Weinbauer Große Lage

© Lukas Wassmann
Ein legendärer Weinberg, der Winzer Egon Müller IV. und die Kunst, den teuersten Weißwein der Welt anzubauen. Von
ZEITmagazin Nr. 46/2016

Wie ein Tier liegt er da, wie ein großes, friedliches Tier, aus dem ein Saft kommt, der aus irgendeinem Grund ganz besonders sein soll. Der Scharzhofberg, eines der wertvollsten Stücke Agrarland in Deutschland. Ein mittelsteiler Hang nur, 100 Meter hoch, 800 Meter breit. Ihn säumt kein Fluss, sondern eine Landstraße. Wüsste man nichts über ihn, man würde achtlos daran vorbeifahren.

Es ist Mai 2015, und um diese Jahreszeit ist der Berg noch braun. An seinem Fuß: das Gut. Ein verwittertes Schlösschen mit einem Schieferdach und sieben Kaminen. Im Karpfenteich versinkt ein blaues Ruderboot. Die Tür des Hauses steht offen.

Ein dunkler Vorraum. Eine Standuhr, die nicht mehr schlägt. Ein Barometer. Ein Ölbild mit bechernden napoleonischen Soldaten.

Und ein schlanker Mann, der jetzt in Joggingschuhen eine Treppe hinunterfedert und dabei murmelt: "Wie ich das hasse."

Der König des Rieslings hat schlechte Laune.

"Egon Müller ist mit allem möglichen Scheiß konfrontiert", hatte Stuart Pigott, der Weinkritiker, über den 57-Jährigen gesagt, von dem es heißt, seine Weißweine stünden in einer Reihe mit den großen Burgunderweinen des Château d’Yquem oder der Domaine de la Romanée-Conti, heiliger Orte der Weinwelt. Eine Flasche Egon Müller 99er Trockenbeerenauslese vom Scharzhofberg wurde vor fünf Jahren für 5.300 Euro versteigert. Ohne Mehrwertsteuer.

Deutscher Wein, begünstigt von der Klimaerwärmung, ist im Kommen, seit Jahren schon. Riesling hat den allgegenwärtigen Chardonnay von den Speisekarten verdrängt, die Preise der besten deutschen Lagen jagen die der französischen. In Zeiten, in denen Wein all das zugeschrieben wird, was in der globalisierten Welt abhandenkommt – Erdung, ein klarer Begriff von Heimat –, werden Winzer wie Künstler gehandelt. Ganz oben: Egon Müller IV., Spross einer Familie, die ihre Söhne nummeriert wie Könige. In der Weinwelt eine Legende, dem gemeinen Volk fast unbekannt.

Interviews gibt er nur selten, er sei verschlossen, heißt es über ihn, vielleicht arrogant, vielleicht ein bisschen autistisch. Einmal hat er sich geöffnet, 2002 in der Zeitschrift Enology International, dort erklärt er Rebstockabstände und Kellertemperaturen, den Einfluss von Eichenfässern auf den Geschmack (überbewertet). Ansonsten lässt Müller lieber seine Weine für sich sprechen, die die Kritiker dann in beschwipsten Adjektiven umkreisen. Von "schiefriger Mineralität" ist die Rede, "vibrierender Säure". "So zarte, feine, gelbe und weiße Frucht", schreibt einer. "Litschi kommt mir zuerst in den Sinn, heller Pfirsich, ein wenig weißer Pfeffer."

Was fasziniert Menschen so am Wein, mehr als an Bier, Whisky oder Apfelmost? Ist es seine Fähigkeit zu altern? Wie ein Mensch im Lauf der Zeit interessanter, ausgeglichener, runder zu werden – oder bitter und ungenießbar? Ist es die Verbindung, die ein Wein herstellt zu einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit? Kaum eine Frucht reagiert so sensibel auf das Wetter wie die Traube, kaum ein Nahrungsmittel ist so lange haltbar. Wein ist der letzte sinnliche Zugang, den wir zu einem vergangenen Jahr haben, den Sonnen- und den Regentagen, den Stürmen und sogar zu den gesellschaftlichen Verhältnissen – ob es genügend Arbeiter gab, welche Methoden im Keller erlaubt waren.

Es gibt eine Anekdote, die davon handelt, wie der Vater von Egon Müller, Egon III., seine letzten beiden Flaschen 1945er Scharzhofberger öffnete. Es geschah in Paris, bei einer kleinen Feier zum fünfzigjährigen Jubiläum des Kriegsendes. Der 45er hätte ein großer Jahrgang werden können, der Sommer war warm und trocken gewesen, aber am Scharzhofberg wucherte das Unkraut. In einer Parzelle lag eine abgestürzte amerikanische Thunderbolt. Erntehelfer gab es kaum. All das muss irgendwie in den Geschmack des Weines eingeflossen sei, den die Gäste an diesem Tag tranken – und das Gefühl, einen Tropfen Welt, vielleicht sogar Wahrheit, im Glas zu haben.

