Khizr und Ghazala Khan Der verlorene Sohn

ZEITmagazin Nr. 45/2016
Das Ehepaar Khan stellte sich in Philadelphia auf eine Bühne, um Donald Trump zu widersprechen: Amerikas Werte zählen mehr als Hass. Das ganze Land hörte ihnen zu. Die Geschichte einer amerikanischen Familie, in der auch Deutschland eine Rolle spielt. Von

Am Ende dieser Geschichte, die mit über den Ausgang der US-Wahlen entscheiden könnte, betreten Khizr und Ghazala Khan die Bühne einer großen Sportarena in Philadelphia. Brennendes Scheinwerferlicht legt sich auf ihre Gesichter. Eine Stunde lang wurde das Paar von Technikern in einem Probenraum an das grelle Licht gewöhnt. Er, 66 Jahre alt, ist groß und hager, trägt einen schwarzen Anzug, streicht mit seiner Hand kurz über ihren Rücken. Sie, kleiner als er, zu ihm hochschauend, die Hände gefaltet, das Gesicht zu einer Maske verspannt. Sie kämpft dagegen an, dass ihr der Kreislauf wegsackt. Es ist der 28. Juli 2016. Er, Khizr Khan, wird reden, weil sie es vor Aufregung nicht kann. Drei Minuten wurden ihnen gegeben. Kurz nach ihm soll Hillary Clinton sprechen. Es soll die wichtigste Rede in Clintons bisheriger Karriere werden. In der Sporthalle drängeln sich Tausende Delegierte der Demokratischen Partei, um sie zur Präsidentschaftskandidatin zu küren. Doch nach diesem Abend in Philadelphia wird kaum jemand mehr wissen, was sie gesagt hat. Und fast jeder in den USA wird sich an die Worte des bisher unbekannten Khizr Khan erinnern.

Hinter den Khans füllt das Porträt ihres toten Sohnes Humayun den riesigen Saalbildschirm. Ein junger Mann in Uniform.

"Donald Trump hat geschworen, uns Muslime aus diesem Land zu verbannen", sagt Khizr Khan. "Donald Trump, darf ich Sie fragen: Haben Sie jemals die Verfassung der Vereinigten Staaten gelesen? Ich werde Ihnen gerne mein Exemplar leihen." Khan holt eine schmale Broschüre aus seiner Jacketttasche und hält sie in die Höhe. Eine Drehung mit dem Handgelenk, die er zuvor lange geübt hat. "Suchen Sie in diesem Dokument nach den Wörtern (aufbrandender Applaus), suchen Sie nach den Wörtern 'Freiheit' und 'Gleichbehandlung'! Waren Sie jemals auf dem Friedhof in Arlington? Gehen Sie hin, und schauen Sie auf die Gräber der tapferen Patrioten, die bei der Verteidigung Amerikas gestorben sind – Sie werden dort alle Religionen, Geschlechter und Ethnien finden. Sie (Trump) haben nichts und niemanden geopfert."

Khans Rede endet nach sechs Minuten und einer Sekunde, sie wurde in den vergangenen Wochen von Sprachwissenschaftlern in allen Details untersucht und vermessen. Sie lässt die Umfragewerte von Trump, der die Khans gleich am nächsten Morgen in TV-Interviews angreift, um drei Prozentpunkte einbrechen. Viele Republikaner distanzieren sich nun von ihm, Veteranen, Soldatenverbände; Amerika, das in diesem Wahlkampf so unversöhnlich auseinandergetrieben worden ist, scheint noch einmal – zumindest für diesen Moment – zurück zu seiner alten Mitte zu finden, dank den Khans.

Die Geschichte der Khans, die dazu führen könnte, dass der Welt Donald Trump als US-Präsident erspart bleibt, kann man aus vielen Perspektiven erzählen. Sie beginnt in der Großstadt Lahore, Pakistan, in einem Seminarraum, in dem die 21-jährige Ghazala im April 1972 als Tutorin auf die Teilnehmer eines Kurses für persische Literatur wartet. Sie setzt sich im oberpfälzischen Amberg fort, wo die 22-jährige Irene Auer im Mai 2002 mit einer Freundin auf dem Marktplatz sitzt und sich nichts mehr von dem Abend verspricht. Und sie beginnt noch einmal neu im irakischen Dijala, als am 8. Juni 2004 kurz vor sieben Uhr morgens ein orange-weißes Taxi auf das Haupttor des US-Camps Warhorse zurast.

