Harald Martenstein Über Restaurantbesuche mit Kind

Von
ZEITmagazin Nr. 41/2016

In der kindlichen Entwicklung gibt es eine Phase, die von Pädagogen als "neophob" bezeichnet wird. In neophobem Zustand lehnen Kinder alles ab, was sie nicht kennen, das Neue. Alte Menschen denken häufig wieder so ähnlich. Außerdem müssen, bei meinem Kleinen, alle Dinge immer genau so ablaufen wie gewohnt. Der Löffel muss an der gleichen Stelle liegen wie gestern, das Deckchen muss sich im gleichen Winkel zur Tischkante befinden wie gestern. Die Zahl der Nudeln auf dem Teller muss nur ungefähr die gleiche sein wie gestern, zählen kann das Kind zum Glück noch nicht. Wenn auch nur ein Detail nicht stimmt, es kann ein harmloser Fussel sein, der auf der Serviette liegt, flippt der Kleine aus. Er verhält sich dann ungefähr so wie Dustin Hoffman in dem Film Rain Man, nur extremer.

Ich dagegen habe Gastrophobie, Angst davor, essen zu gehen. Jetzt waren wir aber ein paar Tage an der Ostsee. In den Ferien essen zu gehen ist für mich immer ein Stück Lebensqualität gewesen.

Wir gingen in ein eher schlichtes Restaurant. Am Nebentisch saß eine einzelne Dame. Nach ein paar Minuten sagte der Kleine, sehr laut: "Da, eine Oma." Die Dame hatte ihr Haar zu einem Dutt geflochten, in Kinderbüchern sehen Omas so aus. Sie befand sich in ihren mittleren bis späten Vierzigern, einem Alter, in dem man durchaus Großmutter sein könnte, aber meist ungern auf diese Tatsache hingewiesen wird. Ich lächelte entschuldigend, die Dame lächelte zurück und sagte so etwas wie: "Ja, ich sehe wie eine Oma aus, das ist die Frisur." Der Kleine war aber noch nicht fertig mit ihr. Er rief "Oma, Oma, Oma", immer wieder.

Harald Martenstein

ist Redakteur des Tagesspiegels.

Ein vorbildlich rücksichtsvoller Mensch müsste aufstehen und mit dem Kind das Lokal verlassen. Wir müssten aus der Öffentlichkeit verschwinden, wie Greta Garbo. Selbstverständlich haben wir ihn ermahnt. Aber das bringt nichts. Nur Aufstehen und Weggehen bringt was. Oder? In den USA hat jetzt eine Restaurantbesitzerin ein brüllendes Kind ihrerseits angebrüllt, das Kind schwieg daraufhin. Darüber wird in den USA sehr kontrovers diskutiert. Kinderlose tendieren dazu, die Wirtin als Heldin zu feiern, Eltern sind eher gegen die Wirtin. Ich will das Kind nicht anbrüllen. Es lernt dann nämlich das Anbrüllen von mir und fängt an, mich anzubrüllen. Und ich könnte mich, als sein Lehrmeister, nicht mal beschweren. Das mag ich nicht.

Der Rest der Essensprozedur lief allerdings so entspannt wie schon seit Monaten nicht. Irritierend waren nur die unablässigen Rufe "Eine Oma! Oma, kuck mal, bist du eine Oma, Oma?". Die Dame suchte irgendwann den Ausgang. Ich dachte, das ist die Lösung, wir essen nur noch neben Dutt-Trägerinnen. Es gibt aber leider viel zu selten Damen mit Dutt. Am nächsten Tag gingen wir wieder essen.

Wir setzten uns und bestellten für den Kleinen eine Limo. In einer Sekunde der Unkonzentriertheit hatten wir vergessen, ausdrücklich um ein kleines Glas mit 0,2 Liter Inhalt zu bitten. Er akzeptiert nur 0,2 Liter. Die Kellnerin brachte ein großes Glas. Der Kleine wischte das Glas mit einer unwirschen Handbewegung vom Tisch und begann zu schreien wie Oskar Matzerath in der Blechtrommel. Er schrie, während die Kellnerin stumm die Scherben auffegte, er schrie, während wir mit gesenkten Köpfen, die Blicke der anderen Gäste vermeidend, hastig unsere Matjes in uns hineinstopften, er schrie auf dem Nachhauseweg. An der Hoteltür verstummte er, lächelte strahlend und sagte "Oma gehen". Aber wir gehen niemals zweimal ins gleiche Restaurant.

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