Idole "Hören Sie auf, anderen hinterherzurennen!"

Von wem lernt man die wichtigen Dinge? Wer macht einem Mut? Wer zeigt einem, wie das Leben geht? Zehn Frauen aus Wissenschaft, Kultur und Politik erzählen von ihren weiblichen Vorbildern.
ZEITmagazin Nr. 37/2016

Johanna Wokalek

41, ZÄHLT MIT ROLLEN AM WIENER BURGTHEATER UND IN FILMEN WIE "DER BAADER MEINHOF KOMPLEX" ZU DEN BEKANNTESTEN DEUTSCHEN SCHAUSPIELERINNEN

Johanna Wokalek © Steffen Kugler/Getty Images

In diesem Sommer ist posthum der Erzählband Was ich sonst noch verpasst habe von Lucia Berlin erschienen. Bisher kannte ich die Autorin nicht. Ihre eigenwilligen und überraschenden Erzählungen haben mich aber von der ersten Seite an beeindruckt. Ich hatte lange nicht mehr ein solches Leseerlebnis – sogar physisch! Oft ging mein Atem schneller, manchmal musste ich laut lachen. Lucia Berlins Sprache ist sehr einfach, hat dabei eine ironische Distanz und ist voller witziger Einschübe. Sie schreibt über Begegnungen im Waschsalon oder im Krankenhaus, es gibt eine ganze Passage über Putzhilfen. Lucia Berlin hat viel durchgemacht: Sie hatte Skoliose, bekam vier Kinder von zwei Männern, musste alle möglichen Jobs annehmen, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten, war, genau wie ihre Mutter, alkoholkrank – und begegnete dem Leben doch trotz allem mit großer Heiterkeit. Das war für mich eine Erkenntnis: Jede noch so schwierige Situation lässt sich mit Humor bewältigen, weil ja auch in jeder Situation, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man auf sie schaut, ein Witz steckt. Lucia Berlin muss unglaublich geistreich und stark gewesen sein. Ich hätte sie sehr gerne mal getroffen.

Christiane Nüsslein-Volhard

73, IST BIOLOGIN. 1995 ERHIELT SIE DEN "NOBELPREIS FÜR PHYSIOLOGIE ODER MEDIZIN" FÜR IHRE FORSCHUNGEN ZUR GENETISCHEN KONTROLLE DER EMBRYONALENTWICKLUNG

Die erste Frau, die mir sehr imponiert hat, war meine Großmutter – sie war professionelle Malerin, hat allerdings mit 29 Jahren geheiratet und ist damit den bürgerlichen Weg gegangen. Als eine Persönlichkeit, die etwas wirklich gut konnte, hat sie mich aber sehr beeindruckt. In meiner Familie waren alle anderen Hausfrauen, zwar sehr gescheit, aber nie berufstätig. Als Kind war ich idealistisch und dachte: Ich schaffe beides. Meine Großmutter war sehr streng und hatte eine enorme Disziplin. Das kann ich von mir nicht behaupten – Sie müssten mal meinen Schreibtisch sehen. Aber von ihr habe ich mir abgeschaut, sich auf eine Sache zu konzentrieren, in der man wirklich gut ist. Im Fach Biologie war ich eine der ganz wenigen Frauen, deshalb hatte ich dort nie ein Vorbild. Dafür habe ich einiges über Männer gelernt. Männer hegen eine ständige Angst vor Gesichtsverlust. Wenn man sie auf einen Fehler hinweist, verzeihen sie einem das nie. Man sollte deshalb nicht zu dominant auftreten. Gleichzeitig darf man sich niemals von anderen beirren lassen, wenn man nach oben will. Ich habe früh erkannt, dass man es nie allein nach oben schafft. Wenn ich jungen Karrierefrauen einen Rat geben würde, dann diesen: Stellen Sie eine Putzfrau ein!

Margherita Missoni

33, DESIGNERIN, IST DIE ENKELIN DER GRÜNDER DES MODEHAUSES MISSONI

Margherita Missoni © Pascal Le Segretain/Getty Images

Das Modehaus Missoni wäre ohne unsere Großmutter Rosita undenkbar. Mein Großvater Ottavio, mit dem sie das Label in den Fünfzigern gegründet hat, war ein Freigeist, der nie vor dem Mittagessen ins Büro kam. Er wäre wohl Straßenmaler geworden, hätte Rosita nicht so diszipliniert unser Familienunternehmen aufgebaut. Und dennoch hat sie sich nicht an ihrer beruflichen Rolle festgekrallt: Mit Mitte 60 übergab sie ihre Position als Kreativchefin an meine Mutter – und hat von da an Möbelstücke entworfen. Als Kind hatte ich große Angst, Rosita zu enttäuschen. Sie hat hohe Erwartungen an sich und ihre Umwelt. Als ich später mein Philosophiestudium abgebrochen habe, um Schauspielunterricht zu nehmen, habe ich mich nicht getraut, ihr das zu beichten. Meine Mutter hat mich hingegen ermutigt. Auch sie ist ein großes Vorbild für mich. Sie verbringt viel Zeit mit ihren Leidenschaften: Sie pflanzt Gemüse an und pflückt Blumen. Bei jeder Schwangerschaft hat sie ein neues Projekt begonnen: einen Hühnerhof, einen Kindergarten, ein Schmucklabel. In dieser Hinsicht bin ich meiner Mutter sehr ähnlich: In New York habe ich als Schauspielerin gearbeitet, danach bin ich zurück nach Italien gezogen, um bei Missoni zu arbeiten – und nun mache ich mein eigenes Modelabel für Kinder. Mal schauen, was als Nächstes kommt!

