© Stefanie Moshammer

Stefanie Moshammer "Wenn du mit mir leben würdest …"

Die junge Fotografin Stefanie Moshammer zieht nach las Vegas. Eines Tages kommt ein Brief: Ein Unbekannter bittet sie, ihr Leben mit ihm zu teilen. Fortan vermutet sie ihn überall. Und setzt seinem Wahn ihre Fotos entgegen. Von
ZEITmagazin Nr. 40/2016

ZEITmagazin: Frau Moshammer, Sie haben zwei Monate lang in Las Vegas gewohnt, um für Ihr Buch Vegas and She zu fotografieren. Eines Tages bekamen Sie einen Brief. Es war die Liebeserklärung eines Fremden mit der Einladung, zu ihm zu ziehen. Andere hätten die Polizei gerufen, Sie begannen zu fotografieren. Warum?

Stefanie Moshammer: Ich dachte während meines Las-Vegas-Aufenthalts sowieso viel über Liebe nach und die Vorstellungen, die man sich von jemandem macht, wenn man sich verliebt. Mein damaliger Freund und ich steckten in einer Krise, wir trennten uns auch, kurz nachdem ich nach Wien zurückgezogen war. Beim Verlieben hat man ja anfangs oft nur ein vages Bild vom anderen und stellt sich den Rest irgendwie vor. Genau das hatte dieser Mann in seinem Brief mit mir getan. Er kannte mich nicht, deshalb hat er mich für sich erfunden. Meine Idee war dann, es einfach umzudrehen: Ich wollte mir eine Welt um diesen Mann herum erfinden.

ZEITmagazin: Woher kannte er Sie?

Moshammer: Eines Mittags klopfte es an der Haustür. Ich wohnte mit zwei Bekannten zur Untermiete in einem Haus, war da aber gerade alleine. Ich machte auf, ein Mann stand vor mir und fragte nach seiner Exfreundin, er behauptete, sie habe hier einmal gewohnt.

ZEITmagazin: Wie sah der Mann aus?

Moshammer: Ich schätze, er war so Ende 30, ein Redneck-Typ. Er hatte rötliche Haare, sehr helle Haut, Sommersprossen und trug eine Jeansjacke. Er war in einem mattschwarzen Pick-up-Truck gekommen, der in unserer Einfahrt stand. Er war nicht uncharmant, auch nicht hässlich, aber schon schräg. Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich seine Ex-Freundin nicht kenne und sie auch wirklich nicht mehr hier wohnt, fuhr er weg. Um dann aber fünf Minuten später wiederzukommen.

ZEITmagazin: Was dachten Sie?

Moshammer: Ich war sehr verwirrt und kapierte nicht, was er eigentlich wollte. Jedenfalls erklärte er, dass er bei den Nachbarn gewesen sei und sich nun ganz sicher sei, dass seine Ex hier wohne. Im kurzen Gespräch wurde er dann aber immer neugieriger auf mich. Er fragte, wo ich überhaupt herkäme. Wer ich sei, was ich mache. Ich habe ihm zu spüren gegeben, dass ich eigentlich keine Lust hatte, mit ihm zu reden. Nach fünf Minuten fuhr er dann endgültig weg. Eine Woche später kam der Brief.

ZEITmagazin: Seine Liebeserklärung an das "Austria Girl", wie er schrieb.

Moshammer: Normalerweise schaute ich mir die Post nie an, die im Haus ankam, denn niemand hatte meine Adresse, ich wohnte ja nur kurz dort. Doch einmal, als ich vor dem Haus stand, kam der Postbote und drückte mir einen Stapel Briefe in die Hand. Auf dem obersten Kuvert standen diese Worte: "Austria Girl". Ich riss das Kuvert sofort auf. Während ich las, dachte ich mir: Der steht jetzt irgendwo und beobachtet mich, wie ich seinen Brief lese.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst?

Moshammer: Anfangs schon. Doch irgendwie beruhigte es mich, dass ich die Stadt bald verlassen würde. Wenn ich den Brief bei mir zu Hause in Wien bekommen hätte, wäre das ein stärkerer Eingriff in meine Privatsphäre gewesen, glaube ich. Ich zeigte den Brief meinen Mitbewohnern in Las Vegas und erzählte meinem damaligen Freund davon. Mein Freund war etwas panisch, und meine Mitbewohner sagten: Na toll, wenn du gehst, hängt jetzt ständig dieser Typ vor unserer Tür rum. Ich habe dann darauf geachtet, in Las Vegas nicht mehr alleine unterwegs zu sein, weil ich ja nicht wusste, ob der Mann hinter irgendeiner Ecke auf mich wartet. Den Text an sich fand ich aber nicht aggressiv. Er klang eher neurotisch. Und fast schon kindlich naiv und auch altmodisch.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Moshammer: Der Brief ist auf Schreibmaschine geschrieben, was ich schon mal erstaunlich fand. Die Zeilen wurden zum Ende hin immer enger, was mir sagt, dass er mittendrin gemerkt hat, dass ihm der Platz ausgeht, und er eigentlich noch viel mehr schreiben wollte. Er verspricht, dass er, wenn es drauf ankäme, durch den Ärmelkanal schwimmen würde, um mich zu retten. Ich wankte zwischen Geschmeicheltsein und Sorge. Menschen, deren Liebe nicht erwidert wird, können gefährlich sein. Mir war nicht klar, wie er reagiert, wenn ich nicht antworte. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass ich langsam verrückt werde in Las Vegas. Einen Tag bevor ich das Kuvert aufriss, war ich aus dem Gefängnis entlassen worden, wo ich einen Tag und eine Nacht verbringen musste.

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