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Das war meine Rettung "Am Purimfest 1948 ist es passiert, ich war fünfzehneinhalb Jahre alt"

Eine Aufforderung zum Tanz hat Charlotte Knoblochs Leben für immer verändert. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 46/2016

ZEITmagazin: Frau Knobloch, Sie haben früh im Leben eine Rettung erfahren: Während der Nazi-Zeit hat Ihr Vater Sie bei einem Dienstmädchen von Bekannten auf dem Land versteckt.

Charlotte Knobloch: Ja, diese Frau hat mir das Leben gerettet. Ich war mehr als neun Jahre lang bei ihr. Am Ende wollte ich gar nicht mehr fort. Aber es gibt noch eine zweite Rettung, von der ich gern erzählen möchte. Ein Ereignis, das mein Leben bestimmt hat.

ZEITmagazin: Wann war das?

Knobloch: Nach dem Krieg. Ich war wieder in München, und am Purimfest 1948, da ist es passiert, ich war fünfzehneinhalb Jahre alt.

ZEITmagazin: Was geschah an diesem Tag?

Knobloch: Ich war mit Freunden in Nymphenburg, in der Prinzenstraße, und da kamen zwei junge Männer rein. Ich schaute den einen an und dachte mir: "Mein Gott, das ist doch ein toller Mann. Was hat der für Augen!" Es wurde getanzt, aber er hat mich leider nicht zum Tanzen geholt. Meine große Konkurrenz war eine schöne junge Dame, und ich war doch noch ein Kind. Gott hat aber geholfen, und er hat mich dann doch zum Tanzen aufgefordert. Das war der Himmel auf Erden, und ich habe ihn in meiner idiotischen Naivität gefragt, ob er meine Telefonnummer haben möchte. Er hat kurz erwidert, wenn es ihn interessiere, werde er sie schon bekommen. Das habe ich ihm später immer vorgehalten.

Charlotte Knobloch

84, wurde in München geboren. Sie ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde ihrer Heimatstadt und war von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. 2012 veröffentlichte sie unter dem Titel In Deutschland angekommen: Erinnerungen ihre Autobiografie (DVA)

ZEITmagazin: Seine Antwort war nicht gerade ermutigend ...

Knobloch: Nein, monatelang habe ich nichts von ihm gehört, bis er plötzlich Silvester 1948 anrief und fragte, ob ich vielleicht am Abend mit ihm ins Haus der Kunst gehen möchte. Später habe ich erfahren, dass ihm irgendjemand abgesagt hatte. Dummerweise tauchte im Haus der Kunst diese junge Dame wieder auf, und er hatte nur Augen für sie und nicht für mich in meinem schönen schwarzen Kleid.

ZEITmagazin: Sie sind sich an dem Abend nicht nähergekommen?

Knobloch: Nicht wirklich. Er hat zu der Zeit seine Ausreise nach Australien betrieben, und das wäre es dann wohl gewesen. Die Antragsstelle war in Augsburg, dort musste er immer wieder hin, um die Formalitäten zu erledigen. Einmal hat er mich gefragt, ob ich ihn nach Augsburg begleiten würde. Auf unserer Fahrt nach Augsburg ist er am Steuer eingeschlafen und mit seinem kleinen Auto unter einen Lastwagen geraten. Mich hat es nach hinten geschmissen, und er ist nach vorne durch das Fenster.

ZEITmagazin: Waren Sie schwer verletzt?

Knobloch: Ich dachte, mir sei gar nichts passiert. Er ist im Krankenhaus gleich in den Operationssaal gekommen, das ganze Gesicht hat man schon gar nicht mehr gesehen vor lauter Blut. Ich habe dann meinen Vater angerufen, ihm die Sache erzählt und gesagt, dass ich mit dem Zug zurückfahre. Doch als ich aus der Telefonzelle ging, bin ich zusammengebrochen. Ich hatte eine starke Gehirnerschütterung und wurde auch ins Krankenhaus gebracht. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, aber der Unfall brachte die entscheidende Wende.

ZEITmagazin: Welche Wende?

Knobloch: Die Geschichte mit Samuel Knobloch wäre wahrscheinlich zu Ende gewesen. Er wäre nach Australien gegangen und ich in München geblieben. Aber so besuchte er mich im Krankenhaus, den Kopf noch ganz bandagiert. Ich sagte zu ihm, so könne er unmöglich nach Australien reisen, und fügte hinzu, da bleibe uns wohl zum Glück noch eine schöne Zeit zusammen. Und er antwortete: "Du hast noch viel schönere Zeiten vor dir, weil ich dich heiraten werde." Wissen Sie, das war für mich ...

ZEITmagazin: ... wie ein Märchen?

Knobloch: Ja, schöner als alles andere, Sie können sich das nicht vorstellen. Er hat mir später erzählt, er habe mir den Antrag ganz spontan gemacht, nur weil ich gesagt habe, ich bin froh, dass das jetzt passiert ist, weil ich so noch länger mit ihm zusammen sein kann. So etwas geschieht einem nur einmal im Leben. Wir wollten dann zusammen auswandern.

ZEITmagazin: Aus welchem Grund sind Sie dann doch nicht ausgewandert?

Knobloch: Wir haben geheiratet, und dann kam das erste Kind. Und als das Kleine reisebereit gewesen wäre, hat sich das zweite angesagt, und damit war das Thema erledigt. Ja, alles Schicksal. Nicht geplant, nicht gewollt, nicht irgendwie, sondern ein allgemeines Ziel und Schluss.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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