Katarina Barley

47, IST SEIT NOVEMBER 2015 GENERALSEKRETÄRIN DER SPD

Vor meinem Einstieg in die Politik arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht. Ich erinnere mich an einen Moment am Anfang meiner Karriere, der mich sehr geprägt hat: Ich hatte für einen Beschluss einen Entscheidungsvorschlag ausgearbeitet und meiner Chefin, der Richterin Renate Jaeger, vorgelegt. Während sie den Vorschlag prüfte, stand ich hinter ihr am Schreibtisch. Trotzdem bemerkte sie gleich, wie ich mich ärgerte, als sie vorschlug, noch einen wichtigen Aspekt hinzuzufügen – ich wäre gerne selbst auf den Gedanken gekommen. Da sagte sie zu mir: "Frau Barley, ich bin seit 30 Jahren Richterin. Wenn ich nicht irgendetwas besser könnte als Sie, dann hätte ich in meiner Karriere doch etwas falsch gemacht." Sie hat mir beigebracht, konstruktive Kritik nicht als Angriff zu verstehen. Gerade Frauen stellen oft unrealistisch hohe Forderungen an sich selbst und lehnen sogar Aufgaben ab weil sie fälschlicherweise glauben, ihnen nicht gewachsen zu sein. Männer sind da entspannter. Renate Jaeger sichtete jede Verfassungsbeschwerde als Erste. Einmal sagte sie: "Selbst wenn ein Vorbringen auf Klopapier geschrieben wurde, kann es Hand und Fuß haben." Auch das habe ich mir gemerkt: Sogar hinter einem unangemessen vorgetragenen Anliegen kann ein berechtigtes Anliegen stecken.

Martha Nussbaum © Miguel Riopa/Getty Images

Martha Nussbaum

69, IST EINE DER WICHTIGSTEN PHILOSOPHINNEN DER GEGENWART. IN DIESEM JAHR WURDE SIE MIT DEM RENOMMIERTEN KYOTO PRIZE IN ARTS AND PHILOSOPHY GEEHRT

Als ich als junge Philosophin in Harvard war, zunächst als Doktorandin und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Privatdozentin, gab es an meiner Fakultät keine anderen Frauen, und es hatte nie eine gegeben. Aus diesem Grund hatte ich nie ein weibliches Vorbild. Sicherlich wäre die Situation in Anwesenheit anderer Frauen für mich anders gewesen, zumindest, wenn sich diese Frauen gegenseitig unterstützt hätten, was leider nicht immer der Fall ist. Allerdings gab es in dieser Zeit wichtige männliche Professoren, die sich sehr für Frauen einsetzten und sie förderten. Der Mensch, der mich am meisten geprägt hat, war der große Philosoph Bernard Williams, der leider 2003 verstorben ist. Er bestärkte mich darin, über Themen zu schreiben, die bis dahin als zu girly für die Philosophie gegolten hatten: Liebe, Freundschaft, Gefühle. Er verstand die Barrieren, die Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung im Weg standen, besser als andere noch so wohlwollende Männer. Lange vor der Justiz sah Bernard Williams in der sexuellen Belästigung von Frauen einen kriminellen Akt. Mein Doktorvater hat mich immer wieder belästigt, und es war Williams, der wusste, wie stark meine Würde damit verletzt wurde. Dagegen protestierte er. Diesen Mut habe ich an ihm sehr bewundert.

Dinesh Chenchanna

46, WURDE IM INDISCHEN BANGANAPALLI GEBOREN UND WUCHS IN DEUTSCHLAND AUF. DIE FERNSEHJOURNALISTIN IST SEIT 2013 KOORDINATORIN VON ZDFKULTUR UND 3SAT

Ein indisches Sprichwort besagt: Man soll sein Leben leben wie eine Seerose. Sie schwimmt auf dem Wasser, aber wird nicht nass. Mit solchen Philosophien bin ich aufgewachsen. Als Kind hat mir meine Mutter indische Geschichten von Göttern und Menschen erzählt. Jedes Mal gewinnt man eine neue Erkenntnis daraus. Meine Mutter war sehr gut darin, diese Weisheiten so zu formulieren, dass sie in allen Kulturen anwendbar sind. Meine Eltern sind meine Vorbilder, die meisten meiner Lebensansichten habe ich von ihnen geerbt: Demut und Respekt vor dem Leben; Pflichtbewusstsein gegenüber den Aufgaben, die man auf Erden hat; den Schutz der eigenen Seele. Dass ich Journalistin werden wollte, wusste ich schon mit 14. Der Beruf erschien mir damals aber wie ein ferner Traum. Anders als die Generation meiner Mutter kann ich heute als Frau Familie und Erfolg im Beruf haben – allerdings nicht gleichzeitig. Mit der Geburt eines Kindes geht eine große Fremdbestimmung einher, und es ist wichtig, seine innere Autonomie aufrechtzuerhalten. Mein wichtigster Ratschlag für junge Frauen, die Karriere machen und Kinder bekommen wollen, ist, ihre Rollen konsequent zu trennen: in Mutter, Beziehungspartnerin und Karrierefrau.

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