Waschlappen Alter Waschlappen, wir brauchen dich!

ZEITmagazin Nr. 42/2016

Der Waschlappen, dieses zu Unrecht als unhygienisch verschriene Stück Baumwolle, muss zurück ins Badezimmer, und dieser Text könnte der Anfang sein. Der Anfang eines längst überfälligen Comebacks und einer Werbekampagne mit Plakaten, auf denen Sätze stehen wie: "Waschlappen – weil Sie es sich wert sind".

Zur Unterstützung dieser erst mal etwas ungewöhnlich klingenden Idee habe ich eine kluge Hautärztin angerufen und sie dazu befragt, ob die Haut nicht viel besser dran wäre, wenn man wieder zu ebenjenem Waschlappen greifen würde.

Sie, die Hautärztin, hat sofort laut "Ja!" gerufen und anschließend eine halbe Stunde ohne Punkt und Komma vom Waschlappen geschwärmt und hundert Argumente dafür und Tipps für seine Handhabung ins Telefon diktiert.

Hier das wichtigste Argument: Unser Körper ist sehr schlau, er weiß genau, was zu tun ist, damit alle Organe gesund bleiben. Auch die Haut. Wie allen Organen geht es ihr am besten, wenn sie in Ruhe ihre Arbeit machen kann. Seit der Erfindung von Stehduschen und Duschgels ist das aber kaum noch möglich. Weil die meisten Menschen morgens oder abends und im schlimmsten Fall sogar morgens und abends viel zu lange unter der heißen Dusche stehen und ahnungslos den sehr wichtigen Fettsäureschutzmantel wegschrubben, den die Haut in den Stunden dazwischen mühsam versucht hat aufzubauen. Danach wird natürlich noch großzügig gecremt, bis die Haut gar nicht mehr weiß, wozu sie eigentlich da ist. Das ist wie Aufräumen, bevor die Putzfrau kommt. Über Hautprobleme muss man sich da nicht wundern.

Die gute Neuigkeit ist: Der Schutzmantel kommt wieder. Wenn Sie ab jetzt so verfahren: Wer nicht im Bergwerk, sondern im Büro arbeitet, muss gar nicht jeden Tag duschen. So spart man auch Zeit. Zeit, um im Beruf so richtig voranzukommen. "Karrierewäsche" reicht. Ja, das ist ein schönes neues Wort! Die putzige Bezeichnung "Katzenwäsche" aus den fünfziger Jahren trifft es jedenfalls einfach nicht mehr. Also morgens Karrierewäsche mit dem Waschlappen, etwas Seife und lauwarmem Wasser vor dem Waschbecken! Gereinigt werden nur die Zonen, die Schweiß produzieren: Hände, Füße, die Achseln und der Intimbereich sowie die Schweißrinne auf der Brust und in der Rückenmitte. Wer nicht gelenkig genug ist, um seinen Rücken ganz zu waschen, kann den Partner oder die Kinder um Hilfe bitten. Das verbindet. Es gibt nur eine Regel: Den Waschlappen mit niemandem teilen – und darauf achten, dass er richtig trocknen kann. Wegen der Keime. Obwohl Keime völlig überbewertet sind, vor allem wenn es die eigenen sind. Sagt die Hautärztin. Wer sehr ängstlich ist, kann einen Waschlappen für oben und einen für unten verwenden.

Am Ende gibt es zwei Verlierer: Das Feuchttuch und das Duschgel. Beides ist schlecht für die Haut und die Umwelt. Klar, dass nun auch die Beschimpfung "Du Waschlappen!" keinen Sinn mehr macht. Viel besser ist: "Du Feuchttuch!"

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