Clint Eastwood "Ich höre nie auf"

© Andrew Kelly/Reuters
Clint Eastwood über seine Ausdauer, seinen Vater und die wichtigste Entscheidung seines Lebens. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 46/2016

Ein paar Tage vor dem Interview verschicken die Presseleute eine E-Mail mit Themen, die mit Clint Eastwood bitte nicht besprochen werden sollen: keine Fragen zu seiner Familie (Eastwood hat sieben Kinder von fünf Frauen, seine jüngste Ehe ging 2013 in die Brüche), nichts über die Oscars (Eastwood erhielt seine letzte Nominierung 2015 für American Sniper, gewonnen hat er bislang vier). Außerdem bitte keine Fragen zu: "how he can still work at the age of 86". Und vor allem: kein Wort zur amerikanischen Politik und zum Wahlkampf. Das wird einem auch kurz vor der Begegnung mit Eastwood zweimal persönlich gesagt.

Es ist der Versuch, einen Mann zu bändigen, der mit seinen Meinungen seit Beginn seiner Karriere 1955 nie hinterm Berg gehalten und immer wieder Kontroversen ausgelöst hat. Er ist seit den fünfziger Jahren Mitglied der Republikanischen Partei und hat vor einigen Monaten öffentlich bekannt, dass er eher Trump als Clinton wählen wird. Im Sommer klagte er über eine "pussy generation", die er beobachte, Feiglinge, die sich gegenseitig ständig voreilig Rassismus unterstellen und nicht mehr richtig arbeiten.

Zum Gespräch in einer Suite des London Hotel in West Hollywood, Los Angeles, setzen sich dann auch zwei Pressefrauen. Sie wirken wie Töchter, die auf einer Familienfeier ihren Großvater nicht außer Hörweite lassen wollen, weil sie Angst haben, er könnte jeden Moment etwas Unangebrachtes sagen.

In diesen Tagen bringt Eastwood einen Film heraus, es ist der 35., bei dem er Regie geführt hat: Sully erzählt die Geschichte des Piloten Chesley Sullenberger, der 2009 ein defektes Flugzeug mit 155 Menschen an Bord vor dem Absturz bewahrte und auf dem Hudson River in New York notlandete.

Eastwood schlendert in blauen Jeans und einer blauen Bomberjacke in die Hotelsuite. Sein Gang ist federnd und geschmeidig, als betrete er eine Jazzbar, der Rücken ein wenig gekrümmt. Die ohnehin langen Beine wirken deshalb noch länger.

Alles an ihm sieht gepflegt aus, die Haut, die Fingernägel, die Zähne. Seine Stimme ist heller, als man es von seinen knarzigen, düsteren Figuren wie aus Gran Torino kennt. Er ist auch viel besser gelaunt.

ZEITmagazin: Herr Eastwood, Sie haben mal gesagt, Sie hätten einen animalischen Instinkt für gute Filmstoffe. Warum hat der bei der Geschichte des Piloten Sully angeschlagen?

Clint Eastwood: Habe ich das echt mal gesagt?

ZEITmagazin: Ja, 1982, in einem Fernsehinterview mit der legendären Moderatorin Barbara Walters.

Clint Eastwood: Ach, was wusste ich wenig über das Leben damals! Ich schaue mir bei einer Geschichte zunächst an, welche Hürden der Held überwinden muss, welchen Konflikt gibt es, und vor allem: Würde ich den Film selbst ansehen wollen? Die Geschichte des Captain Sullenberger, der 2009 ein Flugzeug mit 155 Menschen an Bord im Hudson River notlandete, war in den USA und vor allem in New York sehr groß aufgemacht. Als ich dann aber das Skript las, verstand ich: Da gibt es noch einen Konflikt, von dem ich nie gehört hatte. Alle feierten Sully, doch im Hintergrund lief ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Hatte er richtig entschieden, als er das Flugzeug im Hudson River notlandete? Was noch dazukam, war, dass ich einen persönlichen Bezug zum Thema habe.

