Eine Minihandtasche entlastet Frauen – und emanzipiert. © Crayola Mode

Handtaschen Befreit

ZEITmagazin Nr. 37/2016

In großen Handtaschen schleppen Frauen viel zu viel Kram mit sich herum, oft noch den ihrer Männer. Die Minihandtasche entlastet – und emanzipiert. Von

Die Handtasche der Frau ist für viele Männer ein Mysterium. Es gibt sogar Soziologen, die behaupten, wenig sage so viel über die Frau aus wie das "geheime Innenleben" ihrer Handtasche. Das ist ein Irrtum: Handtaschen, in die ein ganzes Leben passt, sind einfach ein großer Beutel, in dem man nie etwas findet. Die Frau schleppt ihn wie einen Notfallkoffer mit sich herum, randgefüllt mit "unergründlichen Geheimnissen" wie Taschentüchern, Hustenbonbons, Haarklammern, Pflastern, Tampons, Ersatz-Unterwäsche, Handcreme, Lippenstift, Parfum (Gwyneth Paltrow soll nie ohne Avocado in der Handtasche aus dem Haus gehen). Kreditkarte, Handy und Schlüssel dürfen auch nicht fehlen, aber gerade diese Dinge findet man in den Tiefen des Großraumbeutels natürlich nie, wenn man sie gerade braucht. Frauen glauben, mit all diesem Krempel auf jede Unwägbarkeit vorbereitet zu sein. Damit meinen sie sich gegenüber den Männern sogar im Vorteil. Dabei ist es der Mann, der die Frau mit der großen Handtasche schamlos ausnutzt: "Kannst du meinen Laptop nehmen?", fragt er. "Da ist doch noch Platz in deiner Tasche!"

Die große Handtasche ist ein Abbild der gesellschaftlichen Stellung der Frau – für alles soll sie verantwortlich sein: das nasenblutende Kind, den durstigen Gatten, den Häufchen hinterlassenden Hund. Indes spaziert der Mann unbeschwert ohne Gepäck durch die Welt. Alles, was er braucht, um sie zu erobern, hat er griffbereit in der Hosentasche: Telefon, Portemonnaie, Autoschlüssel. Viel mehr als das brauchten Frauen im Alltag auch nicht. Wer die Handtasche mal testweise für einen Tag zu Hause lässt, genießt ein Gefühl unendlicher Freiheit – ohne überflüssige Last ermüdet man an einem langen Tag weniger und hat außerdem immer beide Hände frei.

Andererseits ist die Handtasche für die Frau auch ein schmückendes Accessoire. Somit wäre ihre Totalabschaffung schade. Stattdessen gibt es jetzt eine viel schönere Lösung: die Miniaturhandtasche. Getragen wird sie schon von wichtigen Frauen der Modewelt, zum Beispiel Carine Roitfeld, der ehemaligen Chefredakteurin der französischen Vogue und Gründerin des CR Fashion Book, und Anna Wintour, Chefin der amerikanischen Vogue und mächtigste Frau der Branche. Man sieht sie fast nie mit Handtasche – und wenn doch, dann nur mit einem Modell von der Größe einer Zigarrenschachtel. Die französische Designerin Olympia Le-Tan hat großen Erfolg mit Clutches in Buchform: Die Umschläge sind kunstvoll mit Titeln wie Peter Pan oder Grimms Märchen bestickt. Achtung: Eine Handcreme passt nicht hinein. Tory Burch entwarf in diesem Sommer ein gefranstes, ungefähr avocadogroßes Täschchen (vielleicht was für Gwyneth?), das sich dank der kurzen Riemenschlaufe am Handgelenk transportieren lässt. Bei Louis Vuitton gibt es eine Clutchbag von der Größe einer Videokassette, sie baumelt an einem Seidentuchhenkel. Und in das himmelblaue Täschchen von Prada passt eins von diesen neumodischen Riesensmartphones nur mit Ach und Krach hinein, dafür ist es mit goldenen Monden und Sternen beschlagen.

Je kleiner die Tasche, desto mehr gleicht sie einem Schmuckstück – auch das ein Vorteil: Mit der Handtasche als Halskette schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Sollten Sie es mit dieser ballastarmen Ausstattung eines Tages nach ganz oben schaffen, und davon gehen wir aus, können Sie ja immer noch all das, was nicht in die Tasche gepasst hat, beim Chauffeur im Auto lassen. Ursula von der Leyen hat sogar einen Adjutanten, der ihr die Handtasche im Rucksack hinterherträgt. Falls Sie nicht Verteidigungsministerin werden, kann das ja Ihr Mann übernehmen.

Kommentare

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Dito "Seh ich (auch) anders" - als Kavalier nehme ich meiner Begleiterin möglichst schweres oder behindendes Gepäck immer ab oder biete es zumindest an.
Ein Mann, der seine Frau den Laptop oder eine schwere Tasche tragen lässt ist doch ein
Kretin erster Güte und eigentlich gar nicht vermittelbar. Eine Tasche als Schmuckstück funktioniert bei einem Mann auch nicht, die "Clutch" aus den 80/90ern war doch eher ziemlich peinlich. Priorität hat doch eigentlich "Handfreiheit", das müsste doch für frau genauso gelten. Eine Umhängetasche sieht dagegen immer nach "schleppen" aus, dann lieber ein Auto kaufen, wo ALLES reinpasst: Notfallkoffer, Taschentücher, Hustenbonbons, Haarklammern, Pflaster, Tampons, Ersatz-Unterwäsche, Handcreme, Lippenstift, Parfum, Avocado. Ich ergänze Zange, Schraubendreher, Lappen, Extra-Jacke und Regenschirm. Die Kreditkarte passt auf jeden Fall in die Hemdtasche oder Hose, genau wie Handy und Schlüssel. Mit dem Sommerkleidchen funktioniert das natürlich alles nicht...Mensch, da könnte man ja ein Essay drüber schreiben!