Schwimmunterricht Rettet das Seepferdchen!

Wer ist schuld daran, dass so viele Kinder heute nicht mehr schwimmen können? Von
ZEITmagazin Nr. 42/2016

Es war die Zeit, als wir keine Kinder mehr waren, aber auch noch keine richtigen Teenager. Die Sommernachmittage verbrachten wir am Rand des Schwimmbeckens, umweht vom Duft von Tiroler Nussöl und Chlor, in den Ohren das Geräusch vom glucksenden Wasser, ab und an unterbrochen von einem lauten Platschen, wenn wieder mal jemand eine Arschbombe machte.

Das Freibad war Mitte der achtziger Jahre unser Sommeralltag, 50 Pfennig kostete der Eintritt in den Ferien. Wenn ich beim Tauchen sah, wie sich die Sonnenstrahlen auf dem Grund des Beckens brachen, war ich glücklich. Ich wuchs in der alten Bundesrepublik, in Bayern, auf, in einer Zeit des Bäderbooms. Das Wirtschaftswunder hatte den Kommunen volle Kassen beschert, seit den sechziger Jahren wurde in den Bau von Frei- und Hallenbädern investiert. Die Schwimmlust erreichte auch dank der Olympischen Spiele 1972 in München einen Höhepunkt. Es war selbstverständlich, dass wir Kinder schwimmen lernten, so wie wir eben auch Fahrrad fuhren. Unsere ersten Badehosen und Badeanzüge zierte bald das orangefarbene Seepferdchen-Abzeichen, aus dem Wasser kamen wir erst, wenn unsere Lippen blau waren. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in meiner Klasse in der Kleinstadt irgendjemanden gab, der nicht schwimmen konnte.

Dass das heute ganz anders ist, machte mir eine Meldung vom Frühsommer 2016 klar: Am 6. Juni ertrank am Werbellinsee bei Berlin ein siebenjähriges Mädchen bei einem Klassenausflug. Die Erstklässlerin konnte nicht schwimmen, sie war im Nichtschwimmerbereich ertrunken.

Wie es zu dem Unfall kam, weiß man bis heute nicht. Kinder ertrinken schnell. Wenn sie untertauchen, sich dabei drehen und die Orientierung verlieren, schaffen sie es nicht mehr alleine an die Oberfläche – auch wenn sie in dem Wasser eigentlich stehen könnten. Und das alles innerhalb einiger Sekunden.

Über diese traurige Nachricht redeten Eltern vor den Schulen und Kindergärten. Vor allem diejenigen, deren Kinder noch nicht schwimmen konnten, machten sich Sorgen. Wer war schuld am Tod des Mädchens? Die Eltern, weil sie dem Mädchen das Schwimmen nicht beigebracht hatten, oder die Lehrer, die doch eine Aufsichtspflicht haben?

In Berlin-Neukölln, wo die verstorbene Siebenjährige herkam, kann rund ein Drittel der Kinder selbst nach dem Pflicht-Schwimmunterricht der dritten Klasse nicht schwimmen. Dort leben viele Kinder von Zuwanderern aus Ländern, in denen Schwimmen keine große Tradition hat. Aber das allein erklärt nicht, warum seit etwa 20 Jahren immer weniger Kinder schwimmen lernen. Auch in Bayern kann ein Drittel aller Zehnjährigen nicht schwimmen, sagt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Etwas hat sich verändert, langsam geht etwas verloren, was einst selbstverständlich war. Deutschland, früher Land der Schwimmer, droht zum Land der Nichtschwimmer zu werden.

Wenn Kinder ertrinken, ist ihr Tod lautlos. Sie rufen nicht um Hilfe, sie gehen einfach unter wie ein Stein. Seitdem ich Mutter bin, habe ich oft davon geträumt, dass meine Kinder im Wasser versinken und ich sie nicht retten kann, obwohl ich bei ihnen bin. Vermutlich ist das eine Urangst von Eltern.

Nach dem Unfall am Werbellinsee wurde der renommierte Grundschulforscher Jörg Ramseger im Berliner Tagesspiegel zitiert: Man könne nicht einfach den Lehrern die Schuld daran geben, sagte er. "In unserem Kulturkreis ist es normalerweise üblich, dass ein Kind bereits schwimmen kann, wenn es in die Schule kommt." Diese Sätze richteten sich an Eltern wie mich und meinen Mann: Unsere Tochter stand im Juni, als Ramseger interviewt wurde, kurz vor der Einschulung – und sie konnte nicht schwimmen.

Als ich Ende der siebziger Jahre schwimmen lernte, war das ein Ereignis für mich, ich erinnere mich bis heute an den Namen meines Schwimmlehrers von der Wasserwacht: Herr Rauscher. Meine Eltern fotografierten, und die Bilder von mir und meiner Freundin, wir waren fünf oder sechs Jahre alt, klebten sie in mein Kinderalbum. Man sieht mich darauf stolz am Beckenrand stehen vor dem Sprung ins Wasser.

Die meisten Kinder lieben Schwimmen, wenn man sie früh genug ans Wasser gewöhnt. Und doch sinkt die Zahl der abgelegten Schwimmprüfungen seit Jahren. Während die DLRG 1975 noch 878.000 Seepferdchen- und Jugendschwimmabzeichen vergab, waren es 2015 nur noch 139.000. Viele Eltern bemühen sich gar nicht erst, ihre Kinder ans Wasser heranzuführen. Nicht einmal die Hälfte der Berliner Schüler hat zu Beginn der dritten Klasse "Vorerfahrungen mit zielgerichteten Bewegungen im Wasser", wie es in der Antwort auf eine Parlamentarische Anfrage von 2014 heißt.

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