Harald Martenstein Über ein kleines Detail und große Empörung

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ZEITmagazin Nr. 37/2016

Manchmal regen sich Leute über Sachen auf, andere Leute springen ihnen bei, rufen Zeter und Mordio, plötzlich stehen sie dann alle auf den Barrikaden und schäumen vor Wut. Nur ich kriege nicht mit, wieso in der betreffenden Angelegenheit ein so großer Wutbedarf besteht. Dies widerfuhr mir auch vor einigen Tagen, in der Sache Claude Lanzmann gegen das Berliner Hotel Kempinski.

Harald Martenstein

ist Redakteur des Tagesspiegels.

Claude Lanzmann ist ein alter, sehr berühmter französisch-jüdischer Regisseur, er hat Shoah gemacht, einen Filmklassiker zum Thema Holocaust. Nun war er zur Beerdigung seiner Ex-Frau in Berlin, und im Hotel Kempinski stellte er fest, dass Israel auf der Liste der Ländervorwahlen fehlte, die in seinem Zimmer auslag. Sie hatten dort 35 Länder aufgeführt, insgesamt gibt es etwa 240 Vorwahlen. Israel teilte dieses Schicksal also mit 204 anderen Gemeinwesen dieser Erde, darunter werden sicher auch ein paar relativ wichtige und bevölkerungsreiche Staaten gewesen sein. Lanzmann war wütend, ging zur Rezeption, fragte nach einem Verantwortlichen des Hotels. Ein freundlicher Mann erschien und sagte, er sei selbst Jude. Israel sei auf Anweisung der Hoteldirektion von der Vorwahlliste gestrichen worden, man folge damit dem Wunsch arabischer Gäste. Lanzmann schrieb darüber einen Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Hotelkette Kempinski, die heute Thailändern gehört, ließ erklären, dass es eine solche Anweisung nicht gebe, dass man sich bei Lanzmann entschuldige und dass ab sofort Israel auf der Liste stünde. So weit die Fakten.

Dass Claude Lanzmann sich aufregte, konnte ich nachvollziehen, vor allem in Anbetracht seiner Biografie und der Tatsache, dass dem Staat Israel von arabischer Seite das Existenzrecht bestritten wird. Als ich den Artikel las, hatte ich trotzdem den Eindruck, dass hier ein um etwa drei Nummern zu großes Fass aufgemacht wird. "Wir sind in Berlin, und Israel existiert nicht ... Man muss die Vorwahl erst in Erfahrung bringen ... Wie ist es möglich, in der Hauptstadt des neuen Deutschlands, dass Israel eliminiert, getilgt, ausgemerzt wird? Dass Israel ausradiert wird ... Israel existiert nicht." Vor allem die Anspielungen auf die Nazis, "eliminiert", "ausgemerzt", fand ich bei einer Telefonnummer bigger than life. Das sind halt Thais, dachte ich, die kennen sich mit der europäischen Geschichte und dem Nahostkonflikt nicht so aus und erfüllen jedem Hotelgast ohne großes Nachdenken sofort jeden Wunsch. Ich war in Thailand, da läuft es so.

Immerhin ist einer der leitenden Herren des Hotels Jude, wie Lanzmann selbst schreibt, das ist doch eine Geste der Thais, die es bei den Nazis nicht gegeben hätte. "Als Lehre aus der deutschen Geschichte muss in jedem deutschen Hotelzimmer die Vorwahl von Israel schriftlich vorliegen", für mich klingt das leicht übertrieben. Fallt ruhig alle über mich her.

Dann schrieb der berühmte Regisseur: "Die Hotelhalle war voller Kinder, dreißig müssen es gewesen sein, in kurzen Hosen, sie fühlten sich sichtlich zu Hause, sie kümmerten sich um keinerlei Belange des Anstands. Es kam mir wie eine Art Besatzung vor." Er vergleicht spielende Kinder mit Besatzungssoldaten und scheint anzuregen, dass Kinder aus Hotellobbys getilgt und ausgemerzt werden. Als Vater eines Zweijährigen muss ich sagen: Das kann ich verstehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Wenn die Aussage des von Herrn Lanzmann angeführten Verantwortlichen stimmt, dann ist es in der Tat ein Beispiel für das, was Sie schleichenden Antisemitismus nennen. Aber ich habe den ursprünglichen Artikel so gelesen, dass er sich schon vorher über das Fehlen Israels furchbar aufgeregt hat. Und dafür sehe ich eigentlich keinen Anlass.

Diesen schleichenden, perfiden und subtilen Antisemitismus gibt es. Aber wenn man sich öffentlich empören will, sucht man sich dann doch besser klarere Fälle.

(Ich habe mich jahrzehntelang über den erbärmlichen Zustand der Rat-Beil-Straße in Frankfurt aufgeregt, die am Jüdischen Friedhof vorbeiführt. Aber ob das schleichender Antisemitismus seitens der Stadt war?)

"Wir gehen tief gebückt ... Ergebnis: die Afd wird gewählt."

Ach, bitte schließen Sie doch nicht von sich auf andere.

Mir stehen nach über 20 Jahren die Bilder aus Lanzmanns "Shoah" noch vor Augen und ich würde gewiss nicht - im Stil der häufigen Martenstein-Dummwurschtigkeit - von einem "er hat Shoah gemacht" schreiben - weil ich solche Bilder in Beziehung setze zu jüdischen Kindergärten, Schulen, Altersheimen, Synagogen, die hierzulande noch heute unter starkem Polizeischutz stehen müssen. Dem Dokumentarfilmer, der "Shoah gemacht" hat (echt, Martenstein, Sie sind ja ein toller Schreiber & brauchen gerade mal eine Köbes-Augstein-Klickstrecke?) billige ich das Gefühl der Bedrohtheit zu.

Für die Überreiztheit eines sehr alten, über 90-jährigen Mannes kann ich also ein gewisses Maß an Empathie aufbringen, die mediale Aufgeregtheit habe ich einfach ignoriert.

Was Sie dann als Pflicht zum Buckeln herauslesen, das ist schlicht Ihre eigene Machtparanoia.
"Kriecherei" vermeidet man, indem man mit klarem Kopf koscher argumentiert, nicht indem man über den "Sinn der Kriecherei" lamentiert.

Neue deutsche Weinerlichkeit, die sich über Weinerlichkeit beklagt und AfD wählt. Jesus, hilf.