Harald Martenstein Über Angela Merkels Formulierungskunst

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ZEITmagazin Nr. 39/2016

Kürzlich wurde Angela Merkel im Fernsehen gefragt, ob sie bei der nächsten Wahl wieder antritt. Ihre Antwort lautete: "Über die Frage, wie ich mich bezüglich einer weiteren Kanzlerkandidatur entscheide, werde ich zum gegebenen Zeitpunkt ja dann auch Bericht erstatten oder die Aussage machen."

In der deutschen Presse wurde diese Antwort so interpretiert: Angela Merkel wird irgendwann die Öffentlichkeit darüber informieren, ob sie ein weiteres Mal Kanzlerin werden will. Nachdem ich den Satz mehrmals gelesen habe, ist mir klar, dass sie genau dies nicht gesagt hat. Sie sagt, dass sie zu dieser Frage entweder "auch Bericht erstatten" wird oder aber über diese Frage "die Aussage macht".

Wenn man über eine Frage lediglich "Bericht erstattet", dann beantwortet man die Frage doch nicht. Man berichtet. Zum Beispiel könnte man berichten, wie oft einem diese Frage schon gestellt wurde, was diese Frage im historischen Kontext bedeutet oder welche sprachlichen Möglichkeiten es geben könnte, die Frage zu beantworten. Das wäre ein Bericht über eine Frage. Ein bisschen rätselhaft bleibt nur das Wort "auch". Angela Merkel verspricht den Deutschen ja glasklar, dass sie, falls sie einen Bericht über die Frage macht, auch noch etwas anderes, Zusätzliches tut, eine Sache, die über den Bericht über die Frage hinausgeht. Was dies sein könnte, lässt sie bewusst offen.

Die zweite Möglichkeit, die Angela Merkel andeutet: Sie macht über die Frage "die Aussage". Das also wäre die Alternative – kein Bericht, sondern eine Aussage. Eine Aussage über eine Frage ist aber ebenfalls etwas völlig anderes als eine Antwort. "Diese Frage finde ich blöd", so könnte zum Beispiel eine Aussage über eine Frage lauten.

Mit anderen Worten, Angela Merkel behält es sich ausdrücklich vor, auf die Frage nach einer erneuten Kandidatur niemals zu antworten. Warum berichtet die deutsche Presse nicht halbwegs zutreffend über das, was die Kanzlerin wirklich gesagt hat?

Unsere Kanzlerin soll privat sehr eloquent sein, aber sobald Mikrofone ins Spiel kommen, bleibt sie meist im Ungefähren. Einmal wollte sie mal etwas ganz klar und unmissverständlich sagen, dabei kam der Satz heraus: "Das Risiko für einen älteren Arbeitnehmer, wieder eine Arbeit zu bekommen, ist größer." Wenn ich, als an Angela Merkel gewöhnter Deutscher, Staatschefs aus den USA, England oder Frankreich höre, habe ich fast immer den Eindruck, dass vor mir ein präzise getimtes Feuerwerk aus Pathos, Witz, Ironie und Polemik gezündet wird.

Das berühmteste Merkel-Zitat ist der Satz "Wir schaffen das". Damit hat Angela Merkel angeblich gesagt, dass Deutschland es schaffen werde, seine zahlreichen Neubürger zu integrieren. Ich habe gedacht, das kann doch nicht sein, so eine klare Aussage ist überhaupt nicht ihr Stil. Inzwischen weiß ich, dass auch in diesem Fall eine verkürzende Fehlinterpretation durch die Medien vorgenommen wurde. Das Originalzitat lautet: "Das Motiv, in dem wir an diese Dinge herangehen müssen, muss sein, wir haben so vieles geschafft, wir schaffen auch das." Sie sagt also gerade nicht, dass wir das schaffen. Sie sagt, dass wir "in diesem Motiv" an diese Dinge herangehen müssen, also mit dem Vorsatz, es schaffen zu wollen. Mit dem Vorsatz "Ich will das nicht schaffen" an eine Aufgabe heranzugehen wäre ja auch unüblich. Eine Aussage dergestalt, dass wir es bezüglich dieser Dinge tatsächlich schaffen, hat sie doch gar nicht gemacht.

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