Heimat Der Sehnsuchtsort

© Heji Shin
Ist Heimat das, woher wir kommen, oder das, wohin wir wollen? Von und
ZEITmagazin Nr. 41/2016

Wenn man mal rumfragt bei Freunden oder Kollegen, wo eigentlich ihre Heimat ist, dann dauert es nie lange, bis sie etwas erzählen. Woher sie kommen. Warum sie fortgingen. Weshalb sie niemals dorthin zurückkehren wollen. Was sie daran reizt, vielleicht doch zurückzugehen. Woran sie denken, wenn sie an ihre Heimat denken. Was sie dabei fühlen, riechen, schmecken.

Für viele ist Heimat der Ort, an dem sie aufgewachsen sind, jede Straßenecke kannten. Die ersten Schritte. Der erste Kuss. An die eigene Heimat zu denken lässt in vielen Menschen ein warmes Gefühl aufsteigen.

Oft spielt die Erinnerung an das Essen eine große Rolle, an das gemeinsame Essen am Familientisch, bei den Eltern oder Großeltern. "Erinnerungen gehen durch die Nase", hat der Filmemacher Edgar Reitz einmal gesagt, "wenn uns da etwas anweht, wird ein Erinnerungsstrom ausgelöst, eine ganze Bilderflut." Margot Honecker sagte kurz vor ihrem Tod im Exil in Chile: Heimat, das sei für sie der Geruch von Wald und Pilzen.

Heimat prägt Menschen.

Heimat lässt sie nicht los.

Heimat bedeutet eine Fülle von Geschichten. Und jedes Mal, wenn man von seiner Heimat spricht, gibt man auch etwas von sich selbst preis.

Lange war Heimat etwas Selbstverständliches, sie war einfach da. Auf einmal aber springt einen das Wort von überallher an, politisch betrachtet von links und von rechts, es ist aufgeladen wie nie, ideologisch erhitzt, gesellschaftlicher Streit kreist darum: Was ist Heimat? Wer gehört dazu? Was treibt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen? Wie verändern sich Menschen, die schon lange an einem Ort gelebt haben, wenn unbekannte Menschen ihre neuen Nachbarn werden? Und wer bestimmt eigentlich, was Heimat ist?

In Sachsen lädt der Landesverein Heimatschutz seine Mitglieder zum Wandern ein, veranstaltet Fotoausstellungen und Baumpflanzaktionen. Die Initiative Heimatschutz hingegen demonstriert gegen die sogenannte Überfremdung durch Flüchtlinge.

Was ist das eigentlich – Heimat?

Ein Bahnhof irgendwo in Brandenburg, an einem Nachmittag Ende August. Weites Land, märkischer Sand. Die Dörfer hier wirken, als habe ein Riese im Vorbeigehen ein paar Bauklötze verloren. Der Bahnhof ist eigentlich nur ein Bahnsteig, ein Strich aus Beton.

Vor dem Bahnhof parkt ein Auto, das irgendwie nicht hierher zu gehören scheint, ein alter Land Rover Defender. Auf der Motorhaube sitzt Juli Zeh. Sie trägt feste Schuhe, hellgraues Shirt, dunkelgraue Hose.

Juli Zeh ist Schriftstellerin, Juristin, Netzaktivistin, 42 Jahre alt – und Dorfbewohnerin. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann in Brandenburg. Wo genau, gehe niemanden etwas an, sagt sie. Das Dorf und sie, das ist so eine Geschichte, vor allem seit sie eine Geschichte über ein fiktives Dorf im Brandenburgischen geschrieben hat, einen Roman, Unterleuten, 639 Seiten dick, seit Wochen in den Bestsellerlisten. Ein Heimatbuch.

Früher, noch vor wenigen Jahren, wäre das eine Beleidigung gewesen: "Heimatbuch" – das klingt wie Heimatfilm. Oder Heimatvertriebene. Ein unmögliches Wort, verstaubt, deutschnational, spießig.

Auf einmal aber gibt es eine neue Sehnsucht nach Heimat, nach festem Boden unter den Füßen. Überall in Deutschland entstehen kleine Läden, die hippe Produkte aus der Region verkaufen, bayerischen Gin oder Whiskey aus dem Schwarzwald, sie heißen "Servus Heimat" oder "Meine kleine Heimat". Die angesagtesten Lokale kochen "brutal regional", auch mal mit halb vergammeltem Sauerampfer, wenn er denn aus dem Nachbardorf kommt.

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