ZEITmagazin: Sie haben einen Flugzeugabsturz überlebt.

Clint Eastwood: Ja, ich war 21 und Soldat.

ZEITmagazin: Der Koreakrieg war im Gange, Sie wurden nach Fort Ord versetzt, an die Küste Kaliforniens, wo Sie für die Armee als Schwimmlehrer arbeiteten.

Clint Eastwood

86, ist in San Francisco geboren. Er lebt seit den Fünfzigern in der kalifornischen Küstenstadt Carmel, wo er auch mal Bürgermeister war. Sein neuer Film Sully läuft ab 1. Dezember im Kino

Clint Eastwood: Wenn man damals Uniform trug, konnte man kostenlos auf Flügen mitgenommen werden, es war wie Trampen. Ich flog in einem Militärflugzeug mit, im November, von Seattle zurück nach Kalifornien, das Wetter war schlecht. Alles lief schief, das Benzin ging aus, wir mussten im Meer vor der Küste Kaliforniens notlanden. Ich musste einige Meilen zurück an Land schwimmen. Es war furchtbar. Eines der schlimmsten Ereignisse in meinem Lebens. Glücklicherweise habe ich es überlebt. Für den Film Sully war es natürlich hilfreich. Ein Film über ein Flugzeug, das mit 155 Menschen an Bord im Hudson River landen muss – ich kenne außer mir keinen Regisseur, der schon mal in einer vergleichbaren Situation war. Deshalb dachte ich: Lass es uns ausprobieren.

ZEITmagazin: Hatten Sie damals Angst zu sterben?

Clint Eastwood: Absolut, ja. Ich konnte mich ganz gut in die Passagiere des Hudson-Flugzeugs hineindenken.

ZEITmagazin: Wie hat sich Ihr Blick auf den Tod seither verändert?

Clint Eastwood: Ich bin über die Jahre immer mehr zum Fatalisten geworden. Damals zum Beispiel, erinnere ich mich noch gut, dachte ich in dem Moment, als die Motoren ausgingen: Komm schon, Menschen haben so etwas auch schon überlebt. Ich glaube mittlerweile daran, dass einfach irgendwann die Zeit gekommen ist zu sterben. Oder halt nicht.

ZEITmagazin: Sie sind 86 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?

Clint Eastwood: Mir geht es ganz gut. Warum, sehe ich so schlecht aus?

ZEITmagazin: Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, aber das hören Sie bestimmt oft.

Clint Eastwood: Ha, nun ja, ich fühle mich auch gut.

ZEITmagazin: Woran spüren Sie das Alter?

Clint Eastwood: Ach, ich hätte all die Schauspieler, die nicht mehr da sind, gerne um mich herum. Aber nicht nur die von ganz früher, die nicht mehr sind. Ich hatte auch eine sehr gute Zeit mit den Menschen am Set von meinem letzten Film, American Sniper. Ich denke aber nicht zu viel über das Gestern nach. Nur manchmal werde ich nostalgisch, wenn ich im Fernsehen zufällig einen alten Film von mir sehe, den ich vor zwanzig, dreißig Jahren gemacht habe. Ich lebe aber eher im Jetzt.

ZEITmagazin: Ihr Vater ging mit 60 in den Ruhestand und starb mit 64 an einem Herzinfarkt. Er soll Sie mal gewarnt haben: Sobald du aufhörst, dich weiterzuentwickeln, gehst du ein.

Clint Eastwood: Ja, ich höre nie auf. Ich versuche, mich in einem Zustand zu halten, in dem ich immer etwas Neues lerne oder etwas Neues erlebe. Das ist wichtig. Für Sully habe ich zum Beispiel mit Kameras gearbeitet, mit denen ich noch nie gearbeitet hatte. Es gibt auch jetzt ein neues Filmprojekt, das mich gerade sehr interessiert, es befindet sich aber noch in der Frühphase. Ich arbeite mit einem Autor daran. Mehr kann ich noch nicht verraten.

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