Khizr und Ghazala

Das Haus, das die Khans jetzt im Bundesstaat Virginia bewohnen, ist das vorläufig letzte von so vielen. Es liegt einsam an einem Berghang, gesäumt von altem Wald. In der Auffahrt steht Khizr Khan, im dunklen Jackett, den Blick auf sein iPhone gerichtet, und wartet auf den Besuch aus Deutschland. Er gibt nur noch selten Interviews. Sie müssten zur Ruhe kommen, sagt er. Hunderte Anfragen und viele Tausend E-Mails haben die Khans erreicht, darunter auch Drohungen. Sie werden von Rechten bezichtigt, Agenten der radikalen Muslimbrüder zu sein. Clinton habe ihm 375.000 Dollar für die Rede gezahlt. Er und seine Söhne betrieben in ihrem Haus einen Sexclub.

Seine Frau Ghazala hat Schlafstörungen, wacht in der Nacht auf, hat Angstattacken. Das Haus am Wald bewohnen sie seit 2004, es war als Ort gedacht, an dem der Schmerz über den Tod ihres Sohnes Humayun abklingen sollte. Ganz in der Nähe, unten in der Stadt Charlottesville, lebt die Familie ihres ältesten Sohnes Shaharyar. Im Haus selbst ihr jüngster Sohn Omar. Ihre Schwiegertochter bereitet in der gemeinsamen Küche dem Enkelsohn das Mittagessen zu. "Immer wenn ich ihn anschaue", sagt Khizr, "lächelt er mich an."

Der Tisch im Esszimmer ist bedeckt mit den Briefen und Zuschriften aus den USA und der ganzen Welt, die sie alle persönlich beantworten wollen. "Schauen Sie mal", sagt Khizr. Der Bürgermeister von London hat ihnen geschrieben. Der US-Verteidigungsminister lädt sie zum Mittagessen ins zwei Stunden entfernte Washington ein. Auf Prominenten-Empfängen sind sie in diesen Tagen die Stars. Jeder möchte mit ihnen fotografiert werden, sogar Republikaner, sie kämen in Restaurants kaum zum Essen, klagt Ghazala, weil sie immer wieder für Selfies aufstehen müssten. Doch hier in ihrem Zuhause ist von dieser Aufregung nichts zu spüren. In diesen Räumen ist eine große Stille. Irgendwo in der Wohnung schlägt eine Pendeluhr.

Im Wohnzimmer sind sie vollständig umrahmt von Humayuns Bildern und Andenken. Khizr und Ghazala sitzen auf einem cremefarbenen Sofa. Ein ungleiches Paar, in vielen Dingen. Er zurückgenommen, steif, auch dann, wenn er emotional wird. Sie herzlich und direkt, nahbar. Wäre es nach den Konventionen ihrer Heimat gegangen, hätten sie nie ein Paar werden dürfen. Ghazala hieß damals noch Durrani, der Name eines großen paschtunischen Stammes, Tochter reicher Großgrundbesitzer. Sie wuchs in Lahore auf, einer Millionenmetropole. Khizr hingegen verbrachte seine Jugend in einer Kleinstadt. Seine Familie lebte von der Hühnerzucht, unterer Mittelstand, darum kämpfend, auf der gesellschaftlichen Leiter eine Sprosse weiter nach oben zu kommen. Die beiden begegneten sich zum ersten Mal 1972 an der Universität in Lahore, wo Ghazala den besagten Kurs in persischer Literatur gab. Khizr sah sofort etwas in ihr. Sie sah ihn lange gar nicht.

Das erste Mal, als sie ihn wahrnahm, hielt sie ihn für einen Professor, dabei war er in seinem ersten Uni-Jahr. "Er sah so ernst und so förmlich aus", erinnert sie sich. Er hatte nichts von der Verspieltheit anderer. Das zog sie an. Sie spürte augenblicklich, ein Kämpfer. Sie engagierten sich in der Campusvertretung, versuchten ihren Kandidaten für den Vorsitz des Studentenrates durchzusetzen, einen, der für Demokratie eintrat. Sie demonstrierten, rissen grüne Zweige von den Bäumen und hielten sie über ihre Köpfe, als Zeichen ihres Protests. Pakistan befand sich im Umbruch, hatte im dritten Jahrzehnt seiner Unabhängigkeit zwei Kriege durchgestanden, war erst von Indien abgetrennt worden, dann von Bangladesch. Es gab in dieser Stimmung zwei Wege, um gesellschaftlich aufzusteigen. Den des Militärs und den des Jurastudiums. Khizrs Vater hatte gegen die Armee entschieden.

