© Laura Callaghan

Bonnotte-Kartoffel Die schlauesten Bauern haben die teuersten Kartoffeln

ZEITmagazin Nr. 48/2016
Auf einer französischen Atlantikinsel wächst eine Sorte, die sündhaft teuer ist. Angeblich jedenfalls. Was ist das Geheimnis der Bonnotte? Von

Noirmoutier, eine Insel im französischen Atlantik, 50 Kilometer von Nantes entfernt, sieht auf der Landkarte aus wie die Karikatur eines Mannes, im Westen die lange Nase und das lange Kinn, im Osten ein eingedellter Hut. Auf der Insel, so heißt es, wächst die teuerste Kartoffel der Welt, die Bonnotte. Ein einziges Kilo kostet angeblich 500 Euro, so steht es in den Zeitungen, seit 20 Jahren. Auch im deutschen Fernsehen wurde der Preis neulich erst wieder genannt als Beweis dafür, dass die Franzosen nach wie vor die verrücktesten Gourmets der Welt sind. Was macht die Bonnotte so kostbar?

Man gelangt zum Kartoffeläckerchen von Valentin Bodin, wie man im Urlaub zu seinem Ferienhaus kommt: über eine verwirrende Vielzahl schmaler Straßen, um am Ende vor einer Parzelle neben einem Wohnhaus zu stehen.

Es ist neun Uhr morgens an diesem Dienstag im Mai, Erntezeit. Valentin Bodin hat es nicht so mit dem ganz frühen Aufstehen, wie er sagt. Bodin ist 36, er trägt einen Troyer, einen Seemannspulli aus Wolle. Er ist groß und schlank, er könnte Reklame für Jeans machen, so aufrecht schreitet er über seinen Acker, kaum hat er dem Besucher Gummihandschuhe gereicht, damit der bei der Ernte helfen kann. Bodin ist Mitglied der landwirtschaftlichen Kooperative der Insel, einer von 30 Bauern, die die Bonnotte anbauen, jeder nur ein paar Tonnen. Die Kartoffel ist ein Freund der Gourmet-Zeitschriften, oft wird ihr ein kastanienhafter Geschmack attestiert. Das ist von Deutschland aus schwer zu beurteilen, hier gibt es die Bonnotte gewöhnlich nicht im Handel und selbst in Frankreich nur an einigen Tagen im Jahr, Anfang Mai, dann wird ihr auf der Insel auch gleich ein Fest gewidmet. Die Bonnotte ist die Kartoffelkönigin, die Auserwählte unter den vielen Sorten, die hier wachsen, und sie hat die Insel berühmt gemacht.

Die Sorte, die eigentlich aus der Normandie stammt, wurde nur bis in die sechziger Jahre im größeren Stil angebaut. Mit dem Aufkommen der Erntemaschinen geriet sie in Vergessenheit. Die Bonnotte hat eine so empfindliche Haut, sie würde beschädigt, wenn man sie nicht mit der Hand auflesen würde. Erst 1996 entstand die Idee, die alte Sorte wieder anzubauen. Als der erste Jahrgang geerntet war, ließ die Kooperative die Kartoffel in Paris im Auktionshaus Drouot versteigern, das sonst eher mit Kunst handelt. Für einen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln bot jemand unglaubliche 15.000 Franc, umgerechnet ungefähr 450 Euro fürs Kilo. Et voilà, die teuerste Kartoffel der Welt war geboren. Teure Kartoffeln klingt wie ein Widerspruch in sich, und das sichert ihr eine hohe Medienpräsenz. Die Bonnotte verkaufte sich seither blendend in den Supermärkten. Wenn auch nie wieder zu diesem einmalig ungünstigen Preis.

Valentin Bodin hat mit seinem Traktor, einem Renault Baujahr 1987, und mit kleinem Pflug die Pflanzen aus der Erde gelöst. Nun liegen sie verstreut auf dem Feld. Gedüngt wird die Bonnotte mit Algen aus dem nahen Meer, die salzige Brise schlägt sich sicher irgendwie im Geschmack nieder. Gepflanzt wird sie in kontrolliert kleinen Parzellen, so wie die Trauben für den Champagner auch nicht überall wachsen dürfen.

