Erfolgreiche Frauen Macht schön

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Einflussreichen Frauen wird der männliche Look einfach übergestülpt. Sie tragen zu oft brave Hosenanzüge und Business-Kostüme. Dabei unterstreicht gerade ein eigener Stil einen entschiedenen Führungswillen. Von
ZEITmagazin Nr. 37/2016

26 Jahre nach Pretty Woman ist der Overknee-Stiefel wieder da. Er ist schwarz, gelackt, aus Leder und sieht gar nicht so anders aus als das, worin Julia Roberts 1990 als Escort-Girl Vivian herumlief. Damals trug sie ihn nicht nur zu Verführungszwecken, sondern auch, um Souveränität zu demonstrieren. "Wenn ich meine Sachen trage, bin ich vorbereitet, wenn mich einer dumm von der Seite anmacht!", sagt Vivian in einer Szene. Was sie meint: Wenn ich mich nicht verkleiden muss, sondern aussehen kann wie ich selbst – dann bin ich stark.

Die Frau, die die Lackstiefel heute wieder trägt, ist Theresa May, ehemalige Innenministerin des Vereinigten Königreichs, jetzt Premierministerin. Ein seriöses Auftreten ist da von Vorteil. Aber Theresa May denkt nicht daran, das anzuziehen, was man im herkömmlichen Sinne als seriös bezeichnen würde. Lieber trägt sie Zebra-Pumps, rote Handschuhe oder bunt gescheckte Mäntel. Und vor einem Jahr begrüßte sie die Queen und den mexikanischen Präsidenten in ebenjenen überkniehohen Lackstiefeln. "Ich bin eine Frau, ich mag Mode", hat May einmal erklärt. "Es ist wichtig, dass man als Frau heute in allen möglichen Branchen, in der Politik, in der Wirtschaft man selbst sein darf und damit beweist, dass man gleichzeitig klug sein und sich für Kleider interessieren kann."

Die Garderobe der mächtigsten Frauen der Welt wandelt sich gerade.

Ihre Nominierung als US-Präsidentschaftskandidatin der demokratischen Partei hat Hillary Clinton in einem eleganten weißen Hosenanzug angenommen. Knallorange und Smaragdgrün trägt sie auch immer wieder gern, und zwar nicht wie Angela Merkel bloß als Blazer, sondern gleich von Kopf bis Fuß. Als Clinton im Jahr 2000 als Senatorin für den Bundesstaat New York kandidierte, sah man sie noch in schwarzen Hosenanzügen – die hätten sie aber irgendwann gelangweilt, erklärte sie. Auch Theresa May verzichtet für ihren Job nicht auf die bunten Kleider. Zu ihrer Amtseinführung als Premierministerin erschien sie im dunkelblauen Mantel mit neongelbem Saum zu Leoparden-Pumps.

Die Idee, dass man als Frau mächtig wirken kann, wenn man wie eine Frau aussieht, ist neu. Noch vor wenigen Jahren hätte man von Powerfrauen wie Theresa May oder Hillary Clinton – also von Frauen, die es in männlich dominierten Berufsfeldern nach oben geschafft haben – erwartet, dass sie sich dem Aussehen der Männer anpassen. In den achtziger Jahren musste eine Frau wie ein Mann aussehen, um mit ihm am Konferenztisch sitzen zu können. Hinter der Uniform aus hochgeschlossener Bluse und grauem Doppelreiher blieben ihre Identität und Persönlichkeit unsichtbar.

Die britische Premierministerin Theresa May lässt sich nicht diktieren, was sie anziehen soll: Beim Besuch des mexikanischen Präsidenten trug sie überkniehohe Lackstiefel. © Tim P. Whitby/Getty Images

Wenn man wie Ricarda Messner im Internet "business woman" googelt, bekommt man den Eindruck, als hätte sich seitdem nicht viel geändert: In ihrer amüsanten Ministudie Woah-Maaan zeigt die Berliner Autorin 48 Symbolbilder von Karrierefrauen. Alle tragen unmodische dunkle Blazer und weiße Hemden, Aktenmappen unterm Arm und biedere Frisuren auf dem Kopf. Es ist erschreckend: So stellt man sich im Jahr 2016 also immer noch eine Karrierefrau vor.

Eine junge Anwältin wird ein Nadelstreifenanzug nicht am Erfolg hindern. Viel emanzipierter würde sie aber wirken, wenn sie einen eigenen Look von Macht entwickeln würde – und damit die Theorie widerlegte, dass man wie ein Mann aussehen muss, wenn man nach oben will. In deutschen Geschäftsvierteln sieht man um die Mittagszeit rudelweise Karrieremenschen: die Herren in dunklen Anzügen, die Damen im gleichen Outfit, dazu randlose Brille und Hochsteckfrisur. Natürlich haben in strengen Branchen wie Anwaltskanzleien und Banken beide Geschlechter einen konservativen Dresscode zu befolgen. Aber während der Mann im dunklen Anzug wenigstens etwas tragen darf, das ursprünglich für die männliche Silhouette erfunden wurde, er im Anzug also mehr oder weniger er selbst sein darf, wird der Frau der männliche Look einfach übergestülpt. Von wegen Power: Die Frau im Business-Anzug tarnt sich, sie verhält sich defensiv. Sie trägt nicht das, was am besten zu ihr passt und ihr Selbstvertrauen verleiht. Sondern das, womit sie am ehesten bei ihrem (männlichen) Vorgesetzten punktet.

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Vor einigen Tagen gab es hier einen Artikel, in dem die Autorin einen Hass auf die Welt hatte, weil Kindersachen für Mädchen oft rosa sind, sich also farblich oft von Sachen für Jungen unterscheiden. Und heute freut sich eine andere Autorin, dass Frauen in Führungspositionen sich endlich wieder kleiden wie Frauen... Warum ist nach Geschlechtern getrennte Kleidung bei erwachsenen Frauen denn völlig richtig und bei Kindern ganz falsch, oder umgekehrt? Das könnten die beiden gerne unter sich klären.