Der neue Mann Männer, lasst euch helfen!

Endlich trauen sich die Männer, zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Was geschieht da mit ihnen? Eine Reise in eine verborgene Gefühlswelt Von
DIE ZEIT Nr. 36/2016

Laakirchen in Oberösterreich ist umgeben von wunderbarer Alpenlandschaft und verstreuten Kleinbetrieben. Gleich hinter dem Ortsschild flattern vor dem "Bildungshaus Villa Rosental" zwei riesige Fahnen, auf einer Tafel am Eingang steht in dicken Buchstaben "Unternehmerkraft", darunter: "Führungskräftecoaching, Stressprävention, Zeitmanagement, Büroorganisation".

Diese Schlagwortballung ist "ein Trick", das gibt Gottfried Huemer, der Hausherr, später zu. Er will damit Männer ansprechen, die niemals zum Psychotherapeuten gehen würden, nicht einmal, wenn es ihnen das Leben retten könnte. Huemer kennt sich gut aus mit dieser Art von Männern. Er war selber mal so einer.

Gottfried Huemer – kräftig, 56 Jahre, gesunde Bräune, strahlend weißes Haar, strahlend weißes Hemd – vereint in seiner robusten Erscheinung beide Teile seines früheren Lebens: Er war ein einfacher Bauernsohn aus dem Nachbarort Vorchdorf, er war ein erfolgreicher Unternehmer. Bei der Begrüßung bittet er um Aufschub, die Beratung einer Frau in einer Ehekrise dauere etwas länger als geplant.

Der große Garten hinter dem Haus entfaltet an diesem sonnigen Sommertag sofort seine therapeutische Wirkung: Rote Rosen, weiße Rosen, Schmetterlinge flattern, Hummeln brummen, hier ein plätschernder Springbrunnen, dort eine Hängematte. Diese Idylle hat sich Gottfried Huemer aufgebaut aus den Trümmern seines früheren Lebens. Eine Frau eilt zu ihrem Auto und fährt los, jetzt hat Huemer Zeit. Wir nehmen Platz in einer schattigen Sitzecke.

Eine steile Karriere als Autohändler hat Huemer wohlhabend gemacht, aber auch krank und unglücklich. Er sei da so hineingeschlittert, nachdem er mit 18 von der Schule geflogen war. "Das war mir zu der Zeit relativ egal, meine Eltern aber waren in schwerer Sorge", sagt er in dem melodiösen Dialekt der Gegend. "Ich komme aus einer Bauernfamilie mit sechs Kindern, meine Eltern hatten gehofft, ich studiere und werde Lehrer." Seine Mutter fand dann für ihn eine Stelle als Autoverkäufer: "Ich hab mir gedacht: Oh, schön, da hast du ein tolles Auto, einen schicken Anzug, super!" Doch die Anfangszeit sei schrecklich gewesen, undankbare Aufgaben, schlechte Bezahlung. Nach dem Zivildienst beim Roten Kreuz wäre er am liebsten dort geblieben, als Rettungswagenfahrer, es war aber kein Platz für ihn frei. Dann bot ihm ein VW-Händler wieder einen Verkäuferjob an, "und wie das Leben so spielt: Ich hab meine Frau kennengelernt, war mit 22 schon Vater, mit 24 zum zweiten Mal, wir haben ein Häuschen gebaut, das musste alles finanziert werden." Er blieb im Autogeschäft.

Mit 30 Jahren sei dann seine innere Unruhe immer stärker geworden. Huemers Antwort darauf: noch mehr Autos verkaufen. Er übernahm ein Autohaus in der Nähe, das daraufhin boomte, alles lief bestens. Nach außen hin. "Aber den Mangel dahinter, den hab ich nicht angeschaut", sagt er. Er spürte nur die körperlichen Symptome: "sehr starke Verspannungen, Kopfschmerzen, Druck im Bauch". Kein Arzt konnte die Ursache finden.

"Ich hab immer versucht, die Schmerzen wegzudrücken, da gibt’s ja alle möglichen Maßnahmen, bei mir war es vor allem der Alkohol. Ich trank jeden Abend so sieben bis acht Gläser Weißweinschorle oder vier, fünf Bier, dann waren die Sorgen weg, und ich konnte schlafen. So habe ich mich ein paar Jahre lang rübergerettet."

Huemer fuhr Porsche, er fuhr Motorrad: "In der Zeit, in der es mit mir bergab ging, habe ich mir eine Harley Davidson gekauft. Die musste den lautesten Auspuff haben, die verrückteste Farbe, orange, damit mich jeder hört und sieht. Ich wollte, dass alle sagen: Boah!"

Irgendwann, sagt er, sei "dieses Kartenhaus zusammengebrochen, dieses Konstrukt aus äußerem Erfolg und Anerkennung. Die Zeiten, in denen ich den Erfolg genossen hab, wurden immer kürzer, die innere Leere wurde immer größer." Als er 38 Jahre alt war, eröffnete ihm der Hausarzt, dass seine Schmerzen chronisch seien und er mit ihnen leben müsse. "Ich hab ihn angeguckt und ihm gesagt: Ich werd mein Leben so ändern, dass ich wieder gesund werde." Seine Ehe war auf einem Tiefpunkt, es gab Nervenzusammenbrüche, sein Lebensentwurf wankte. Doch niemals, sagt er, wäre er in dieser Zeit auf die Idee gekommen, zu einem Psychotherapeuten zu gehen – er doch nicht, Huemer, der Erfolgsmann!

Der Weg in die Praxis eines Psychotherapeuten ist für Männer lang, steinig und in den meisten Fällen unüberwindlich. Dabei liefert jede Nachrichtenseite täglich Belege dafür, dass es vor allem Männer sind, die mit ihren Problemen nicht klarkommen. Amokläufer und Selbstmordattentäter – ja, es sind fast immer Männer – liefern dabei nur die brutalsten Hinweise darauf, dass im Gefühlsleben des modernen Mannes einiges im Argen liegt. Die meisten Männer leiden immer noch still und leise vor sich hin, beißen sich durch und schweigen sich aus.

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