© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Wenn ich schreibe, bin ich von Zweifeln zerfressen"

Eine Gastprofessur in den USA veränderte das Leben des Schweizer Germanisten Peter von Matt. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 47/2016

ZEITmagazin: Herr von Matt, Ihre Bücher handeln oft von Themen wie Liebesverrat und Tragödien. Zieht Sie das Dunkle an?

Peter von Matt: Mich faszinieren in der Literatur die Leidenschaften und die Vernetzung mit der Politik. In meinem eigenen Leben bin ich vorsichtig, ich muss nicht das ganze Spektrum an Verbrechen und Konflikten aus den großen Romanen und Tragödien selbst erleben. Natürlich bin ich in vielen Situationen außerhalb meines Schutzraums gewesen und musste durch Konflikte hindurch. Man steht als Germanist an der Universität immer unter Beobachtung. Als ich ordentlicher Professor wurde, musste ich Semester für Semester neue Vorlesungen schreiben, habe acht bis zehn Jahre wie ein Galeerensträfling gearbeitet.

ZEITmagazin: Dann bekamen Sie eine Gastprofessur an der Stanford University.

von Matt: Am ersten Tag in Kalifornien begann ich, ein neues Buch zu schreiben. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe, nur noch so zu schreiben, wie es mir gefällt. Das war für mich eine Rettung, der Übergang in eine neue Existenz. Es ist nicht einfach, so über Literatur zu schreiben, dass sie freigibt, was in ihr steckt. Wenn ich schreibe, bin ich von Zweifeln zerfressen, und mein Schreibtisch kommt mir vor wie eine Folterbank. Ich sehe die schlimmen Möglichkeiten immer stärker als die guten. Deshalb sind meine Bücher auch magische Bannsprüche gegen das Schicksal.

ZEITmagazin: Von außen sieht man hauptsächlich den selbstbewussten Professor in Ihnen.

von Matt: Die Menschen wollen ihr Bild bestätigt sehen, also darf ich nicht zitternd oder zagend auftreten. Ich habe mich aber immer vor den Vorlesungen gefürchtet und gedacht: Was ich geschrieben habe, ist schlecht. Doch wenn ich dann ans Pult ging, kam ein Schub, ja eine Kampfeslust. Plötzlich gefiel es mir, und die ganze Beklemmung war weg. An der Uni weiß man nie, wie man ankommt, und ich habe deshalb ein außerordentliches Sensorium entwickelt. Wenn das Husten zunimmt, merke ich, dass die Studenten nicht mehr zuhören. Das Beste ist dann ein Witz.

ZEITmagazin: Sie sind im schweizerischen Stans in eine Familie von Buchbindern und -verkäufern hineingeboren worden. Wie haben Sie als Kind diese Welt erlebt?

Peter von Matt

79, lehrte an der Universität Zürich und in Stanford und wurde 2012 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Anfang 2017 erscheint sein neues Buch Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur (Hanser Verlag)

von Matt: Überall im Haus waren Bücher, meine Geschwister und ich haben sie verschlungen. In der Familie war klar, dass man schreiben können musste. Es war ein gewaltiger Erlebnis- und Abenteuerraum. Andererseits gehörte zur Familientradition auch ein alttestamentarischer Universalgehorsam. Das Folgen war das oberste Gebot. Ich bin in der Zeit des Faschismus Kind gewesen, und die Bedrohung um die Schweiz herum führte dazu, dass alles nach Anordnung der Obrigkeit durchgeführt werden musste. Und das übertrug sich auf die Schule und die Familien. Das Wort meines Vaters war wie das Wort Gottes. Der Druck war schon enorm. Die Last der Verbote und das Bewusstsein: Was nicht explizit erlaubt ist, ist verboten. Doch ich war trotzdem ein vergnügtes Kind. Meine Kinder meinen, dass auch ich autoritär war, sie sagen das, um mich zu provozieren. Das Verhältnis zu ihnen ist sehr herzlich, nur die Hierarchie ist irgendwann gekippt. Jetzt gehe ich zu den Kindern und frage, wie das WLAN auf mein Handy kommt. So wie sie einst zu mir kamen, wenn etwas kaputt war, und ich die Puppe für sie geflickt habe.

ZEITmagazin: Sie sagten einmal, dass das Älterwerden wie ein "Snipergefühl" sei.

von Matt: Irgendwo sitzt einer und zielt, und irgendwann passiert es. Ich habe aber keine Grundangst vor dem Tod. Das ist merkwürdig, denn als Kind hat mich die Vorstellung, dass meine Mutter sterben könnte, fürchterlich gequält. An sie war ich hilflos gebunden, sie war für mich die eigentliche Mitte der Familie und der Halt. Zu ihr hatte ich ein viel freieres Verhältnis als zu meinem Vater. Klar, ich musste auch der Mutter gehorchen, aber es war nie ein Problem für mich, sie zu lieben. Doch als sie dann starb und ich sie tot gesehen habe, schien alles so selbstverständlich, es war kein Horror, keine Verzweiflung da.

ZEITmagazin: Haben Sie mit beinahe achtzig das Gefühl, etwas verpasst zu haben?

von Matt: Es wäre mir ein Vergnügen, wenn ich sagen könnte, dass ich die Arktis durchquert habe oder am Nordpol gewesen bin. Aber eigentlich finde ich, dass ich es gar nicht schlecht gemacht habe. Ich hätte gerne länger in Amerika unterrichtet. Aber man muss einen bestimmten Weg gehen. Die Arbeit hat mir gefallen, ich bin gern Professor gewesen. Romantische Fantasien hat jeder, aber ich lebe überhaupt nicht in dem Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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