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Vincent Keymer Ein kleiner König

Vincent Keymer ist elf und die größte Hoffnung des deutschen Schachsports. Von
ZEITmagazin Nr. 47/2016

Pferdeantilopen, Muntjaks, Timberwölfe, Kaiserschnurrbarttamarine – der Zoo in Hannover hat Tiere zu bieten, die nicht jedem Besucher gleich etwas sagen. Die Familie Keymer hat die Rosapelikane für sich entdeckt, deren Gefieder so schwach getönt ist wie ein weißes Hemd, das mit einem nicht farbechten roten T-Shirt in der Waschmaschine war.

Um elf am Vormittag ist Fütterung, die Vögel versammeln sich am Zaun, ein Wärter wirft ihnen Fische zu. Die schaulustige Menge bestaunt den Appetit der Tiere, die wuchtigen Kehlsäcke, in die sie ihre Beute gleiten lassen.

Die Keymers gehen ins Gehege, der elfjährige Vincent und die neunjährige Cecilia vorneweg, die Eltern hinterher. Mögen es Tage oder Wochen sein, die zwischen ihren Besuchen bei den Rosapelikanen liegen, immer freuen sie sich auf Henrike. Es ist das Tier im Zoo, das sie am besten kennen, und das eine, das sie wiedererkennt, wenn sie kommen. Henrike watschelt zur Begrüßung auf sie zu. Die Geschwister umarmen sie, streicheln sie.

Auch die Flusspferde haben es der Familie angetan. Vincent mag außerdem Tiger. Wenn er sich ans Schachbrett setzt, um einen Gegner zu vermöbeln, trägt er gern das Shirt mit dem leuchtenden Tiger darauf. Der Tiger faucht. Gleich wird er springen und zubeißen. Niemand kann dann sagen, dass er nicht gewusst habe, was auf ihn zukommt.

Aber das tut inzwischen auch niemand mehr. Die Zeiten, da Vincent arglose Erwachsene im Schach anspringen und umlegen konnte, sind vorbei. Heute ist jeder, der ihm gegenübersitzt, alarmiert und präpariert. "Jeder will um jeden Preis gegen mich gewinnen", sagt er nüchtern, als wir im Zoo-Café eine Limo trinken. Alle bieten alles auf, um nicht gegen ihn zu verlieren. Vielleicht, um später einmal sagen zu können: Ich habe gegen Vincent Keymer remis gespielt. Denn dieser ruhige, unscheinbare Junge ist die größte Hoffnung des deutschen Schachs. Selbst der Weltmeister, Magnus Carlsen, der mit acht zu spielen begann, war mit elf nicht so gut wie er. Das Publikum schwärmt schon von "unserem Magnus", so verständlich wie verpflichtend.

Verständlich, weil Deutschland zu den stärksten Schachnationen der Welt gehört. Es gibt 2.400 Vereine im Land, 90.000 Mitglieder. Es gibt eine Bundesliga, Wettkämpfe auf allen Ebenen, Betriebsmannschaften. Fast jede Tageszeitung hat eine Schachecke, Hunderttausende spielen zu Hause oder draußen im Park. Da geht es um Spaß und Sport, nicht so sehr um Geld. Nur wer Weltmeister wird, dem fließen durch Sponsorenverträge Millionen zu.

Was dem deutschen Schach fehlt, ist ein absoluter Spitzenspieler. Einer wie Timo Boll im Tischtennis. Wie Martin Kaymer im Golf. Oder wie Jan Frodeno in den Ironman-Wettbewerben. Einer, der alle begeistert. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn da einer käme. Unser Magnus.

Norwegen hat sich durch den kometenhaften Aufstieg des Magnus Carlsen in ein Land von Schachverrückten verwandelt. Das Fernsehen überträgt sechsstündige Partien.

Einer von 310 Spielern bei diesem Turnier in Wien ist Vincent. Er wird Dritter. © Jork Weismann

Deutschland hat nicht einen Spieler in den Top 50. Der Deutsche Schachbund, eine Heimstatt der Sandalenträger und Vereinsmeier, engagiert sich mehr in der Breite als für die Spitze. Der Verband beklagt mangelndes Interesse von Sponsoren, tut aber wenig dafür, es zu wecken.

Vincent war fünf, als er eines Morgens um sieben mit einem in irgendeiner Ecke gefundenen Steckschach ans Bett seiner Mutter trat: "Was ist das?" Seine Mutter sagt heute: "Es dauerte zwei, drei Monate, dann spielte er besser als sein Vater."

Die Keymers sind kein Schachmeister-Ehepaar. Sie sind Musiker. Christof Keymer ist klassischer Pianist, Dozent an der Musikhochschule in Hannover. Vincents Mutter, Heike Doedens, ist Cellistin im Philharmonischen Staatsorchester Mainz. Manchmal, sagt sie, stelle sie Vincent vor die Wahl: Babysitter oder mitkommen? Ostermontag saß er in Schwanensee. Den Eltern hätte es gefallen, wenn Vincent ihre Begeisterung für das Musizieren geerbt hätte, wie Cecilia, die Cello spielt. Doch Vincent, der auch Klavierunterricht hat, zieht eine Mattkombination jeder Mollkadenz vor.

Seine Ambition prägt das Leben der Familie inzwischen so sehr, wie es die beruflichen Verpflichtungen der Eltern tun. Der Vater pendelt vom Zuhause im rheinland-pfälzischen Saulheim nach Hannover, die Mutter nach Mainz. Mit Vincent und manchmal mit Cecilia fahren sie an den Wochenenden, in den Ferien oder auch während der Schulzeit zu Schachturnieren im In- und Ausland.

Das berufliche Hin und Her zwischen all den Orten, "das hatten wir uns mal anders vorgestellt", sagt der Vater. "Wir sind es gewohnt, dass jeder Tag, jede Woche anders aussieht", sagt die Mutter. Vincents Schachkarriere passt ganz gut zu diesem Leben. "Das ist jetzt eine relativ betreuungsintensive Zeit, das wird sich ändern", sagt der Vater.

Musiker werden bewundert, wenn sie erfolgreich sind. Bis dahin bekommen sie Bedenken zu hören: Kann man denn davon leben? Diese Frage stellt sich umso mehr für Schachspieler. Die Keymers sind Künstler. Sie wissen, dass man tun muss, was man liebt, dass man gar keine Wahl hat.

Vincent nimmt mit sechs an seinem ersten großen Turnier teil. Es ist die Internationale Meisterschaft der unter Achtjährigen im sächsischen Sebnitz. Er gewinnt alle neun Partien. Drei Jahre später spielt er die Deutsche Meisterschaft der unter Zehnjährigen mit. Er gewinnt alle elf Partien. Zuletzt, 2015, besucht er die Deutsche Meisterschaft der unter Sechzehnjährigen im sauerländischen Willingen. Er wird Zweiter.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich habe das "Sandalenträger und Vereinsmeier" in dem Zusammenhang nicht als Abwertung verstanden.

Mag aber auch eine Kulturfrage sein:
In meinem (wissenschaftlich-technischen) Umfeld z.B. ist "Schlipsträger" ein eher abwertender Begriff, weil fömliche Kleidung eben das Erkennungsmerkmal der nicht "an der Sache" interessierten Vertriebler, Personaler und sonstigen Verwaltungsleute ist.