Stilkolumne Die Weißmacher

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 46/2016

Weiß ist eine denkbar schlichte Farbgebung, trotzdem trägt man weiße Kleidung außerhalb des Sommers eher selten. Aber wenn es nach der Mode geht, dann wird dieser Herbst (und der nächste Sommer sowieso) sehr, sehr weiß. So als ob die Designer die Tatsache, dass in unseren Breiten eher selten Schnee liegt, durch weiße Kleidung wettmachen wollen. Bei Céline werden weiße Hose und weißes Top mit einem eierschalenfarbenen Mantel kombiniert, bei Jil Sander gibt es taillierte weiße Mäntel und weiße Zweireiher, bei The Row werden weiße Stoffe mit transparenten Akzenten verbunden. Und auch bei Chloé, Louis Vuitton, Miu Miu, Hermès: vieles weiß, weiß, weiß.

Weiß gilt schon immer als besondere Nichtfarbe: Bei weißen Tieren vermutete man eine Nähe zu den Göttern. Zeus trat als weißer Stier auf, Christus wurde durch ein weißes Lamm symbolisiert. In Indien verehrt man weiße Rinder. Kapitän Ahab fand seinen mystischen Meister in einem weißen Wal.

Zum einen hat das mit der Seltenheit von weißen Tieren zu tun, zum anderen galt Weiß als Symbol der Reinheit und Unschuld. In vorindustriellen Zeiten war das Bleichen von Stoffen eine sehr aufwendige und mühevolle Angelegenheit. Nur wohlhabende Menschen konnten sich weiße Sachen leisten. Doch auch wer reich war, trug weißes Leinen vor allem als Hemd unter einem aufwendigeren Oberkleid. Die Oberkleidung wurde nie gewaschen, einzig das weiße Leinen. Auch Körperhygiene im heutigen Sinne war unüblich. Das Gefühl von körperlicher Sauberkeit war nicht mit der täglichen Toilette, sondern mit dem Tragen sauberen Leinens verbunden. Erst mit den Bleichverfahren des 19. Jahrhunderts und der weiteren Verbreitung der hellen Baumwolle wurde weiße Kleidung zu einer Massenware. Die Symbolik der Reinheit aber blieb erhalten, obwohl sie heute vielleicht nicht mehr gerechtfertigt ist: Die Baumwollindustrie frisst weltweit die Böden, und der massenhafte Einsatz von Bleichmitteln ist ein großes Umweltproblem.

In Wahrheit also kann Weiß eine ganz schön schmutzige Angelegenheit sein. Zu den weißen Tieren muss gesagt werden: Die Gottesnähe kommt daher, dass die Tiere meist schnell im Jenseits landen. Denn wer weiß ist, hat Probleme mit der Tarnung und wird schnell gefressen. Für die Mode aber kann man Entwarnung geben: Weißträger müssen sich nicht fürchten. Notfalls lässt sich Weiß auch hübsch mit Camouflage kombinieren. Tarnmuster sind nämlich ebenfalls in Mode.

Foto: Peter Langer / Weiße Jacke von Woolrich, 799 Euro

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

"Denn wer weiß ist, hat Probleme mit der Tarnung und wird schnell gefressen. "

So wie Eisbär und Polarfuchs! Tiere die es im Laufe der Evolution nicht geschafft sich an ihre Umgebung angepasst zu haben.
Oder ist der Artikel gar ein verdeckte Panikmache und Anspielung auf Neurechte Bewegungen? Müsste es nämlich nicht heißen "Wer weiß gekleidet ist"? ;-)