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Das war meine Rettung "Mir ist ADHS nie als Manko aufgefallen"

Die Schauspielerei ist für Devid Striesow der ideale Beruf – weil er ADHS hat. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 40/2016

ZEITmagazin: Herr Striesow, als Schauspieler stehen Sie im Rampenlicht. Wie gehen Sie in diesem Beruf mit dem Thema Angst um?

Devid Striesow: Nicht so sein zu dürfen, wie man gerade empfindet, ist für mich ein großes Thema: Angst zu haben und es nicht ausstrahlen zu dürfen. Ich blockiere schnell, wenn zum Beispiel ein Regisseur kein Vertrauen zu mir hat, dann kann ich nicht mehr – wenn jemand mir zeigt, dass er mich scheiße findet, mich ablehnt und mir misstraut. Früher, ganz am Anfang, bin ich in solchen Momenten durch die Hölle gegangen. Ich war porös und verletzlich. Jetzt bin ich gesettelt und kann damit besser umgehen.

ZEITmagazin: Wie gelingt es Ihnen abzuschalten?

Striesow: Wenn ich einen Crash erlebe, dann bin ich verletzt. Ich springe dem Regisseur nicht an den Hals und mache Schwierigkeiten, sondern ich gehe dann in mich, schalte mich erst mal weg, mir ist dann alles egal. In so einer Situation kann man sich nur selbst helfen. Ich nehme mich an, wie ich bin, und schaffe eine Distanz zum Geschehen. Ich sage mir, das hat nichts mit mir zu tun.

ZEITmagazin: Sie wissen seit einiger Zeit, dass Sie ADHS haben, eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung bei gleichzeitiger Hyperaktivität. Wie haben Sie das gemerkt?

Striesow: Auf Anraten meines Bruders habe ich mich testen lassen. Ich hatte keine Probleme mit mir, aber da wurde mir doch einiges klar, zum Beispiel, dass ich den idealen Beruf habe. Ich bin intuitiv bei der Schauspielerei gelandet, weil ich so bin, wie ich bin. Darum ist mir ADHS nie als Manko aufgefallen, es war in meiner Wahrnehmung nicht da. Ich bin ein Träumer-Typus, der innerlich oft wegschaltet, eine bestimmte körperliche Unruhe hat. Das nennt man, wenn es nicht zu auffällig ist, auch nur Agilität.

Devid Striesow

42, wuchs in Rostock auf. Nachdem er eine Lehre als Goldschmied angefangen hatte, wechselte er zur Schauspielerei. Sein neuester Film Das weiße Kaninchen, in dem es um Pädophilie geht, läuft am 28. September um 20.15 Uhr im Ersten

ZEITmagazin: Warum ist für jemand mit ADHS die Schauspielerei ideal?

Striesow: Das hat damit zu tun, dass ich ganz plötzlich an- oder ausschalten kann. Ich kann für fünf Minuten einschlafen oder für ein paar Sekunden. In meinem Job muss man manchmal lange warten, ist dann zwei Sekunden dran, und dann muss alles stimmen. Oder man wartet eben gar nicht, sondern ist die ganze Zeit dran, das muss eben beides stimmen, immer in Abwechslung. Meine Arbeitsweise entspricht dem Rhythmus von Dreharbeiten oder dem des Theaters. Selbst im tiefsten Down-Zustand zwischen zwei und drei Uhr morgens kann ich aufdrehen und eine Rolle emotional hinkriegen. Dieses Auf und Ab, das ist im normalen Arbeitsprozess eher hinderlich. In einem Schreibtischjob hast du nicht diese Amplituden.

ZEITmagazin: Welche Probleme gab es durch die Störung in ihrer Laufbahn?

Striesow: Ich habe Jazzgitarre studiert. Ich war aber nie gut, ich war zum Kotzen. Ich war immer nur so gut, wie ich das eben gerade konnte. Ich habe nie langfristig geübt, darum war ich auch nie wirklich richtig gut. Ich habe erst nach der Wende das Abitur nachgeholt und Klavier gelernt. Das brauchte ich für das Musikstudium, zumindest für die Aufnahmeprüfung musste man ein bisschen was spielen können. Und das hab ich geschafft.

ZEITmagazin: Aber Sie haben nicht zu Ende studiert?

Striesow: Ich wollte Musik und Deutsch unterrichten, das Studium ist zeitintensiv und hammerschwer. Um gymnasialer Musiklehrer zu werden, musst du mindestens zwei Stunden täglich üben und für Deutsch auch noch hundert Seiten am Tag lesen. Ich war immer nur so lange bei der Sache, wie ich gut war. Nach einem Jahr war dann Schluss, ich bin ausgestiegen. Ich wäre nie gut in dem Beruf geworden, aber noch verrückter war für mich der Beruf des Goldschmieds, das habe ich davor gemacht.

ZEITmagazin: Was hat es mit Ihnen gemacht, eine Diagnose zu bekommen?

Striesow: Das Wissen um ADHS ist für mich wichtig, um bestimmte Situationen zu erkennen, die nicht normal sind, und nicht gleich zu denken, oh, was ist denn los mit mir? Ich merke, wenn die Gedanken anfangen zu fliegen und ich sie nicht mehr sortieren kann. Selbstreflexion und Kraftsport helfen mir dabei. Ich verstehe jetzt besser, wer ich bin. Im Nachhinein ist mir klar geworden: Ich habe intuitiv den Beruf des Schauspielers ergriffen, was meine Rettung war. Als Goldschmied oder Lehrer hätte ich es niemals geschafft. Lieber ein guter Schauspieler als ein schlechter Goldschmied, der jeden Tag mit dem Gold zu kämpfen hat und es nicht einstecken darf.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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