Harald Martenstein Über die Bedeutung eines Füllwortes

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ZEITmagazin Nr. 46/2016

Die Jugend will provozieren. Deswegen war es erwartbar, dass die Begriffe "Opfer", "Spasti" und "behindert" in der Jugendsprache als Schimpfwörter Karriere machen würden. Das richtet sich nicht gegen Behinderte, sondern gegen die Erwachsenen und ihre Regeln. Ich glaube, ich weiß, wie in etwa fünf Jahren auf dem Schulhof gesprochen wird. "Die Party gestern war glutenfrei. Da sind nur Integrationsbeauftragte und Geflüchtete unterwegs in dieser veganen Selbsthilfegruppe."

Beim Autofahren höre ich, um mich provozieren zu lassen, gern Jugendsender. In diesem Fall redete der Moderator mit einer Sängerin. Sie klang ungefähr so: "Wir nehmen demnächst unser erstes Album auf ... genau. Es geht um ... genau. Es geht um Liebe und die Zukunft und so was, genau."

In dem kurzen Interview verwendete sie etwa zehnmal das Wort "genau", manchmal vor, manchmal nach einer Aussage. Dabei machte sie vor dem "genau" immer eine kleine Kunstpause. Mir fielen ein paar Telefonate der letzten Zeit ein, die ähnlich verlaufen sind. Die Gesprächspartner waren immer jung. Der junge Mensch sagte etwas, brach mitten im Satz ab, dann blieb es kurz still. Ich hatte den Eindruck, er checkt, ob das, was er gerade gesagt hat, auch wirklich stimmt. Nach der Kunstpause hieß es erleichtert "genau!", und weiter ging’s im Text.

Harald Martenstein

ist Redakteur des Tagesspiegels.

Im Netz habe ich dazu eine Analyse von Gloria Nsimba gefunden, sie ist Linguistin, Jahrgang 1988. Nsimba schreibt, dass "genau" im deutschen Sprachraum an die Stelle des einstigen Mode- und Füllwortes "krass" getreten ist. "Genau" werde sogar deutlich häufiger verwendet, als es bei "krass" jemals der Fall war. Ein typischer Genausager sei in der Regel 20 bis 27 Jahre alt. Oder auch eine Genausagerin, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Genausaghäufigkeit scheint es nicht zu geben. Inhaltlich aber sei "genau" gerade nicht das neue "krass". "Krass" war ein wertendes Wort, Nachfolger von "prima" und "super". "Genau" ist das neue "äh" oder "ähm". Wenn der Gedankenfluss stockt und man nicht genau weiß, was man sagen soll, sagt man heutzutage "genau". Wenn ein junger Mensch in einem Club einen anderen jungen Menschen anspricht, muss man sich das wohl so vorstellen: "Ich heiße ... genau, Lukas." Ich finde, "genau" klingt eindeutig besser als "äh". Für diejenigen, die glauben, dass unsere Sprache seit Jahrzehnten immer nur den Bach runtergeht, gibt dieses Sprachphänomen nichts her. Ein Anglizismus ist es auch nicht, mehr noch, das Wort ist nicht einmal beleidigend. Da müssten doch im Zentralrat der Kulturpessimisten die Sektkorken knallen.

"Genau" bedeutet so viel wie "stimmt, das ist richtig". Meiner Ansicht nach ist die Erfolgsgeschichte von "genau" eine Folge der vorherrschenden Pädagogikkonzepte der letzten Jahrzehnte. Die Heranwachsenden wurden ja von ihren Erziehungsberechtigten ununterbrochen bestätigt und gelobt. Wenn sie mit 16 das Auto der Eltern gegen einen Baum gefahren haben, sagten die Eltern: "Schön, dass du so viel Selbstvertrauen gehabt hast!" Jetzt sind sie groß, wohnen allein und müssen sich, weil bei den Eltern die Kräfte nachlassen, die ganze Zeit selber loben. Ein bisschen traurig macht mich dieser Gedanke schon.

Dann aber habe ich im Archiv einen Fund gemacht. Es gab in der ZEIT einmal eine Sprachkolumne, unter dem Kürzel "j.j.". Damals, 1958, hat jener Kollege oder jene Kollegin das Wort "genau" als das "Modewort vom Dienst" gegeißelt. Vielleicht hängt die Wiedergeburt von "genau" also auch mit dem Comeback der Pünktchenbluse zusammen.

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