Ich habe einen Traum Yo-Yo Ma

"Was lässt eine Kultur erblühen, in der Träume wahr werden können?"
© Juliane Werner
ZEITmagazin Nr. 40/2016

Musik ist in der Lage, Zeit, Raum und Erinnerungen zu konservieren. Das ist wie der Geruch des Kuchens deiner Großmutter: Du bekommst ihn wieder in die Nase, und deine Großmutter steht vor dir. Ich glaube, Musik berührt denselben Ort im Gehirn. Wir wissen, wie schwer es ist, Erfahrungen von einem Menschen zum anderen weiterzugeben. Aber ich glaube, Musik kann das.

Yo-Yo Ma

60, geboren in Paris als Sohn zweier Musiker aus Hongkong, ist der bekannteste Cellist der Welt. Neben seinen Einspielungen klassischer Werke arbeitet er mit Musikern aus anderen Genres und Kulturen – so auch in dem von ihm gegründeten Silk Road Ensemble, das der Film The Music of Strangers dokumentiert. Er ist derzeit im Kino zu sehen

Vor einer Weile trat ich mit Daniel Barenboim auf. Daniel war verheiratet mit Jacqueline du Pré, der britischen Cellistin, die viel zu früh gestorben ist. Bei der Probe spielte ich auf einem Cello, das früher Jacqueline gehört hatte, dem Dawidow-Cello von Stradivari. Später hatte sie dann ein neueres Instrument von einem anderen Geigenbauer. Daniel bat mich, im Konzert auch auf diesem Cello zu spielen. Ein Konzert auf einem unbekannten Instrument ist eine Herausforderung. Also verbrachte ich den Nachmittag damit, es kennenzulernen.

Das Dawidow-Cello aus dem Jahr 1712 wurde benannt nach Karl Dawidow, dem berühmtesten Cellisten seiner Zeit. Er hatte das Instrument von einem polnischen Grafen bekommen. Ich habe mir schon oft vorgestellt, durch wie viele Hände es seither gegangen ist. Als Jacqueline 19 Jahre alt war, wurde es ihr geschenkt, weil jemand dachte: Was für ein wunderbares Talent! Zuvor hatte es einer Familie in New York gehört. Und nun durfte ich auf diesem Instrument spielen. Aus seiner Geschichte spricht eine Großzügigkeit, die mich glücklich macht.

Was lässt eine Kultur erblühen, in der Träume wahr werden können? So wie zur Zeit der Renaissance, während der Aufklärung oder auch jetzt, in unserer Zeit? Die großen Geigenbauer Amati, Guarneri und Stradivari hatten ihre Werkstätten alle in derselben Straße in Cremona, im Norden Italiens. Ihre Kinder, Neffen und Nichten wurden in den Werkstätten der jeweils anderen ausgebildet. Es gab keine Geheimnisse. Aber es gab Individualität, und das führte über hundert Jahre lang zu einem unglaublichen Wachstum an Kreativität.

Derzeit erleben wir wieder eine solche Phase. Die Menschen teilen ihr Wissen. Durch das Internet haben wir die großartige Chance, Wissen weiterzugeben, zu verschenken. Aber damit Menschen sich öffnen, müssen sie sich sicher fühlen. Wenn man sich bedroht fühlt, macht man zu. Wirtschaftskrisen, Klimawandel, Krieg, Terror – all das führt zu einem Zusammenbruch des Vertrauens, zu Angst. Wie können wir diese Angst mindern? Durch die Fähigkeit, uns vorzustellen, was in anderen vorgeht.

Etwa die Hälfte der Menschen auf unserer Erde sind jünger als 27, viele von ihnen haben keine Arbeit. Wie können wir ihnen eine Chance geben? Ich träume davon, dass dies mit den Prinzipien der Aufklärung gelingen wird. Es geht nicht darum, den Kuchen in immer kleinere Stücke zu teilen, sondern darum, das Wissen darüber zu verbreiten, wie man viele Kuchen backt. Es geht um echte Chancen für alle.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Es ist tatsächlich ein Grundgesetz der menschlichen Psyche, dass sich Offenheit, Neugier und Kreativität verschließen, wenn das Gefühl der Bedrohung, einer unsicheren Zukunft, und insgesamt die Angst zunimmt. Dazu gehören nicht nur Wirtschaftskrisen, Terror und der Klimawandel, dazu gehört auch die mit immer größerer Unsicherheit behaftete persönliche Lebensplanung, zum Beispiel die Unsicherheit der individuellen beruflichen Zukunft und die Unsicherheit des Lebensalters.
Leider kann ich nicht sehen, dass unsere "Fähigkeit, uns vorzustellen, was in anderen vorgeht", daran in direkter Weise etwas zu verändern mag. Wir können höchstens dieses Grundprinzip erkennen und gegen zunehmende Gefahren und Bedrohungen kämpfen, uns also dafür einsetzen, Sicherheit zurückzugewinnen. Leider sind die Kräfte, die den Menschen ihre Sicherheit rauben vielfältig und stark. Sie werden vor allem gespeist durch Gier und Machtstreben.