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Das war meine Rettung "Ihr wollt lachen, aber ihr dürft nicht"

Als der KGB Natan Scharanski mit dem Tod drohte, erzählte der Dissident Breschnew-Witze. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 37/2016

ZEITmagazin: Herr Scharanski, Ihr eigentlicher Vorname ist Anatoly. Wann haben Sie Ihre jüdische Identität entdeckt?

Natan Scharanski: Mein Großvater wollte, dass ich nach seinem Vater Natan benannt werde, aber in der Ukraine wurden die Juden im Jahr 1948 unterdrückt. Wir lebten in einem antisemitischen Umfeld, deshalb nannten mich meine Eltern Anatoly. Ich wuchs auf, ohne etwas über die jüdische Geschichte oder Religion zu erfahren. Zur gleichen Zeit wusste ich aus den Ausweisen meiner Eltern sehr wohl, dass ich jüdisch bin.

ZEITmagazin: Der Zusatz "jüdisch" war in Ihrem Ausweis vermerkt.

Scharanski: Der Staat traute den Juden nicht. Jüdisch zu sein bedeutete auch, dass einige Universitäten, Berufe und Ausbildungen für Juden verboten waren. Offiziell gab es dieses Verbot nicht, aber man konnte sich sicher sein, dass man die Prüfungen nicht besteht. Die Botschaft, die wir Kinder von unseren Eltern übermittelt bekamen, war: Weil du jüdisch bist, musst du der Beste sein, um zu überleben. Im Alter von 20 Jahren war ich darauf eingestellt, ein ergebener Bürger zu sein, der gut in Physik, Mathematik und Schach ist.

ZEITmagazin: Dann entschieden Sie sich aber für ein anderes Leben.

Scharanski: Schon ganz am Anfang meines Kampfes gegen den KGB habe ich begriffen, dass es gefährlich ist, mich auf egal welche Kompromisse einzulassen. Ich wusste, dass sie versuchen werden, mich zu überzeugen, dass mein physisches Überleben das Wichtigste ist.

ZEITmagazin: Sie wanderten daraufhin 16 Monate ins Lefortowo-Gefängnis in Moskau und neun Jahre in ein Lager in Sibirien.

Scharanski: Ich hatte mich entschieden, niemals mit irgendetwas einverstanden zu sein. Das war mein Leitprinzip in all diesen Jahren. Es war meine bewusste Entscheidung, Dissident zu werden. Ich habe nicht mehr an die Staatsideologie geglaubt und wollte als freier Mensch nach Israel ausreisen.

ZEITmagazin: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie der Volksverhetzung, der antisowjetischen Propaganda und der Spionage im Auftrag der USA beschuldigt wurden?

Scharanski: Im Jahr 1973 hatte ich eine Ausreisegenehmigung für Israel angefragt, die aus Sicherheitsgründen abgelehnt wurde. Am 15. März 1977 wurde ich von der KGB-Geheimpolizei verhaftet. Sie drohten mir mit dem Tod, wenn ich nicht mit ihnen kooperiere. In den ersten Monaten des Verhörs machte man mir deutlich, dass, wenn ich weiterhin so stur bleibe, ich von einem Exekutionskommando erschossen werde.

ZEITmagazin: Sie waren sich trotz Todesdrohung Ihrer bewussten Entscheidung immer noch sicher?

Scharanski: Wenn du die Linie dieser manipulierten Denkweise überschreitest, wirst du zum ersten Mal in deinem Leben ein freier Mensch, weil du genau das sagst, was du denkst, und du das tust, was für dich richtig ist.

ZEITmagazin: Was waren Ihre Methoden, um am Leben zu bleiben?

Scharanski: Ich spürte körperlich die tödliche Bedrohung und verstand, die einzigen Waffen, die ich hatte, waren die in meinem Kopf. Also beschloss ich, das Wort Hinrichtung so oft zu benutzen, wie ich nur konnte. Ich war nicht wirklich davon überzeugt, dass sie mich töten würden. Um nicht die Kontrolle zu verlieren, habe ich das Wort immer mit einem Lächeln ausgesprochen, so oft es nur ging, damit es zu einem x-beliebigen Wort wird und damit es seine beängstigende Wirkung verfehlt. Die Wächter waren überrascht, dass ich das Wort immer und immer wieder sagte. Sie dachten, es müsste mir doch Angst machen. Die andere Strategie war, meinen Verstand zu mobilisieren und nicht den Versprechen, die mir gegeben wurden, zu glauben. Genauso wichtig war es zu versuchen, immer zu lachen: für das Selbstvertrauen.

ZEITmagazin: War Humor für Sie eine wichtige Überlebensstrategie?

Scharanski: Ja, absolut. Du darfst niemals deinen Sinn für Humor verlieren, du musst lachen können, auch in dem Moment, wenn du vor einem KGB-Agenten stehst. Ich habe jede Möglichkeit genutzt, den KGB-Leuten zu zeigen, dass sie eigentlich die wahren Sklaven sind. Ich erzählte ihnen sehr lustige Witze über Breschnew.

ZEITmagazin: Langjähriger sowjetischer Staatschef.

Scharanski: Sie konnten das Lachen kaum zurückhalten, aber sie durften nicht lachen, denn das wäre das Ende ihrer Karriere gewesen. Also wurden sie wütend und haben mich angeschrien. Ich sagte dann: Seht ihr? Ihr wollt lachen, aber ihr dürft nicht, und gleichzeitig wollt ihr mir sagen, dass ihr freie Menschen seid und ich der Gefangene?

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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