Architektur Tollhäuser

Der bolivianische Architekt Freddy Mamani Silvestre verändert mit seinen Bauten seine Heimatstadt El Alto. Das gefällt nicht jedem. Dabei sind seine Arbeiten ein Akt der Befreiung. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2016

Die wundersamen Paläste, die Freddy Mamani Silvestre im bolivianischen El Alto gebaut hat, könnte man als landmarks bezeichnen – als Orientierungspunkte für die Zukunft. Die Bauten sind verteilt in einer Stadt, deren Farbspektrum sich vor allem so beschreiben lässt: grau, rot, braun. In El Alto gibt es keine Bäume. Auf der Hochebene ist es kalt, staubig und sehr windig. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 9,3 Grad.

Beim Blick auf die Aufnahmen von Silvestres Architektur, die der Fotograf Peter Granser gemacht hat und die gerade in einem feinen Künstlerbuch der Edition Taube erschienen sind, denkt man eher an Las Vegas (in den guten Zeiten) oder an alte Science-Fiction-Filme, irgendwie auch an den österreichischen Kauz Friedensreich Hundertwasser und an Tropicália, die kulturpolitische Bewegung im Brasilien der sechziger Jahre. Und dieser gedankliche Rückwärtsgang passt schon ganz gut, weil der 45-jährige bolivianische Architekt Freddy Mamani Silvestre mit diesen irren Farbbomben auch erinnern, zurückholen und festhalten will.

Seit 2005 hat er 60 Projekte in El Alto abgeschlossen. Sein spektakulärster Bau heißt Prince Alexander. Auf dem Dach gibt es eine Fußballhalle. Silvestre ist gelernter Maurer, studierter Ingenieur und autodidaktischer Architekt. Seine Pläne skizziert er auf einer Wand oder gibt sie mündlich an seine Mitarbeiter weiter. Formale Entwürfe gibt es nicht. Auch keinen Computer. Im Durchschnitt kostet ein Haus 250.000 Dollar. Ohne Material. Marmor und Keramik sind wesentliche Bestandteile. Mamani baut Häuser für die Neureichen von El Alto. Seine Häuser sind ihre Statussymbole neben all der Backsteineinöde.

Bolivien ist das ärmste Land in Lateinamerika. Der Wirtschaft in El Alto geht es verhältnismäßig gut. El Alto wird auch "der trockene Hafen Boliviens" genannt. Die Stadt auf 4.000 Höhenmetern ist Hauptumschlagplatz für die Im- und Exporte im Land. Nicht jeder Handel ist legal. Ende 2013 wurden von der Polizei 392 Kilogramm Kokain sichergestellt. Als die Stadt vor 30 Jahren gegründet wurde, ursprünglich an den Hängen von La Paz, weil es damals nicht aufhören wollte zu wachsen, war El Alto eine Armensiedlung. Für Stadtplanung oder Architektur gab es kein Geld, weil niemand welches hatte. Heute leben 850.000 Menschen, vor allem indigene Bevölkerungsgruppen, in der Metropole, die eigentlich nur der unliebsame Stadtteil von La Paz bleiben sollte.

Unter der Präsidentschaft von Evo Morales – er regiert seit 2005 – haben die indigenen Bevölkerungsgruppen wie die Aymara, zu denen auch Silvestre gehört, ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Seine Architektur: poppige Läden im Erdgeschoss, Ballsäle für Feste im ersten, Eigentumswohnungen im zweiten Stock und ein Penthouse für den Besitzer auf dem Dach. Silvestres Architektur erzählt von diesem neu gewonnenen Vertrauen.

In einem Interview hat Mamani Silvestre mal gesagt: "Das ist typisch für uns Aymara: Wenn wir Geld haben, zeigen wir das auch." Aber Silvestres Fassaden erzählen auch von jahrhundertealten Traditionen: Die geometrischen Formen, die wie sehr strenge Schmetterlinge und Schlangen aussehen, erinnern an die Mythen der Aymara. Früher hat Silvestres Mutter diese Formen auf Trachten gewebt.

La Paz blickt kritisch auf die Nachbarstadt, die sich über die Jahre heimlich hochgearbeitet hat, metaphorisch wie geografisch, und die die einstige Mutter nun im Schatten stehen lässt. Die Kolonialstadt versteht Silvestres Bauten nicht. "Geschmackloser Protz", sagen ihre Architekten, die sich wie überall vor allem um ein klares Stadtbild bemühen. Aber eigentlich entsprechen seine Intensität, sein unvorhersehbares Bauen und sein irres Spiel von Bewegungen und Farben dem echten Leben ja viel mehr.

Und ein bisschen verhält es sich mit Silvestres Art der Architektur wie mit den Befreiungskämpfen und den Gleichberechtigungsakten überall auf der Welt: Irgendwann muss man die Stimme halt erheben. Laut sagen, wer man ist und wer man sein will, damit einem zugehört wird, damit man wahrgenommen wird. Und damit man sich endlich das nehmen kann, was einem zusteht.

Freddy Mamani Silvestre sagt mit seiner Architektur ja eigentlich nur: "Ich bin hier. Sieh mich an." Schon bald wird La Paz Vorstadt sein.


Die Fotografien von Peter Granser sind in dem Bildband "El Alto" (Edition Taube) erschienen.

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Das nenne ich Architektur! Mut zu Farbe, Form und Design. Zudem eine frische, lebensfrohe Architektur, wo schon der bloße Anblick gute Laune macht!

Dagegen hier in Stuttgart? Tristes Grau, in Sichtbeton, Stahl und strukturlosen Glasflächen geronnene Scheußlichkeiten, die Diktatur des rechten Winkels. Etwa das "Aquarium" (sog. "Kunstgebäude" am Schlossplatz - ein Glaswürfel - Wasser einfüllen, Fische einsetzen, fertig) oder der "Bücherknast" (sog. "Stadtbibliothek", ein trister dunkelgrauer Betonquader mit Schießschartenfestern schon der Anblick erzeugt Depressionen)

Bei öffentlichen Bauten regieren Bauzeichnerlehrlinge, die vermutlich zur Ausschreibungsteilnahme ein psychiatrisches Gutachten über klinisch manifeste Fantasielosigkeit vorlegen müssen, privaten Bauherrn nehmen Bebauungspläne, bei denen selbst Dachform, Traufhöhe, Dachneigung, Dachfarbe und Fassadengestaltung minutiös vorgeschrieben sind, jeden Gestaltungsspielraum.