Perforiertes Lederkleid von Anthony Vaccarello © Horst Diekgerdes, Styling Klaus Stockhausen

Naomi Campbell Totale Kontrolle

Naomi Campbell braucht kein Power-Dressing. Sie ist Power. Eine Audienz beim unberechenbarsten Supermodel der Welt. Von

ZEITmagazin Nr. 37/2016

Hohe, weiße Backsteinwände, dunkelbrauner Holzfußboden, in der Mitte des Studios steht ein olivgrünes Ledersofa. Junge Männer in engen Jeans ziehen Wände aus schwarzem Stoff ein. Aus dem Lautsprecherkasten tönt verträumter Pop. Unter den breiten Fenstern steht ein Frühstücksbuffet: Bagel, Cream Cheese, dicke Scheiben Toastbrot, Marmelade, kleine Buttercroissants. Nichts davon wird sie essen. Wenn sie kommt. Das Rezept für den grünen "juice", nach dem sie vielleicht verlangen wird, weiß ich auswendig: 2 Tassen Spinat, 1,5 Äpfel, 6 Stangen Sellerie, ein Stück Ingwer, ein Prise Cayennepfeffer, eine halbe Zitrone. Es stand in einer E-Mail, die sich wie eine Kurz-Anleitung las "How to: Naomi Campbell".

Drei Stunden später betritt Campbell das Londonder Fotostudio. "Hello, everyone", sagt sie und dreht die Hand kurz nach rechts, ein angedeutetes Winken.

Sie geht sofort in den winzigen Ankleideraum. Man spürt trotzdem, dass sie da ist. Hängende Köpfe von Assistenten und Produzenten. Stur nach unten gerichtete Blicke. Tänzelnde Schritte und lautlose Bewegungen. Niemand möchte einen Fehler machen, denn die verzeiht Naomi Campbell nicht. Sie ist legendär reizbar: Das wohl unberechenbarste und gleichzeitig mächtigste Model der Welt. Damit ist ihr etwas gelungen, was für Models eigentlich unmöglich ist. Models haben gewöhnlich keine Macht, sie tragen Kleider, ohne sie zu besitzen. Ihre Körper sind jung und dürr und makellos und verschwinden hinter den Ideen der Designer und Fotografen. Manchmal werden sie behandelt wie Gegenstände. Nicht so Naomi Campbell. Sie ist nie verschwunden. Sie ist seit 30 Jahren im Modegeschäft. Und sie wirkte auch noch nie verkleidet. Selbst als sie 2007 verurteilt wurde, weil sie einem Hausmädchen ein Blackberry an den Kopf geworfen hatte. Sie leistete ihre Sozialstunden in Dolce & Gabbana ab.

In den neunziger Jahren gehörte sie neben Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Linda Evangelista und Christy Turlington zu den "Original Supermodels". Models waren damals wie Rockstars. In die Gegenwart hat es nur Naomi Campbell geschafft. Sie läuft immer noch über Laufstege. Laufstege, auf denen sonst die neuen Mädchen unterwegs sind. Solche mit Zuckerwatte-Namen wie Gigi, Bella, Karlie.

Nach zwei weiteren Stunden Wartezeit darf ich den Ankleideraum betreten. Campbell sitzt auf einem Stuhl, sie trägt einen weißen Bademantel und weiße Slipper. Der Mantel ist offen, so, dass man Bauch und Brüste und Beine sieht. Sie trägt sehr knappe Unterwäsche. Aber dieses fast nackte Dasitzen wirkt kein bisschen schamlos oder vulgär, sondern elegant und befreit und sie dann doch sehr groß. Campbells Körper ist der einer jungen Frau. Ihr Alter lässt sich nur an den kleinen Falten um Mund und Augen ablesen. Im Mai wurde sie 46. Ich stehe schräg hinter ihr, zwischen uns ein Hair-Stylist und ein Make-up-Artist, die beide furchtbar schwitzen. Kein "Hello, I’m Naomi". Dafür ein "Hi, Dan". In beiden Händen Telefone. Ihre Stimme kratzt und brummt. Sie verschluckt das T, wie es Leute aus Südlondon tun, und reiht Wörter so weich aneinander, als seien sie eins.

Samtcape von Prada © Horst Diekgerdes, Styling Klaus Stockhausen

Nachdem sie links aufgelegt hat, tippt sie Kurznachrichten in das rechte Blackberry. Ihre Nägel sind hellrosa lackiert. Plötzlich sagt sie: "Komm schon, fang mit den Fragen an", als hätte ich sie warten lassen, – nicht umgekehrt. Wir reden über Frauen und Kleidung. Während sie spricht, hält sich ihr Blick am eigenen Spiegelbild fest. Naomi erzählt, sie habe angefangen, sich bewusst anzuziehen, als sie in Clubs gegangen sei. "Ich wollte aussehen wie Boy George." Sie sagt: "Ich ziehe mich nur für mich selbst an – nie für andere." Und sie nennt ein Stil-Vorbild: Die Schauspielerin Donyale Luna – die erste Schwarze, die es auf das Cover der amerikanischen Vogue geschafft hat. Naomi war das erste schwarze Model auf dem Cover der französischen Vogue.

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