© Tanja Kernweiss

Einwanderung Unter einem Dach

Vor 30 Jahren kam zum ersten Mal eine große Zahl Asylbewerber in der bayerischen Kleinstadt Erding an. Einige quartierte man in einer alten Villa ein. Was ist aus ihnen geworden? Von
ZEITmagazin Nr. 43/2016

Als Mulu Nuru im letzten Jahr die Bilder von den vielen Flüchtlingen sah, die nach Deutschland kamen, mit Plastiktüten und Rucksäcken bepackt, kleine Kinder auf dem Arm, erinnerte sie sich an ihre eigene Flucht.

Sie war 26 Jahre alt, als sie 1986 mit ihren beiden kleinen Töchtern Susann und Sali aus ihrem äthiopischen Dorf über die Grenze in den Sudan floh und sich bis nach Ost-Berlin durchschlug, alleine. Doch dann, so erzählt sie, fand ihre Reise vor einer Rolltreppe am Bahnhof Friedrichstraße beinahe ein Ende. Es war zwei Uhr in der Nacht, die Kinder waren erschöpft. Sie mussten weiter in den Westen, um dort Asyl zu beantragen, aber sie traute sich einfach nicht auf diese fahrende Treppe. Sie hatte so etwas nie benutzt. Da sagte ihre Tochter Susann zu ihr: "Mach einfach die Augen zu und gib mir deine Hand." Die Vierjährige hatte selbst noch nie eine Rolltreppe gesehen.

Mulu Nuru sitzt mit Susann beim Frühstück in einem Café gegenüber ihrer Wohnung in München. Die Mutter trägt die rötlich getönten Haare nach hinten gekämmt, die Tochter die schwarzen Locken lang und wild. Sie haben das Gleiche bestellt, Bagel und Rührei. Wenn der Mutter beim Erzählen die Worte fehlen, beendet die Tochter die Sätze für sie. Die gemeinsame Flucht hat sie zusammengeschweißt. Susann muss schon als Vierjährige gespürt haben, dass sie in dieser Ausnahmesituation mehr Gefährtin als Tochter war. "Wahrscheinlich war es kindliches Urvertrauen, ich hatte einfach keine Angst", sagt Susann Nuru. Und so brachte sie die Mutter sicher die Rolltreppe hinunter. "Durch die Flucht ist Susann bis heute nicht nur meine Tochter, sondern auch meine Freundin", sagt Mulu Nuru. Manchmal hat sie ein schlechtes Gewissen, dass sie ihr so viel zugemutet hat.

"Meine Mutter hat geweint, als wir zusammen die Bilder der Flüchtlinge im Fernsehen sahen, so nahe ging es ihr", erinnert sich Sali Nuru, die jüngere der beiden Töchter. Sie war noch nicht mal ein Jahr alt, als sie nach Deutschland kam.

Jetzt sitzt sie in einem Berliner Café, 600 Kilometer von der Mutter entfernt, und erzählt, wie sie im Sommer 2015 nach ihren eigenen Erinnerungen an die Flucht suchte. Aber da war nichts. Sie sah in die Gesichter der erschöpften Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern und fragte sich: Sind wir das, nur 30 Jahre später?

Die renovierte Villa heute © Tanja Kernweiss

Die Vorstellung kam ihr eigenartig vor. Und so ginge es jedem, der sie jetzt vor sich sähe: da die Flüchtlinge in staubiger Kleidung und hier sie, im schmalen schwarzen Kleid, violett geschminkte Lippen, ein Stück Erdbeerkuchen vor sich.

"Ja, das seid ihr!", ruft ihre jüngere Schwester Sara dazwischen, die dritte Tochter, die in Deutschland zur Welt kam. "Jetzt verstehe ich, was unsere Mutter auf sich genommen hat." Nun war auch für Sara die Familiengeschichte greifbar. "Ich habe seither ein eigenes Bild im Kopf", sagt sie zu ihrer Schwester: "unsere Mutter, wie sie dich auf dem Arm hat und unsere große Schwester an der Hand, im Gesicht die Angst, was auf sie zukommen mag."

Während Sara Nuru in dem Berliner Café erzählt, werfen manche Gäste einen verstohlenen Blick auf diese große, schlanke Frau mit den Grübchen in den Wangen. Sara Nuru gewann 2009 den Wettbewerb Germany’s next Topmodel, sie arbeitet seither als Model und Moderatorin.

Das erste Mal, als ich die Nurus sah, war Sara noch nicht geboren. Die Mutter war gerade mit ihren beiden Töchtern nach Erding gekommen, wo ich wohnte. Ich war damals 14, meine beste Freundin war gerade weggezogen, und ich hatte das Gefühl, dass es in meiner Stadt nicht viele gab, die so waren wie ich. Die meisten meiner Mitschüler kamen von Bauernhöfen aus dem Umland. Wenn alteingesessene Erdinger auf jemanden trafen, den sie nicht kannten, dann fragten sie: Zu wem g’hörst du? Wenn derjenige dann den Familiennamen sagte, wussten sie meist Bescheid. Bei mir funktionierte das nicht, weil mein Vater aus Ägypten stammt. Ich freute mich über die Ankunft der Asylbewerber in der Stadt. Endlich Abwechslung.

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