Harald Martenstein Über Jobperspektiven

Was kann man eigentlich noch ruhigen Gewissens werden, wenn alle Jobs demnächst von Robotern übernommen werden? Unser Kolumnist hat sich das mal genauer angesehen. Von
ZEITmagazin Nr. 47/2016

In der ARD ist wieder mal Themenwoche, zum Thema Zukunft der Arbeit. Ich fahre oft Taxi. Kürzlich saß der Chef eines Taxiunternehmens am Steuer und erzählte, dass er sich eigentlich zur Ruhe setzen wolle. Er habe über die Jahre immer den größten Teil seines Geldes in die Firma gesteckt, die Firma wollte er irgendwann verkaufen, das war sein Plan. Aber die Preise für Taxiunternehmen würden noch schneller sinken als die Aktie der Deutschen Bank. "Wegen des automatisierten Fahrens", sagte er. "Die Scheißroboter kommen. Das wird die Branche auf jeden Fall radikal verändern. In so einer Situation kauft doch keiner für einen Haufen Geld eine Firma." Ich sagte: "Na ja, auf der Bank bringt das Geld ja auch nichts mehr und wird weniger." – "Alles scheiße", sagte der Fahrer. Das Verschwinden der Taxifahrer werde ich auf jeden Fall bedauern.

Harald Martenstein

ist Redakteur des Tagesspiegels.

Jetzt erinnerte ich mich an dieses Gespräch und sah, dass es auf der Homepage der Themenwoche den Futuromat gibt. Der Futuromat sagt dir, ob dein Job von den Robotern bedroht ist. Die Taxifahrer müssen sich angeblich keine Sorgen machen. Beim Punkt "Grad der Automatisierbarkeit" heißt die Diagnose "sehr niedrig". Das kriege ich nicht mit dem zusammen, was ich in letzter Zeit über das fahrerlose Auto gelesen habe. Der Taxifahrer hätte sicher gesagt: "Die betrügen uns sowieso alle." Ich habe ein paar andere Berufe gecheckt. Die Arbeit von Putzkräften ist angeblich zu genau 29 Prozent automatisierbar, das Tun der "Revolverdreher" zu 100 Prozent. Vom Revolverdrehen rät die ARD ab. In der Gastronomie ist der "Zahlkellner" zu 50 Prozent ersetzbar, der "Demi Chef de Rang" nur zu 20 Prozent.

Gespannt war ich auf die Prognose für Redakteure, Autoren und Schriftsteller. Angeblich können Roboter diesen Job nicht machen, aber das stimmt auch nicht. Gib dem Roboter ein Thema, zum Beispiel "Demi Chef de Rang" oder "Craft Beer", befiehl dem Roboter "Gib den Amis und dem Kapitalismus die Schuld", und er schreibt dir in 0,5 Sekunden eine Jakob-Augstein-Kolumne. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Drehbücher der ARD-Fernsehfilme schon jetzt teilweise von Robotern verfasst werden.

Ein anderer Beruf, der verschwindet, heißt Prostituierte. In der Neuen Zürcher Zeitung kommen Futurologen zu Wort, die prophezeien, dass schon etwa ab 2025 so menschenähnliche Sexroboter auf dem Markt sind, dass kaum jemand den Unterschied merkt. Am Anfang sind sie noch teuer, wie die ersten Farbfernseher. Sie können auch reden, zuhören natürlich noch besser. Frauen seien eine mindestens ebenso große Zielgruppe für diese Maschinen wie Männer, weil die Roboter, falls die Kundin dies wünscht, einfühlsamer sein können als echte Männer und nie den Jahrestag vergessen. Über die Sexroboter wird es in den zwanziger Jahren sicher eine Ethik- und Moraldebatte geben, die dann bereits zu großen Teilen von Moralrobotern geführt werden kann.

Der einzige Beruf, der meiner Ansicht nach von den Robotern auf absehbare Zeit nicht bedroht ist, heißt "Berufsverbrecher". Die Industrie wird so etwas nicht herstellen dürfen, auch nicht wollen, denn das Privileg, kriminell werden zu können, wird das Management sich nicht widerstandslos nehmen lassen. Bis die Roboter von selber auf die Idee kommen, sich einen rechtsfreien Raum einzurichten, dauert es noch eine Weile. Ich sehe in der Kriminalität das letzte Refugium des genuin Menschlichen. Meine Berufsempfehlung an alle Jugendlichen, die gern Kontakt mit Menschen haben, lautet deshalb: Jurist.

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