© Laura Callaghan

Landwirtschaft Der Kartoffelheld

ZEITmagazin Nr. 48/2016
Mein Onkel Sepp war ein einfacher Bauer. In Zeiten von Landlust und regionalem Essen ist er plötzlich der Star der Familie. Von

Ein weiß getünchtes Haus mit Fensterläden. Drei alte Traktoren. Vier Schweine, 25 Hühner, ein Stall, eine Scheune und ein paar sandige Kartoffeläcker: Das ist der Bauernhof meines Onkels Sepp. Diesen Flecken Erde hat er, zusammen mit Lydia, seiner Frau, 50 Jahre lang bewirtschaftet, sie haben Kühe, Schweine und Hühner gehalten, Rüben, Klee, Hafer, Weizen und Mais angepflanzt. Vor allem aber haben sie Kartoffeln geerntet, Berge von Kartoffeln, die schließlich in Kartoffelfabriken landeten, wo Kartoffelflocken aus ihnen gemacht wurden. Den Rest hat Lydia, meine Tante, zu Bergen von Pellkartoffeln, Bratkartoffeln und Kartoffelsalat verarbeitet.

Als Kind habe ich diesen Ort geliebt, my own private Bullerbü in den Herbstferien. Und trotzdem war mir schon damals klar, dass das Leben auf dem Bauernhof hart war. Onkel Sepp fuhr nie in Urlaub, er arbeitete von früh bis spät, morgens im Stall, tagsüber im Sägewerk, abends auf den Feldern. Von den Holzschutzmitteln im Sägewerk bekam er Kopfweh, er wurde Eisenschneider, dann Bauarbeiter, nebenher verkaufte er Versicherungen. Was er verdiente, investierte er in Landmaschinen. Während Sepps Schwestern Häuser bauten, Tennisclubs beitraten, ihre Kinder in den Musikunterricht schickten, floss Sepps und Lydias ganze Kraft in den Hof mit seinen acht Hektar Land, der außer ihnen noch die Eltern ernähren musste und bald vier Kinder. In den siebziger Jahren klebte in Sepps Wohnzimmer eine Fototapete. Sie zeigte einen Herbstwald. Es sah aus, als könne er mit einem Schritt den Hof einfach hinter sich lassen und in eine andere Welt spazieren.

Wieso Sepp das durchgehalten hat?

Vermutlich weil es keine Alternative gab, hat er, wie er sagt, "nichts lernen dürfen", lernen und dürfen, zwei Wörter, die er oft zusammen gebraucht. Außerdem bewirtschaftete er bereits in achter Generation diesen Hof, der um 1730 von einem Mann gekauft worden war, der den gleichen Namen trug wie er: Josef Hacker. Der achte Hackerbauer in Folge, das ist keine Position, die man leichtfertig aufgibt.

Und so hat er weitergemacht und konnte erleben, wie etwas Unerwartetes passierte: Seit ein paar Jahren treibt die Landlust Sepps Kinder, Enkel, Geschwister, Nichten und Neffen zurück auf den Hof. In einer Zeit, in der die urbane Mittelschicht sich plötzlich obsessiv für die Herkunft ihres Essens interessiert, sind Onkel Sepp und Tante Lydia wieder gefragte Leute. Und am Auf und Ab ihres Leben lässt sich viel über die Landwirtschaft in Deutschland erzählen – unter besonderer Berücksichtigung der Kartoffel.

Besuch auf dem Hof, nördlich von München. Es ist Herbst, Erntezeit. Ich sitze mit Sepp, 73, und Lydia, 70, in dem alten Heuschuppen vor einem – klar – riesigen Berg Kartoffeln. Die Sonne sticht wie Laserstrahlen durch die Wurmlöcher in der Tür. Zum ersten Mal in meinem Leben frage ich meinen Onkel, wie er selbst auf sein Leben zurückblickt.

Sepp beginnt mit zwei Zahlen, ich übersetze aus dem Bayerischen: "1959, als ich 16 war, kostete ein Doppelzentner Frühkartoffeln elf Mark, während ein Maurer 2,50 Mark in der Stunde verdiente. Da hast du mit einem Sack Kartoffeln vier Stunden Maurer bezahlt. Heute brauchst du acht Säcke Kartoffeln für eine einzige Meisterstunde Maurer." Die Kaufkraft seines wichtigsten Produkts hat sich also auf ein Zweiunddreißigstel reduziert. Diese abschüssige Gerade war seine Berufslaufbahn.

Sepp war nicht der erste Hackerbauer, der dem Landleben gerne entflohen wäre. Lorenz, Sepps Großvater, von dem ein Bild in der Stube hängt, war Bürgermeister, ein Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, vermutet Sepp. Johann, Sepps Vater, mein Großvater, wollte nach München, aber dann musste er mit 16 den Hof übernehmen. Auch Sepp ist nicht gerade der geborene Bauer: Er schreibt Gedichte und ist zu sensibel, um einem Huhn den Hals abzuhacken. Dennoch entschieden seine Eltern, dass ihr einziger Sohn Bauer werden sollte. Ende der fünfziger Jahre war das, auf dem Hof waren fette Jahre angebrochen: Um die Bevölkerung satt zu kriegen, bezahlte Nachkriegsdeutschland den Bauern Preise weit über Marktwert. 1960 wurde auf dem Hof der letzte Zugochse abgeschafft und durch einen Traktor ersetzt. Auf den größeren Nachbarhöfen wurde bereits mit Spritzmitteln gearbeitet. Die Produktivität der Äcker stieg, auch auf dem Hackerhof wurde bald ein Drittel mehr erwirtschaftet.

Und doch, erzählt Onkel Sepp, warf die Landwirtschaft im Lauf der sechziger Jahre immer weniger ab: Die Deutschen aßen weniger Kartoffeln, gleichzeitig wurden aus den anderen Ländern der neu gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft jetzt landwirtschaftliche Produkte importiert. Die Preise für Kartoffeln und Getreide fielen, nur noch größere Betriebe konnten kostendeckend produzieren. Anfang der siebziger Jahre, als Sepp heiratete, war klar, dass der Hof keine Familie mehr ernähren konnte. Im Dorf, erzählt Sepp, machte das Wort "Strukturwandel" die Runde. Gleichzeitig stiegen in den Fabriken die Löhne. Und so wurde Sepp, wie viele bayerische Bauern in jener Zeit, Nebenerwerbslandwirt. Mondscheinbauer, wie er sich selbst nennt.

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