Ich habe einen Traum Jojo Moyes

"Ich neige zum Katastrophisieren: Ständig stelle ich mir vor, was alles schiefgehen kann"
© Axel Hoedt
ZEITmagazin Nr. 45/2016
Pauline Sara Jo "Jojo" Moyes

47, ist eine britische Schriftstellerin. 2012 erschien ihr neunter Roman Me Before You, der zu einem weltweiten Erfolg wurde. Allein die deutsche Fassung unter dem Titel Ein ganzes halbes Jahr verkaufte sich mehr als 1,2 Millionen Mal. Die gleichnamige Verfilmung lief im Sommer im Kino und erscheint in Kürze auf DVD

Meine Jugendträume waren einfach: Mit 17 war ich mit einem Handwerker verlobt, ich dachte, wir würden heiraten, Kinder haben und in einer kleinen Wohnung leben. Eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden war für mich unvorstellbar. Damals habe ich in einer Bank gearbeitet, die mich eines Tages zu einem Seminar an die Universität von Oxford geschickt hat. Dort habe ich dann all diese jungen Menschen in meinem Alter getroffen, die so ehrgeizig waren, so voller Träume! Das hat meine Vorstellung davon, was ich tun und sein kann, völlig verändert. Schon auf dem Weg nach Hause habe ich meine Verlobung aufgelöst und meine Bewerbung für die Universität geschrieben.

In einem wiederkehrenden Traum sitze ich in einem schnellen Auto und fahre eine Bergstraße hinauf, höher und höher. Irgendwann beginne ich die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Es ist kein klassischer Albtraum, ich wache nicht schweißgebadet daraus auf, aber er ist sehr plastisch. Ich habe große Angst, versuche immer verzweifelter, die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten.

Diesen Traum träume ich erst, seitdem ich als Schriftstellerin immer erfolgreicher geworden bin – nach einer sehr langen Zeit, in der ich es nicht war. Es ist seltsam und auch beunruhigend, wenn man solche Höhen erreicht. Die Kontrolle zu bewahren ist nicht immer einfach.

Und Kontrolle ist sehr wichtig für mich. Ich neige zum Katastrophisieren: Ständig stelle ich mir vor, was alles schiefgehen kann, und suche nach Lösungen für mögliche Katastrophen. Ich brauche immer einen Plan B. Wahrscheinlich liegt diese mangelnde Zuversicht in meiner Kindheit begründet. Ich bin in Hackney groß geworden, damals ein gefährlicher Teil von London. Bei Dunkelheit war es auf der Straße nicht sicher, bei uns zu Hause wurde mehrmals eingebrochen. Und als ich zwölf war, trennten sich meine Eltern. Auch das, was ich bis dahin noch für sicher und verlässlich gehalten hatte, war nun weg. Das erklärt vielleicht meine Angst vor Situationen, die ich nicht selbst kontrollieren kann.

In gewisser Weise hat mir meine Beschäftigung mit möglichen Katastrophen aber geholfen, das Gute intensiver zu genießen. Wenn man sich ständig bewusst macht, was alles schiefgehen kann, lernt man es sehr zu schätzen, wenn das Gegenteil geschieht.

Das gilt vor allem für die Zeit nach der Geburt meines jüngsten Sohnes. Er wurde ohne Gehör geboren. Als er 15 Monate alt war, bekam er operativ ein Implantat eingesetzt, das ihm helfen sollte zu hören. Eine schwierige Operation mit zahlreichen Risiken. Für mich war diese Zeit ein schrecklicher, dunkler Albtraum. Ich war über Monate zerfressen von Zweifel und Schuld, nahm Valium und Schlaftabletten. Mein Sohn war perfekt, auch ohne Gehör, ein glückliches, freundliches Kind. Wir wussten, die Operation konnte ihm helfen, Gehör und Sprache zu erlangen. Aber hatten wir das Recht dazu, sein Leben so zu verändern? Dazu kamen die Risiken der OP. Glücklicherweise ging alles gut aus, er ist heute zehn Jahre alt und geht auf eine normale Schule, er hat gehörlose und hörende Freunde, er hat die freie Wahl. Ein Traum!

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.