Männer! Mittig betont

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DIE ZEIT Nr. 41/2016

Also ich mag ja Lederhose. Als kleines Mädchen verbrachte ich die Sommer in speckig verdrecktem Kalbsvelours, das Höschen wurde von Hosenträgern gehalten, die ihrerseits über der Brust mit einer Art von ausgestanztem Etikett zusammengehalten wurden. Skandal! Das Dorf stand kopf! Nicht wegen Crossdressing, es war ja ein rheinisches Dorf, ganz weit von Bayern entfernt, man wusste dort doch gar nicht, dass Lederhosen aus Bayern kommen und Männerhosen sind. Kopfstand wegen Fremdlook. Fremde Kleiderordnungen wirken ja noch irritierender als der Fremde. Ist doch so: Man bestellt Vorspeisen beim Syrer, aber ohne Kopftuch. Mein Dorf hatte schon viele Fremde aus ehemaligen Ostgebieten aufgenommen, alte deutsche Frauen, die auf den Feldern harkten, die meisten übrigens unter Kopftuch, und dann noch meine Mutter aus Hannover, die oft im Badeanzug mit Schößchen auf dem Rasen Sonnenbäder nahm, aber indes wusste, was eine bayrische Lederhose war. Dass die nämlich nicht gewaschen, sondern nur abgewischt wird, selbst nach dem Besuch des Schweinestalls, dass sie nicht reißt beim Beklettern von Bäumen und Dächern, kurz, unverwüstlich ist, heute würde man sagen: nachhaltig, meine Lederhose hatte schon meine großen Cousinen, meinen Vetter sowie meine Schwester überlebt und wanderte von mir zu meiner kleinen Cousine, zuletzt sah ich sie an meiner kleinen Nichte. Die Lederhose ist der Grund, warum ich auch heute noch immer gerne in Richtung Bayern schau. Trotz Seehofer. Ich bin überzeugt, dass nicht Seehofer, sondern die Lederhose der Grund dafür ist, dass die AfD dort unter zehn Prozent gehalten wird.

Susanne Mayer

Susanne Mayer ist Kulturreporterin des ZEIT-Feuilletons. Jeden Monat erscheint dort ihre Männer!-Kolumne. Für das ZEITmagazin ONLINE berichtet sie von jenem seltsamen Kontinent, wo einem graue Haare wachsen – Endlich Vintage! Eine Kolumne über das Altern. Gerade ist ihr Buch Die Kunst, stilvoll älter zu werden beim Berlin Verlag erschienen. Hier finden Sie die Autorin auf Twitter.

Die Lederhose beantwortet nachhaltig die Frage, wo ein Mann noch Mann ist. In einer Lederhose der Modelle Joseph, Fritz oder Franz! Alle bewundernden Augen wandern in die Mitte des Mannes. Dort wölbt sich der Hosenladen. Rechts und links langzapfige Stickereien, auf denen dichtes Efeu wuchert. Die Vorstellung eines Waxings hat vor der Lederhose haltgemacht. Zwischen den Langzapfen ist ein breiter, deutlich ausgearbeiteter Mittelteil, auf dem ein Hirsch behänd über ein Stöckchen springt. So das Grundmodell, man trägt Lederhose heute vintage, also mit Patina, was immer auch ein olfaktorisches Element mit einschließt. Der Mann in der Lederhose, der sich in diesen Tagen auf der Wiesn zwischen dem Herzkasperl-Zelt oder dem Pschorr-Bräurosl entscheiden muss, kriegt zweifellos auch andere Sachen hin und braucht dafür nicht das Petry.

Eine Lederhose mit ihren sich immer kess vorwölbenden Mittelteilen schlägt die Brücke zurück zu der verloren gegangenen Sitte unserer Ritter, die ihr zartestes Stück nicht im Panzer versteckten, sondern in krass gehämmerten Auswölbungen zur Schau stellten, die ganz Übermütigen hatten dafür aus Stahl gearbeitete Hart-Futterale, die im spitzen Winkel dauererektil herausragten. Bei allen hitzigen Diskussionen, wer was und wie viel im Dirndlkörbchen auszustellen hat, wird ja gerne übersehen, dass die Kleiderordnung der globalen Korporationen den Mann – nun ja, enteiert hat. Anzüge – so eng wie faltenlos. Bleibt höchstens der bedeutungsvoll prüfende Griff ins Gemächt, wenn der Mann aus der Herrentoilette wieder ins Freie tritt. Der neue Prada-Mann wird in diesen Tagen mit Regenschutz und Rucksack sowie wasserresistenten Adiletten über die Laufstege gejagt – und trägt dazu Spielhöschen aus Jersey, flach anliegend. Bei allem Gezerre um das Kopftuch, der Befreiung der Muslimin zum deutschen Frausein: Wer redet über die Dschellabas, in denen afrikanische Männer heute durch Bottrop flanieren? Man muss sich schon sehr viel Bauch zulegen, um darunter als Mann nicht ganz zu verschwinden. Männer! Habt Mitleid! Wo bleibt das Dschellaba-Verbot? Und prüft mir die Lederhosen-Sonderangebote auf Zalando!

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