Die meisten Ehen wurden damals von den Eltern arrangiert, aber Khizr und Ghazala wählten selbst. Er lud seine Mutter nach Lahore ein, wo sie eine Nacht bei Ghazala im Frauentrakt verbrachte, sie mochten sich. Die erste Prüfung. Der Mutter folgte Khizrs älteste Schwester. Auch sie fand seine Auserwählte nett. Doch sie konnten nicht heiraten, weil er das Geld für eine gemeinsame Wohnung nicht hatte. Der Kauf der Wohnung ist traditionell Sache der Familie des Bräutigams, und Khizrs Vater hatte alles Ersparte bereits in das Rechtsstudium seines Sohnes investiert.

Irene

Die Geschichte, die im Juli im Scheinwerferlicht von Philadelphia endet, die mit der Liebe zwischen Khizr und Ghazala begann, erzählt sich auch über die Liebe eines anderen Paares. Drei Jahrzehnte nachdem die Khans in Lahore ein Paar wurden, sitzt Irene Auer mit einer Freundin auf dem Marktplatz von Amberg in einem Café. Es ist der 9. Mai 2002, ein Donnerstag. Sie wollen gerade aufbrechen, als zwei junge Männer sie ansprechen. Einer davon ist Humayun Khan. Wo man an diesem Abend in der Stadt noch etwas unternehmen könne, fragt er. "Es war die älteste Anmache der Welt", sagt sie und lacht. Sie, blaue Augen, blond, Sommersprossen, ist heute Mitte dreißig und hat viel Mädchenhaftes in sich. Wir treffen uns in der Fußgängerzone Hannovers im Café Kröpcke, auf neutralem Boden, nicht bei ihr zu Hause. Dort warten ihre zwei kleinen Töchter und ihr Mann, für den sie nach Hannover zog. Mann und Kinder gab es 2002 noch nicht. Trotzdem ist es für sie eine schwierige Situation. Die neue Liebe fand sie nur, weil ihr der Tod die erste nahm.

Einen wie Humayun hatte sie bis dahin noch nicht gekannt. "Er hat eine Stimme wie Elvis Presley", meint ihre Mutter beeindruckt, als Irene ihn ihr vorstellt. Ein junger GI, der kurz zuvor in die tiefe bayerische Provinz versetzt worden ist. Sie weiß nichts über ihn, sie verliebt sich in die ruhige, sanfte Stimme des 25-Jährigen, in seine fröhlichen Augen, in denen immer auch ein bisschen Ernst war. Als er sie zum ersten Mal in seine Wohnung einlädt, hat er Nudelsalat gemacht, aber sie rührt nichts davon an. "Ich war so verliebt", sagt sie. Am zweiten Abend küssen sie sich zum ersten Mal. "Seine Küsse", sagt sie. "Er konnte so wundervoll küssen. So zart."

Khizr und Ghazala

Im Lahore des Jahres 1974 verabschiedete sich Khizr am Flughafen von Ghazala. Er hatte einen kleinen silbernen Koffer gepackt, er trug einen Business-Anzug, seinen einzigen. Um das Geld für die Hochzeit mit Ghazala zu verdienen, hatte er beschlossen, in Dubai eine Anwaltsstelle anzunehmen. Vor der Abreise hatte ihn Ghazalas Vater gefragt: "Wirst du dich nach der Hochzeit gut um sie kümmern?"

Die Flug von Pakistan nach Dubai dauerte nur anderthalb Stunden. Aber dort wartete eine andere Welt. Khizr war zum ersten Mal im Ausland. Er war unsicher, nervös, hatte lediglich das sorgsam gefaltete Einladungsschreiben des Oilfield Supply Center dabei. Darauf standen die Adresse des Büros und der Termin des Arbeitsbeginns. Er wusste nicht, wo er wohnen würde, er hatte kein Geld für ein Hotel. Bis zum Aufschließen des Büros am nächsten Morgen wollte er draußen schlafen. Doch der Taxifahrer, ein Pakistaner, in dessen Wagen er sich setzte, erbarmte sich, ließ ihn bei sich schlafen, in seiner engen, überfüllten Wohnung.

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