Schule Das wirklich wahre wilde Leben

Kinder sind laut, chaotisch und bringen ihre Probleme mit in die Schule. Aber unsere Autorin, die Lehrerin Kerstin Brune, findet: Ich habe den schönsten Job der Welt. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2016

"Schnitzelbrötchen, Frau Brune?" Marek strahlt und hält mir eine wüst riechende Klappstulle entgegen. Ich starre die Kombination aus schlaksigem Neuntklässler und fiesem Brötchen unschlüssig an, wie ein Katzenbesitzer, dem sein flauschiger Mitbewohner gerade hingebungsvoll eine tote Maus vor die Füße gelegt hat. Wobei ich mir fast sicher bin, dass in Mareks Brötchen schon wieder was lebt. Und wieder einmal fühle ich: Man kriegt so wahnsinnig viel zurück als Lehrer – halt nur nicht immer das Richtige.

Seit sieben Jahren unterrichte ich jetzt Deutsch und Philosophie: Was ist der Mensch, was soll ich tun, was kann ich sicher wissen und woher, und wie schreibt man das? Die Existenz dieser Jugendnahrung, vermutlich drei Tage lang unter irgendeinem Schlafsack im Jungszimmer gereift, ist jedenfalls unbezweifelbar. Das hätte selbst Descartes gerochen! Und dennoch: Genau wegen solcher Ereignisse liebe ich meinen Beruf. Weil eigentlich ich die Lernende bin. Ich lerne. Von meinen Schülern.

Lektion eins heute: Mareks strahlende Gewissheit, dass Glück nicht erst in drei im Voraus berechneten Schachzügen herzustellen ist, sondern mit einmal abbeißen im Hier und Jetzt. Und von seiner Bereitschaft, dieses Glück sogar mit seiner Lehrerin zu teilen: Was gut ist, passiert nicht morgen oder in drei Jahren, sondern heute, um 7.30 Uhr, auf der Segelfreizeit der 9e, hier in Holland.

Ich blicke Marek hinterher, der im vergangenen Schuljahr um gefühlte zwei Meter gewachsen ist. Er trottet über die matschige Wiese in Richtung des Schullandheims, das atmosphärisch irgendwo zwischen Kita und Berghain liegt. Er latscht zu den anderen Jungs, denen man morgens den Turnbeutel suchen und mittags die Hasch-Tüte verbieten muss. "Nicht Lolli, nicht Ouzo." So hat einmal ein griechischer Kellner diesen seltsamen Zustand von Fünfzehn-Sein beschrieben.

Mein Magen grummelt. Er ist noch nicht im Dienst. Eine der größten Umstellungen, wenn man von der Uni an die Schule kommt: das frühe Aufstehen. Eigentlich bin ich immer noch Studentin, nur gefangen im Körper einer Lehrerin, denke ich. Eine Studentin, die damals noch auf Magister eingeschrieben war und die ganze Nacht auf einer WG-Party mit ihrem Kommilitonen Henning über den freien Willen debattierte, während sie sich willenlos billigem Wein hingab. Wir wollten in einer Band singen, die Welt kennenlernen, was verändern. Menschen etwas mitgeben, woran sie ihr ganzes Leben denken werden. Das alles tue ich jetzt. Aber ich wollte damals natürlich alles werden – bloß nicht Lehrerin.

Lehrer haben keinen guten Ruf. Genau wie Immobilienmakler, Politiker oder Fifa-Vorstände kriegen sie ja maximal den armen Pflichtverteidiger, der sonst nur kleinkriminelle Dorfdealer vor dem Knast bewahrt. Davon war ich überzeugt. Die Anklageschrift liest sich aber auch bedenklich: Verteidigen Sie den korrekturstapelgebeugten Rechtschreibfetischisten, der täglich Viren von Kinderkrankheiten im Kamelhaarpulli nach Hause trägt und dem die Kinder nur gespannt zuhören, um beim Bullshit-Bingo zu gewinnen. Der auf einer Party um 22 Uhr abrupt die Rotweinflasche absetzt, weil er "morgen zur Ersten" hat. – Kurz: den Ostfriesen unter den Akademikern.

Ein Stereotyp, von dem jeder von uns in seiner Schulzeit mindestens ein eigenes Exemplar vor sich hatte. Meiner hieß Herr Füchtekort, trug eine getönte Brille, gab Klausuren immer einen Tag nach Anfertigung zurück und verschwand am Ende der Stunde still im Lehrerzimmer wie im Narnia-Wandschrank. Wir haben damals gelacht. Heute finde ich das Lachen über Herrn Füchtekort zumindest in Teilen ungerecht. Da war viel Liebe zum Lehren im Spiel. Allerdings auch ein wirklich scheußlicher Rautenpulli.

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