Vincent Keymer Ein kleiner König

Seine Siege erregen Aufsehen. So wächst die Zahl derer, die seine Nähe suchen. Nach Vincents ersten Trainern gefragt, nennt der Vater eine Menge Namen – alles Großmeister, die ihn voranbringen wollten. Viele von ihnen sind sehr gut und meinen es sehr gut. Klar ist den Helfern natürlich auch, dass Vincents Licht irgendwann auf jene fallen wird, die an seiner Seite sind. Die Eltern vertrauen Vincent mal diesem, mal jenem an, ohne eigentlich zu wissen, was nun richtig ist. Dafür verstehen sie von der Sache zu wenig.

Sie lernen auch die Zwiespältigkeit des Erfolgs kennen. Einerseits Schachreisen nach Tschechien und Montenegro, nach Luxemburg, Frankreich und sogar nach Südafrika. Andererseits diese Leute, die sie überall ansprechen und sich nach "unserem Vincent" erkundigen. Im April hat er in Bad Ragaz in der Schweiz bei einem Turnier mitgespielt und alle Partien verloren: Was denn da los gewesen sei?

Vincent nimmt den Rummel gelassen. Er liebt die Höhenluft im Schach, zugleich ist er ein Kind. Er streichelt Henrike. Er spielt Fußball, Basketball und Tischtennis. Er wirkt weder arrogant noch verstört. Es macht Spaß, mit ihm zu reden, seine Eloquenz ist faszinierend. "Nichtintuitives Training schult die Intuition mehr als intuitives Training", das ist so ein Satz von ihm. Er sagt ihn über seine täglichen Schach-Übungen, die sich auf zwanzig Stunden in der Woche summieren können.

Er weiß auch, was er kann. Zum Beispiel kommt er am Freitag von einem Schachturnier heim, holt die Schularbeiten am Wochenende nach, schreibt am Montag eine Arbeit – und hat dann trotzdem nur Einsen und Zweien.

Man wüsste gern, was sie in der Schule und auf dem Fußballplatz über ihn sagen, aber die Eltern bitten um Abstand. Keine Homestory. Sie bemühen sich um Balance zwischen Kindheit und Öffentlichkeit. In den Zeitungen gibt es kaum Berichte. Auf den Schachseiten im Netz sieht das anders aus, und manch ein Turnier schmückt sich mit ihm.

Vincent ließe sich gut vermarkten, sagt Johann Pöcksteiner, der das Vienna Open organisiert, das zu den größten Schachturnieren Europas zählt. Keymer sei ein Name, der Publikum zieht. Doch der Vater schirmt seinen Sohn ab, so gut es geht.

Für Magnus Carlsen, heute 25, waren Journalisten noch während der Weltmeisterschaft 2013 im indischen Chennai allenfalls als Mitspieler beim täglichen Fußball oder Basketball willkommen; Fragen waren nicht gestattet. Inzwischen hat sich Carlsens Umgang mit den Medien etwas entspannt. In dieser Woche läuft Magnus – Der Mozart des Schachs in den deutschen Kinos an, ein Dokumentarfilm mit Szenen aus seiner Kindheit und Jugend.

Vincent hat seit Juni dieses Jahres einen neuen Trainer, vielleicht den besten, den es in Deutschland gibt. Es ist der in der Nähe von Ulm lebende Russe Artur Jussupow, der einst Weltmeister der unter Zwanzigjährigen war und in den Achtzigern Nummer drei der Welt, hinter Garri Kasparow und Anatoli Karpow.

Jussupow, inzwischen Mitte fünfzig, ist ein reflektierter Mann, der viele Talente hat aufleuchten und verglühen sehen. Er wägt seine Worte über Vincent: "Sein Potenzial ist gut. Er ist sehr schnell, er kann sehr schnell sehen, schnell lernen." Aber Spielverständnis sei eben nur das eine. Es komme auch auf Ausdauer, Charakter, Motivation und Persönlichkeit an. Vincent sei noch sehr jung. "Man kann nicht sofort sagen: Der ist schon Weltmeister."

