Mordkommission Wenn alles rausmuss

Der Kommissar Wolfgang Metzger über die Kunst, Mördern ein Geständnis abzunehmen. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 38/2016

Polizeipräsidium Karlsruhe, zweiter Stock, Dezernat 1.1: "Leben / schwere Rohheitsdelikte". Hier arbeitet Wolfgang Metzger, 58 Jahre alt, Erster Kriminalhauptkommissar. Sein Büro, das Metzger in seinem weichen Badisch "Geschäft" nennt, ist hell und aufgeräumt und sieht aus wie ein gewöhnlicher Arbeitsplatz. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man an der Wand Fotos von abgeschlossenen Fällen und liest, was auf den Rücken der Ordner im Regal steht: "Mord", "versuchter Mord", "Totschlag". Seit fast 30 Jahren ermittelt Metzger, wenn in Karlsruhe jemand getötet wird. Was erlebt man als Kommissar in einer ganz normalen mittelgroßen deutschen Stadt? Wie bringt man jemanden dazu, einen Mord zu gestehen? Und was lernt man bei alldem über den Menschen und das Leben?

ZEITmagazin: Herr Metzger, im vergangenen Jahr haben Sie in einem Fall ermittelt, der für Aufsehen gesorgt hat: Ein Mann erzählte auf einem Polizeirevier in Basel, er habe vor 28 Jahren in Karlsruhe eine junge Italienerin umgebracht. Wie haben Sie reagiert, als die Schweizer Kollegen Sie anriefen?

Wolfgang Metzger: Ich war elektrisiert und hatte sofort das Gefühl: Da musst du dich drum kümmern. Den möchte ich vor mir haben. Nicht aus Ehrgeiz, sondern weil es vermutlich eine Gelegenheit ist, die es nur ein Mal gibt. Ich war damals, 1987, als junger Polizist an den Ermittlungen beteiligt. Und diesen Fall hatte jeder hier noch gut in Erinnerung.

ZEITmagazin: Warum?

Metzger: Es war ein Leichenfundort, wie wir ihn noch nicht gesehen hatten. Wir waren geschockt und fragten uns: War das einer, oder waren es zwei? Ein Sadist? Macht der das öfter?

ZEITmagazin: Wie sah der Tatort denn aus?

Metzger: Eine kleine Waldlichtung am Rand des Schlossparks, mitten in der Stadt. An dem Sonntag, an dem das Mädchen getötet wurde, war da sehr viel los, Tina Turner spielte im Wildparkstadion, man konnte die Musik im Park gut hören.

Er holt einen Ordner aus dem Regal, blättert ihn auf. Fotos zeigen eine junge Frau, auf dem Rücken liegend. Jeans, gelber Pullover. Um ihren Hals ist ein Seil gewunden, die Enden sind an zwei Bäumen befestigt, sodass das Seil unter Spannung steht. In ihrem Mund steckt ein kurzes Stück Holz.

Metzger: So haben wir Antonella gefunden. Sie war keine acht Wochen in Deutschland, sprach kein Wort Deutsch. Eine junge italienische Frau, 25 Jahre alt, die über den Sommer in einer Eisdiele arbeitete, als Saisonkraft. An ihrem ersten freien Tag ist sie mit dem Fahrrad losgefahren und im Schlosspark zufällig dem damals 19-jährigen Mann begegnet.

ZEITmagazin: Gab es Zeugen für diese Begegnung?

Metzger: Nein. Das war erstaunlich. Der Park war voll, und wir haben die Informationen weit gestreut, mit Fahndungsplakaten, Aufrufen übers Radio und die Zeitung. Aber es gab kaum Hinweise. Antonella hatte keine Freunde, keine Bekannte, nichts. Wir hatten keine Spur. Jetzt wissen wir, dass der Mann ein paar Tage nach der Tat zu seiner Mutter in die Schweiz gezogen ist, was lange geplant war und ja nicht ungewöhnlich ist. Wir hätten ihn nie gefunden.

ZEITmagazin: Wieso waren Sie sich sicher, als die Schweizer anriefen, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Verrückten handelte, der einen Mord gesteht, von dem er gelesen hat?

Metzger: Das hätte natürlich sein können, es war Fastnacht in Basel, und der Mann war betrunken, als er aufs Revier kam. Vielleicht hätten die Kollegen uns auch nicht so schnell alarmiert, wenn er nur gesagt hätte, dass er vor 28 Jahren eine Italienerin in Karlsruhe getötet habe. Aber er sagte noch etwas: dass er ihr ein Stück Holz in den Mund gesteckt habe. Da wusste ich: Selbst wenn er nicht der Täter ist, war er auf jeden Fall dort.

ZEITmagazin: Wieso konnten Sie das annehmen?

Metzger: Weil wir über all die Jahre nicht öffentlich gemacht haben, wie wir Antonella gefunden hatten. Wir haben dieses Wissen extra zurückbehalten. Das war im Grunde das, was heute der DNA-Treffer ist: Wenn einer das weiß, dann war er dort. Deshalb bin ich gleich zwei Stunden nach dem Anruf der Kollegen nach Basel gefahren. Und dann saß ich ihm gegenüber.

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