwortete: "Unser Wille ist stärker. Nicht einmal den Tod fürchte ich mehr."

"Der IS steht für ein Weltbild, in dem Frauen in keiner Weise als Menschen mit Rechten und Freiheiten angesehen werden. Somit sind es die Frauen, die am wenigsten zu verlieren haben und am meisten zu gewinnen", sagt Hamad. Die Frauen wissen, wenn ihr Ort vom IS erobert wird, werden sie als Sklavinnen verkauft. "Es sind oft ganz normale Frauen, die nie eine Waffe in der Hand hatten – doch jetzt im Krieg sagen sie sich, ich kann doch nicht einfach warten, bis die mich holen." So wenig gelten die Frauen, dass es bei den IS-Terroristen heißt: Stirbst du von weiblicher Hand, dann kommst du nicht ins Paradies – das macht die Kämpferinnen zu besonders verhassten Gegnern. Wie viele Frauen gegen den IS kämpfen, weiß man nicht, die Angaben schwanken zwischen 7.000 und 10.000. Sie kämpfen für die YPG, die "Volksverteidigungseinheiten", den wichtigsten Verbündeten des Westens im Kampf gegen den IS. Den Vorwurf, der syrische Arm der PKK zu sein, weist die YPG zurück.

Die Frauen sind meist kaum 18 Jahre alt, wenn sie in Trainingslagern eine Grundausbildung an den Waffen erhalten. Danach kämpfen sie Schulter an Schulter mit den Männern an der Front. Oft wirkten diese Frauen viel älter, als sie seien, erzählt die Fotografin. "Dennoch erschienen sie mir nicht verbittert oder verhärtet, im Gegenteil: Sie gehen sehr liebevoll und freundschaftlich miteinander um."

Im März und im September 2015 ist Hamad nach Syrien und in den Nordirak gereist, sie hat viele Wochen mit den Freiheitskämpferinnen verbracht. Für die 1986 in Damaskus geborene Kurdin, die im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland kam und heute in Berlin lebt, waren es erschütternde Reisen. "Ich habe oft unbeschreibliche Angst gefühlt, und manchmal war ich einfach nur traurig über den Weg, den diese Frauen gehen müssen. Aber vor allem war ich tief berührt von ihrem Mut und der Hoffnung, die sie ausstrahlen."

Sie kämpften ja nicht nur gegen den IS, sie kämpften auch einen feministischen Kampf: "Am meisten fürchten sie, die gewonnene Freiheit eines Tages wieder zu verlieren", sagt Sonja Hamad. "In der traditionellen kurdischen Gesellschaft definiert die Familie, der Klan, wer man ist und was man werden kann. Auf meine Frage ›Was macht ihr, wenn der Krieg vorbei ist?‹ sagten sie: ›Der eigentliche Kampf beginnt erst, wenn der Frieden errungen ist.‹"

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