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Budapest Kinder an der Macht

Wie im Budapest des Jahres 1945 ein paar Jungen und Mädchen einen eigenen Staat gründeten. Von
ZEITmagazin Nr. 38/2016

Als der Zug an jenem verregneten Tag im Oktober 1945 aus dem Bahnhof von Cherbourg-Octeville Richtung Osten rollt, klammert sich László Keveházi an einem Metallhaken auf dem Dach eines Waggons fest. Er hat sich zwischen anderen Jungs und Männern, die sich wie er keine normale Fahrkarte leisten können, einen Platz gesichert. Eine lange Reise liegt vor ihm, nach Ungarn, seiner Heimat, hinter ihm liegen Wochen voller Angst. László ist 17 Jahre alt, und in den letzten Kriegsmonaten, als die ungarischen Faschisten ihn an die Ostfront abkommandieren wollten, schickte ihn seine Mutter nach Nordfrankreich. Warum er mit anderen Bekannten aus Ungarn ausgerechnet in Cherbourg-Octeville gelandet ist, weiß László nicht. Die Hauptsache war: sich weit weg vom Krieg im Osten zu verstecken.

Zwei Tage lang fährt der Zug mit den frierenden Passagieren auf dem Dach an abgebrannten französischen Feldern vorbei, durch zerbombte deutsche Städte. Schließlich erreicht er Ungarn, passiert Dörfer, deren Bewohner verzweifelt winken.

László sieht die Verwüstung, die Not, die der Krieg hinterlassen hat. Auch seine eigene Welt liegt in Trümmern. Er weiß, dass sein Vater, ein Lehrer, in sowjetischer Kriegsgefangenschaft sitzt und dass sich seine Mutter in Budapest nicht um ihn kümmern kann. Sie kann sich selbst kaum über Wasser halten. Im Jahr 1945 versuchen viele Mütter, deren Männer tot, in Gefangenschaft oder verschollen sind, ihre Kinder irgendwo unterzubringen, weil sie nicht wissen, wie sie für sie sorgen sollen.

Dennoch verspürt László auf dem Dach des Zuges auch Vorfreude und Neugier, einen Funken Hoffnung. Er hat von einem unglaublichen Ort gehört. Einem Ort, wo Kinder und Jugendliche wie er willkommen sind, wo sie machen dürfen, was sie wollen, wo sie sogar spielen und endlich wieder Kinder sein können.

Gaudiopolis soll dieser Ort heißen, Stadt der Freude – das ist Lászlós Ziel, seine einzige Chance. Er findet Gaudiopolis am Fuße eines grünen Hügels in Buda.

Es ist keine Stadt, aber immerhin eine majestätische Villa an der Budakeszi Út. Die Straße säumen verlassene Gärten mit unzähligen Obstbäumen. Ganz oben auf dem Hügel wacht ein weißer Turm – ein Aussichtsturm, der einen einzigartigen Blick über Budapest bietet. Unten trennt die Donau Gaudiopolis von der Welt, die die Erwachsenen zerstört haben. Die Stadt der Freude liegt in Buda mit seinen ruhigen Wohnvierteln, die weniger stark zerbombt sind als Pest auf der anderen Flussseite, wo sich das Machtzentrum der ungarischen Faschisten befand.

Als László Keveházi den Vorgarten der Villa betritt, umringen ihn kleine Kinder, und gestandene Jungs schütteln ihm die Hand. Die vielen Namen und Gesichter kann er sich gar nicht so schnell merken: Péter, Tamás, Mátyás.

László klopft an die große Holztür der Villa, sie öffnet sich, und ein Pastor mit Krawatte, weißem Hemd und Hosenträgern steht vor ihm, die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt. Er bittet László herein. Später wird er ihm Gaudiopolis erklären: Hier hätten zwar die Kinder das Sagen, es gehe aber keineswegs nur um Spaß und Spielen. Sondern vor allem darum, dass die Kinder sich eigenständig und gut regierten – dass sie eine eigene Republik bildeten, eine Kinderrepublik.

71 Jahre ist es nun her, dass László Keveházi Bürger von Gaudiopolis wurde. Er ist, so wie die anderen Jungs von damals, ein alter Mann geworden. Andór, Béla, Péter, Tamás, alle sind sie auf den Zentralfriedhof von Buda gekommen, einen Spaziergang im Regen von der Budakeszi Út entfernt. Die Gaudiopolis-Villa beherbergt heute eine jüdische Grundschule und ein städtisches Heim für Kinder mit Behinderung.

Mitten im Labyrinth des Friedhofs bleiben die Männer vor einem unscheinbaren grauen Grab stehen. Der heute 89-Jährige Keveházi holt tief Luft, seine Augen sind hinter den beschlagenen Gläsern seiner Brille verschwunden. Die Männer falten ihre Regenschirme zusammen und verbeugen sich vor ihrem Helden: Pastor Gábor Sztehlo. Jenem Mann, der sie vor den Nachkriegswirren, dem Hunger und der Einsamkeit gerettet hat. László Keveházi legt einen Trauerkranz nieder, drapiert auf dem Grabstein die weiße Satinschleife. In goldenen Lettern steht darauf: "Wir werden nie vergessen".

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