Jussupow nimmt den Druck heraus. Behutsam und nachhaltig will er die "vielen Lücken" im Können seines Schützlings schließen. Jussupow weiß aus eigener Erfahrung: Es gibt immer jemanden, der noch besser ist als man selber. Man muss hart arbeiten, um an die Spitze zu kommen. Vincent brauche noch Zeit und habe sie auch, findet Jussupow.

Gelegentlich sitzen sie sich gegenüber, öfter reden sie per Skype. Ein Schachbrett ist auf dem Bildschirm eingeblendet. Da gilt es Partien zu analysieren, Schachaufgaben zu lösen, Eröffnungen zu büffeln.

Das langfristig angelegte Training, das von dem Baden-Badener Unternehmer und Schach-Enthusiasten Wolfgang Grenke finanziert wird, trägt erste Früchte. Bei dem Turnier in Wien im August startet Vincent in der A-Gruppe als einer von 310 Spielern. Sie sitzen in langen Reihen im glamourösen Festsaal des Rathauses. Riesige Kronleuchter, vier Meter hohe Türen, edles Parkett – Vincent trägt sein Tiger-T-Shirt und nascht Weintrauben aus der Tupperdose. Seine Schwester Cecilia nimmt am schwächeren C-Turnier teil, zwei Säle weiter. Die Neunjährige hat Schach auch für sich entdeckt. Zur Stärkung hat sie sich einen Stoff-Elefanten und einen Grüffelo auf ihren Tisch gestellt. Die Eltern patrouillieren zwischen den Brettern ihrer Kinder hin und her. Sie schauen aus gebührendem Abstand zu. Wie es um die Sprösslinge steht, erkennen sie an ihrer Körpersprache.

Cecilia spielt sehr physisch, mit jeder Faser. Vincent dagegen verharrt nahezu unbewegt am Brett. Manchmal wischt er sich die Haare aus der Stirn; manchmal setzt er sich zurück und schiebt den Kopf ganz nah ans Brett, um tiefer einzudringen in die Position. Inzwischen reicht seine Konzentration für einen Kampf von fünf Stunden und mehr.

"Am liebsten mach ich die Würgeschlange", sagt er über seine Art zu spielen. Einen kleinen Vorteil herausholen und dann die Schlinge zuziehen, in aller Ruhe – ganz so, wie es Magnus macht.

Aber der Tiger ist auch noch da. Den Münchner Großmeister Gerald Hertneck, 53 Jahre alt, springt er in der letzten Runde an. Hertneck weiß nicht, wie ihm geschieht. "Es ist mir in meiner vierzigjährigen Schachkarriere selten passiert, dass ich dermaßen an die Wand gespielt wurde", schreibt er später in einem Turnierbericht für das Magazin Schach. "Bisher hatte ich es für unmöglich gehalten, dass man in so jungen Jahren so stark spielen kann, aber ich musste mich eines Besseren belehren lassen." Vincent wird Dritter in Wien, sein größter Erfolg bisher.

Vor wenigen Tagen, Ende Oktober, ist er von der Weltmeisterschaft der unter Zwölfjährigen im georgischen Badeort Batumi zurückgekommen. Der Titel war zum Greifen nah. Aber er ließ sich ein paarmal austricksen und wurde unter 137 schließlich Fünfter. Seine Konkurrenten aus den USA, Indien, Kolumbien und Russland wissen ja auch, was ein Tiger und was eine Würgeschlange ist.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich habe das "Sandalenträger und Vereinsmeier" in dem Zusammenhang nicht als Abwertung verstanden.

Mag aber auch eine Kulturfrage sein:
In meinem (wissenschaftlich-technischen) Umfeld z.B. ist "Schlipsträger" ein eher abwertender Begriff, weil fömliche Kleidung eben das Erkennungsmerkmal der nicht "an der Sache" interessierten Vertriebler, Personaler und sonstigen Verwaltungsleute ist.