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Lady Gaga 73 Fragen an Lady Gaga, mehr braucht kein Mensch

Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 41/2016

Zwölf Uhr mittags in einer "Library" genannten Suite im 27. Stock des Hotels Waldorf Astoria in Westberlin. Der Popstar ist am Vortag gegen Mitternacht mit dem Privatjet gelandet, am Nachmittag soll es weiter nach London gehen. Die Plattenfirma Universal kann lustigerweise nicht genau sagen, warum es Interviews gibt (neues Album? Neue Single?): Dreißig Minuten Gesprächszeit sind bestätigt. In der Suite findet der übliche total paranoide und total unterhaltsame Superstar-Super-Bullshit statt: angestrengte Betriebsamkeit. Es wird geflüstert. Etwa zwanzig Leute sind im Raum: Stylistinnen, Männer mit Headsets, Kameras, Scheinwerfern, sonstige sehr geschäftige Männer mit Shorts und dünnen Schnurrbärten. Als Chef der Szenerie stellt sich dem Interviewer ein etwa dreißigjähriger sogenannter Nick von der amerikanischen Plattenfirma Interscope vor: ultraprofessioneller, slicker, angenehmer Typ. Lustige Szenen schon unten in der Hotelhalle: Das ZEITmagazin hatte für alle Fälle zwei Herren von der Social-Media-Abteilung mitgebracht, die ein hübsches Gruß-Video drehen sollten (Nick: "Es tut mir leid. Aber ich kann diese beiden Leute nicht einmal in den Aufzug hineinlassen"). Lady Gaga, das ist der amerikanische Popstar, den man auf Fotos oft nicht wiedererkennt, weil er immer komplett anders aussieht (Schminke, Kostüme), dessen Hits irgendwie geile und billig scheppernde Euro-Trash-Disco-Nummern sind ("Poker Face", "Born This Way") und von dem man seit etwa 2009 weiß, dass er das größte und erfolgreichste Pop-Phänomen der Erde ist. Ansage von Nick: Das Interview verspätet sich um 90 Minuten. Die kleine Frau, die jetzt alle zehn Minuten von zwei Bodyguards quer durch den Raum geschoben wird – Fotoslot in einem Nebenzimmer, Fotoslot im nächsten Nebenzimmer – und dabei jedes Mal ein anderes Outfit trägt (Sonnenbrille, keine Sonnenbrille, Kostüm, Morgenmantel), das könnte der Popstar Lady Gaga sein. Ein etwa sechzigjähriger Herr (silbergraue Haare, Anzug, braune Aktentasche) betritt die Suite, setzt sich, bestellt einen Espresso, sorgt schlagartig für eine komplett andere, eine würdevolle Atmosphäre: Du lieber Himmel, das muss natürlich Lady Gagas Vater Joe Germanotta sein, der an der Upper West Side in New York ein Restaurant betreibt. Sie begrüßt ihren Vater ("Hello, Dad"), Küsschen, gleich wieder ab. Der Interviewer versteht, dass seine Gesprächszeit auf zwanzig Minuten zusammengestrichen zu werden droht und es mit den 99 vorbereiteten Fragen eng werden könnte, als Nick ihn in ein Nebenzimmer bittet: "Ich werde während des Interviews im Raum sein und mich im Hintergrund halten. Wenn eine Frage nicht funktioniert, dann werde ich den Bad Guy spielen." Wunderbar. Sie haut einem zur Begrüßung auf den Oberarm: "Hey, alles gut?" Platznehmen auf Ledersesseln, Nick setzt sich in fünf Meter Entfernung in die Zimmerecke, der Reporter erklärt das Format der 99 Fragen (kurze Fragen, kurze Antworten, bitte), sie setzt ihre Sonnenbrille ab, erklärt, dass sie leider zu ausschweifenden Antworten neige, Freude, Gelächter, und steckt sich eine Kräuterzigarette an. Wir starten, wie immer, mit ein bisschen laschen, ein bisschen egalen Fragen.

1 Berlin oder New York?

New York, weil es mein Zuhause ist. Aber ich liebe Berlin.

2 Mozart oder Wagner?

Mozart.

3 Was ist besser, in Filmen auftreten oder Songs aufnehmen?

Songs aufnehmen.

4 Ist es richtig, dass Sie nur deshalb eine Karriere als größter Popstar des Erdballs absolviert haben, um dann Filmstar zu werden?

Die Wahrheit ist, dass ich immer davon geträumt habe, eine Schauspielerin zu sein. Schon als ich noch ein Kind war: Die Schauspielerei war meine erste Sehnsucht. Ich hatte immer das Bedürfnis, auf der Bühne zu stehen und eine Unterhalterin zu sein. Die Musik hat sich dann einfach als Erstes ergeben. Ich denke, Musik und Film sind einfach Stationen derselben Reise, ich komme nur zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten an.

5 Dumme Frage, aber was ist der Grund, warum Sie nach Berlin gekommen sind und Interviews geben?

Es ist die Veröffentlichung meiner neuen Single Perfect Illusion.

Stefani Germanotta

30, ist als Tochter italoamerikanischer Eltern in New York aufgewachsen. Als Lady Gaga gelang ihr 2008 der Durchbruch. Sie prägt seitdem mit ihrem Gaga-Stil die Popmusik und engagiert sich auch politisch, zum Beispiel für die Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen weltweit. Ihr neues Album Joanne ist demnächst erhältlich

6 Wie lautet die Geschichte hinter dem Songtitel "Perfect Illusion"?

Der Song handelt davon, dass wir alle darauf reinfallen, dass viele Dinge, die uns wirklich vorkommen, in Wahrheit eine perfekt gemachte Erfindung sind: Wir leben die perfekte Illusion von Beziehungen, von Liebe, von Familie. Die sozialen Medien kreieren einen endlosen Strom von Bildern und Illusionen, und wir versuchen, mit der Maustaste durch diese Scheinwelten zu navigieren und zu erkennen, was wahr und was unwahr ist.

Oh. Da haben wir, gleich zu Beginn des Interviews, schon ein erstaunlich hohes Reflexionsniveau erreicht. Wo soll das enden? Und: Sie antwortet natürlich viel zu lang, um in dreißig Minuten alle Fragen unterzukriegen. Der Interviewer ist gleich unter Druck. Rauchende, interessiert guckende Lady Gaga. Jetzt kann man sie ja noch mal genauer anschauen: ihre niedlichen zwei Hasenzähne, angenehm mittelhübsches Gesicht. Nackte Beine, maximal kurze, am Bein ausgefranste Jeans-Hotpants, oben herum irgendwas Leopardenprint-Artiges. Unter dem Oberteil sind, auf eine nicht anstrengende, nicht besonders aufreizende Art, ihr BH und ihr Busen zu sehen. Man merkt, dass ihr Körper für sie einfach Teil ihres Arbeitsmaterials ist, das sie, im Rahmen ihres Unterhaltungsprogramms, gewohnt ist auszustellen. Bisher kommt kein Laut vom über sie wachenden Plattenfirmen-Mann Nick. Wir versuchen, das Tempo zu erhöhen.

7 Ihre Schuhgröße?

Eine 39.

8 Ihre natürliche Haarfarbe?

Ein helles Braun.

9 Ihr Alter?

Ich bin 30.

10 Welchen Beruf hat Ihr Vater?

Mein Vater führt ein Restaurant an der Upper West Side in New York, die Joanne Trattoria. Gemeinsam haben wir gerade ein Kochbuch mit italienischen Rezepten veröffentlicht. Mein Vater arbeitet auch bei mir im Geschäft.

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