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Das war meine Rettung "Wer will schon als 18-Jährige seine Zähne abends in ein Glas legen?"

Vor sieben Jahren hatte Kristina Vogel einen Unfall – doch eine Helferin machte alles richtig. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 39/2016

ZEITmagazin: Frau Vogel, 2009 erlitten Sie auf dem Rad einen Unfall, bei dem Sie schwer verletzt wurden. Haben Sie Erinnerungen daran?

Kristina Vogel: Nein. Ich glaube, das ist auch eine Schutzfunktion des Gehirns, dass es sagt: Okay, das blenden wir aus. Für mich ist das gut, denn so kann ich weiter meinen Sport machen, ohne Angst zu haben.

ZEITmagazin: Wie kam es zu dem Unfall?

Vogel: Als ich vom Training nach Hause fuhr, kam mir ein Kleintransporter entgegen, der Fahrer unterschätzte mein Tempo und dachte, er könne noch schnell links abbiegen. So flog ich in die Seitenscheibe des Transporters.

ZEITmagazin: Wie schlimm waren Sie verletzt?

Kristina Vogel

25, ist Bahnradfahrerin und gewann gerade Gold bei den Olympischen Spielen – wie bereits vor vier Jahren. Sie ist mehrfache Weltmeisterin in unterschiedlichen Sprintdisziplinen. Vogel ist Bundespolizistin und lebt in Erfurt

Vogel: Ich habe unter anderem sechs Zähne verloren, hatte einen doppelten Kieferbruch, vier Handwurzelknochen waren gebrochen, ich hatte leichte Gehirnblutungen. Und meine Brustwirbelsäule war beidseitig gebrochen. Ich hatte ganz, ganz viel Glück, dass eine Helferin am Unfallort war, die mich nicht in die stabile Seitenlage gedreht hat. Hätte sie mich nur ein wenig falsch gedreht, wäre ich heute querschnittgelähmt, weil sich meine Bandscheibe ins Rückenmark gedrückt hätte. Sie hat zum Glück gemerkt, dass ich schlimme Schmerzen im Rücken hatte, und auf den Rettungswagen gewartet.

ZEITmagazin: Im Krankenhaus wurden Sie für zwei Tage in ein künstliches Koma versetzt. Als Sie aufwachten und begriffen, was passiert war, haben Sie da daran gedacht, mit dem Sport aufzuhören?

Vogel: Nicht einen Moment. Ich liebe meinen Sport. Als ich wieder einigermaßen bei mir war, waren die ersten Fragen, die mir durch den Kopf gingen: In welchem Krankenhaus liege ich? Ist meine Steuererklärung fertig? Kriege ich ein neues Fahrrad? Ich wollte und wollte und wollte, so schnell es ging, wieder Fahrrad fahren.

ZEITmagazin: Woher kam diese Kraft, dieser Wille?

Vogel: Meine Mama hat mir beigebracht, nicht aufzugeben, sie ist selbst eine Kämpfernatur. Und natürlich habe ich mir durch den Sport antrainiert, an mich zu glauben. Ich weiß, wie viel der Kopf steuert. Wenn man sich fest vorstellt, dass man etwas schaffen kann, hilft das enorm. Im Sport gibt es viele Situationen, in denen man das Herz in die Hand nehmen und kämpfen muss, auch wenn man am Ende vielleicht doch nicht gewinnt. Und diese Einstellung hilft einem auch im sonstigen Leben.

ZEITmagazin: War es für Sie in den Monaten nach dem Unfall schwerer, an sich zu glauben?

Vogel: Nicht immer. Ich musste mich damit abfinden, was geschehen war. Wer will schon als 18-Jährige seine Zähne abends in ein Glas legen? Das musste ich aber eine Zeit lang. In der Reha gab es dann Tage, wo es super lief, aber auch viele, wo es gar nicht ging. Wo die Narben rebelliert und geschmerzt haben und ich mich fragte: Wozu mache ich das eigentlich? Wenn man es dann schafft, den inneren Schweinehund zu überwinden, sind das am Ende die Tage, die einen wirklich weiterbringen.

ZEITmagazin: Neun Monate nach dem Unfall bestritten Sie wieder den ersten Wettkampf. Vor Gericht mussten Sie noch lange um Schmerzensgeld streiten. Ihr Gegner war der Freistaat Thüringen, weil der Unfallfahrer ein Polizist im Dienst war.

Vogel: Mich hat der Prozess mehr mitgenommen als der Unfall selbst. Wenn ein Sachverständiger analysiert, ob deine Verletzungen überhaupt von dem Unfall herrühren, fühlst du dich ohnmächtig. Die Gegenseite unterstellte mir eine Teilschuld: Es sei für den Fahrer nicht möglich gewesen, einzuschätzen, dass ich an der Stelle 50 km/h fahren konnte. Sie wollte mir nur 20.000 Euro zahlen, das war gerade mal der Wert meines Fahrrads. Als ich 2012 bei Olympia Gold im Teamsprint gewann, war ich zwar glücklich, aber ich habe mich auch gefragt: Wenn ich was gewonnen habe, schmückt sich Thüringen immer gern mit mir, warum lassen sie mich im Prozess so hängen?

ZEITmagazin: 2014 bekamen Sie endlich 92.000 Euro zugesprochen – deutlich mehr, als Sie gefordert hatten.

Vogel: Das war ein schönes Gefühl für mich. Nicht wegen des Geldes, sondern dass mir jemand geglaubt hat, mich wirklich als Opfer anerkannt hat.

ZEITmagazin: Als Sie nun in Rio im Einzelsprint erneut Gold gewonnen haben, war das eine Genugtuung für Sie?

Vogel: In Rio hat das für mich keine Rolle mehr gespielt. Der Unfall ist Teil meiner Geschichte, man sieht es mir ja auch an wegen der Narben im Gesicht. Aber ich will ihm nicht so einen großen Stellenwert in meinem Leben geben. Ich habe den Unfall nie als Ausrede benutzt oder versucht, daraus einen Vorteil zu schlagen. Und so soll es auch bleiben.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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