Sechs Erntehelfer hat Bodin heute gerufen, gearbeitet wird paarweise, man sitzt sich gegenüber in den Ackerfurchen und rafft, so schnell es geht, die Kartoffel aus dem Erdhügelchen zusammen, vor dem man gemeinsam sitzt. Möglichst ohne dabei auch nur eine Kartoffel, und sei sie noch so klein, zu übersehen. Geschieht es dennoch, springt Bodin herbei und findet sie.

Kniend und raffend erzählt er: Vater und Mutter Bodin waren schon "in den Kartoffeln". Er ist das zweitjüngste von sieben Kindern und will als einziges Kind Inselbauer werden wie der Vater. Er hängt an Noirmoutier und an der Tradition. "Die Kartoffel hilft der Insel, damit sie so bleiben kann, wie sie ist." Er meint wohl, dass ohne die Kartoffeln noch mehr Ferienhäuser dastünden als ohnehin schon. Er bedauert sehr, dass seine Töchter auf dem Festland zur Welt kommen mussten, nur weil es auf der Insel keine Geburtsklinik gibt.

Mit dem Vater zu arbeiten erweist sich als schwierig, Valentin streitet sich mit ihm. Als er 22 ist, gründet er seinen eigenen Betrieb. Der Vater sieht keinen Grund, ihm viel Land zu vererben. Nach und nach kauft der Sohn Boden hinzu, macht Schulden, heute hat er zwölf Hektar. Nur auf einem kleinen Teil davon wächst die Bonnotte, auf dem Rest gedeihen andere, nicht so berühmte Kartoffeln.

"Das hier", ruft er plötzlich und hält eine Kartoffel hoch, als habe er tatsächlich einen kleinen Schatz gefunden, "das hier ist eine Bonnotte, wie sie sein soll. Sie hat die Form eines Bergpfirsichs, ein wenig platt gedrückt. Sehen Sie?" Er betrachtet sein Schönheitsideal noch eine Weile, bevor er die Kartoffel in die Plastikkiste wirft.

Bodin ruft zur Frühstückspause, es ist kurz vor elf. Es gibt Tee, Kaffee, Croissants und Pains au Chocolat und zum Baguette Hasen-Paté vom Metzger. Bodin hat vor der Arbeit eingekauft. Wer möchte, kann auch Wein oder Bier haben. Bodin sagt, er könne sich nicht beklagen. "Es läuft." Das kennt man von französischen Bauern so nicht, die ja dem Klischee nach genauso oft Straßen blockieren mit ihren Traktoren, wie sie auf dem Feld arbeiten.

Eine Urlaubswoche pro Jahr und keine Existenzsorgen, das ist der Luxus, den ihm die Luxuskartoffel bietet. Was ihn aber doch ein wenig sorgt: diese Bio-Sache. Er behandelt seine Bonnotte jedes Jahr mit einem Gift gegen Pilze. Ein Bauer, der zig Hektar Kartoffeln anbaut, sagt er, kann es leichter verkraften, wenn ein paar Kartoffeln von dem Pilz Mildiou befallen werden und eingehen. Aber wenn es sein Äckerchen träfe, wäre gleich die ganze Ernte dahin. "Wenn man krank ist, muss man zum Arzt und kriegt Medizin. So sehe ich das auch mit meinen patates." Seine Kartoffeln erschienen ihm wie kleine Patienten, um die er sich kümmern muss. Die hässlichen unter den Kartoffeln übrigens, die noch ein paar grüne Stellen haben und die niemand kaufen will, sortiert er aus, in einen Extrakorb. Das sind seine Kartoffeln für zu Hause. Er schneidet die grünen Stellen ab, dann schmecken sie super.

Ob er daran denkt, dass er gerade die teuerste Kartoffel der Welt erntet? "Ach, ist sie das?", sagt Bodin und grinst. "Ich meine, das war damals schon ein sehr geschickter Trick mit der Versteigerung. Wie viel wurde noch mal bezahlt für einen Fünf-Kilo-Sack? 15.000 Franc? Jeder auf der Insel weiß doch, dass der Käufer jemand von hier war. Ich weiß sogar, wer es war." Bieter dürfen auf Versteigerungen, auch auf denen für Kartoffeln, anonym bleiben, und ein schlauer Bauer muss seine Vermutung, es sei ein Immobilienhändler gewesen, nicht mit einem Namen belegen. Und außerdem wurden die Kartoffeln damals für einen wohltätigen Zweck versteigert, was ihren hohen Preis erst recht erklärt.

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