Hier wird der teuerste Weißwein der Welt angebaut. © Lukas Wassmann

Müller bittet in eine Bibliothek. Folianten, ein Sofa, überzogen mit rotem Samt. Über allem schweben ein gusseiserner Kranich, aufgehängt an der Decke, und viele Fragen: Was ist das für ein Wein, der Menschen so viel wert ist? Was steckt in ihm? Wie gelingt es Müller, Trauben in etwas zu verwandeln, was zwar nicht ganz, aber doch halb so viel wert ist wie Gold?

Müller erzählt von den 100 Jahre alten Reben am Berg, vom langsamen Wachsen der Trauben an der Saar, global gesehen ein kühles Anbaugebiet. Von den handverlesenen Beeren, aus denen er Weine im alten Stil mache, mit einer Spur Süße. Von seinen Kunden, jungen Riesling-Freaks, alten englischen Ladys, Bankern und Oligarchen, die nicht nur für den Geschmack seiner Weine bezahlten, sondern für ein Produkt, das sehr rar sei und eine besondere und lange Geschichte habe.

Im Jahr 1797 kaufte ein Vorfahr Müllers das Gut im Zuge der napoleonischen Säkularisierung. Seither bestellt seine Familie den Scharzhofberg. Fragt man Müller, was sie so erfolgreich macht, gibt er sich bescheiden und lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf den Berg. "Ich bin jetzt hier in der sechsten Generation. Und ausnahmslos alle standen an der Spitze von dem, was in ihrer Zeit an Weinen auf dem Markt war. Da müsste man ganz schön aufgeblasen sein, um zu sagen, eine Familie kann sich in so ununterbrochener Reihenfolge in guten Talenten fortpflanzen. Das muss man schon sagen: Das ist der Weinberg."

Mittagszeit. Müllers Frau Valeska, 41, sportlich, schlank, in Jeans und Joggingschuhen, bringt Lachsschnitten.

"Wein?", fragt Müller. Ich schüttele den Kopf. Ich bin keine Weinkennerin und will nichts von irgendwelchen Aromen fabulieren, sage ich. Keine Sorge, sagt Müller, er sei auch nicht so der Weinkenner. Ich lache, aber er meint das ernst: Er sei im Grunde nur für die Ausgewogenheit von Säure und Süße zuständig, sein Alltag werde von Wetterberichten bestimmt, nicht von Weinkritiken. "Ich bin in erster Linie Landwirt", sagt er. Später laufen wir durch die Reben, an denen sich zartgrüne Blätter zeigen. Um diese Jahreszeit sei er entspannt, sagt Müller. Die Weinstöcke tragen keine Früchte, um die er sich sorgen muss. Das Jahr ist noch jung, und es lässt sich nicht abschätzen, ob es ein gutes werden wird. Wir wollen ihn durch das Auf und Ab der Jahreszeiten begleiten und dabei zusehen, wie er dem Berg diesen besonderen Wein entlockt.

Traubenlese auf dem Scharzberghof © Lukas Wassmann

Egon Müller, das ist schnell klar, ist, im Gegensatz zu seinem Ruf, weder verschlossen noch arrogant. Er überlegt nur, bevor er etwas sagt. Es ist diese kleine Pause, in der die Unsicherheit seines Gegenübers Zeit hat, sich auszubreiten. Und Menschen, die zum ersten Mal mit ihm sprechen, sind häufig nervös. Es sind Händler, die hoffen, von den 20.000 bis 90.000 Flaschen, die jedes Jahr sein Gut verlassen, eine Charge zugeteilt zu bekommen. Weinliebhaber, die aus aller Welt anreisen, um das Heilige Land einmal zu betreten. Müller mag vor allem Landwirt sein, aber er ist der Einzige unter den Winzern am Scharzhofberg, der schon einmal, von der Scholle kommend, Autogramme für Touristen schreiben musste.

17 Parzellen gibt es am Scharzhofberg, acht Winzer teilen sie unter sich auf. Müller besitzt das größte Stück. Neben ihm beackern den Berg: Annegret Reh-Gartner, die einzige Frau unter den Winzern. Der 37-jährige Max von Kunow, der keine industriellen Spritzmittel einsetzt. Und Roman Niewodniczanski, 48, einer der Erben der Bitburger-Gruppe, der sich im Jahr 2000 hier eingekauft hat. Sie sind die Protagonisten am Scharzhofberg, außer ihnen gibt es noch vier andere Betriebe, denen das Schicksal ein Stück vom Garten Eden zugeteilt hat.

Im Lauf dieses Jahres werden sie Weine machen, von denen manche zehn und andere Tausende Euro kosten.

Doch wenn es der Berg ist, der die Weine so besonders macht – wie kann es dann sein, dass sie so unterschiedlich bewertet werden?

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