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Adolf Sauerland "Ich wollte so eine Veranstaltung nie"

Der Oberbürgermeister solle seine Schuld eingestehen, forderten viele nach dem Loveparade- Unglück in Duisburg. Heute verkauft Adolf Sauerland Urlaubsfahrten in einem Reisebüro. Von
ZEITmagazin Nr. 49/2016

Wenn Adolf Sauerland in sein Stammlokal geht, setzt er sich am liebsten in das Fass. Das Fass ist mannshoch, liegt auf der Seite, zwei Bänke und ein Holztisch stehen darin, in einer Fensterattrappe klebt ein Alpenpanorama. Der ehemalige Oberbürgermeister von Duisburg fühlt sich wohl in dem Fass. "Man ist für sich, obwohl man mitten im Lokal ist", sagt er und lehnt sich zurück. "In diesem Laden war ich immer gern gesehen, egal was mir nachgesagt wurde", fügt er hinzu.

Hier, im Walsumer Brauhaus im Norden Duisburgs, feierte Sauerland kürzlich seinen Sechzigsten, sein Sohn den Führerschein. Die Party 2004, als der CDU-Mann Sauerland die Wahl zum Oberbürgermeister in der SPD-Stadt gewann, ist legendär. Doch es gab auch den 12. Februar 2012 im Walsumer Brauhaus. Da haben Adolf Sauerland und seine Anhänger in diesen Räumen erfahren, dass die Bürger ihn abgewählt haben, weil er für das Loveparade-Unglück in ihrer Stadt, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen und über 500 verletzt wurden, keine Verantwortung übernehmen wollte.

Seit seiner Abwahl hat Sauerland keine Interviews mehr gegeben. Mittlerweile deutet sich an, eine juristische Aufarbeitung, einen Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe wird es wohl nicht geben. Im Frühjahr 2016 hat das Landgericht Duisburg ein Verfahren abgelehnt. Das Gutachten eines von der Staatsanwaltschaft bestellten Sachverständigen habe nicht ausreichend beweisen können, dass bei der Planung und Vorbereitung der Veranstaltung Fehler passiert seien. Es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht bei den zehn Angeklagten, von denen sechs aus der Duisburger Stadtverwaltung stammten, vier vom Veranstalter Lopavent.

Anwälte der Opferfamilien sprechen von der Katastrophe nach der Katastrophe, für die Betroffenen bedeutet es noch mehr Schmerz. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein. Das Ergebnis steht noch aus, aber die Befürchtung wächst: Die juristisch Verantwortlichen werden nie benannt werden. Zur Rechenschaft gezogen wurde damit in Duisburg im Grunde nur einer – Adolf Sauerland. Darüber möchte er jetzt sprechen. Er will erzählen, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen ist. Und er möchte von etwas berichten, was ihn schon seit Langem quält.

Schnell bestellt Adolf Sauerland noch eine Sinalco-Mix, dann geht er ins Hinterzimmer des Brauhauses. Die Wände sind holzverkleidet, die dünnen Gardinen zugezogen, Bierdeckel liegen auf massiven Tischen bereit, hier tagen Karnevalsvereine und Parteirunden. In diesem Raum hat er 2012 erfahren, dass die Duisburger ihn abgewählt haben. Als Sauerland auf den entscheidenden Anruf wartet, ist er aufgeregt, fast überdreht. Schon damals begleitet ihn das ZEITmagazin. "Ist spannender als die Kommunalwahl!", ruft er einem ankommenden Unterstützer noch fröhlich zu. 15 Minuten später ist alles vorbei.

Damals ist der Raum voll: Familie, Freunde, Parteimitglieder. Heute ist er leer und Adolf Sauerland ganz ruhig. "Ich weiß noch, wie das Handy ging, und dann war klar, dass die Stimmen gegen mich ausreichten. Gab Schöneres", sagt Sauerland und macht eine Pause. "Alle, die hier waren, wussten ja, dass mir dieser Job mal unglaublich Spaß gemacht hat. Die wussten, wie schwer mir das in dem Moment fiel."

Der Fall von Adolf Sauerland beginnt im Juli 2010 bei einer Pressekonferenz im Duisburger Rathaussaal, am Tag nach dem Loveparade-Unglück. Alle warten auf eine Reaktion von ihm, aber auch von Veranstalter Rainer Schaller, dem Polizeipräsidenten und dem Ordnungsdezernenten der Stadt. Zu viert sitzen sie blass und starr auf dem Podium, während sich unten im Saal die Journalisten ins Wort fallen: 21 Tote! Wie konnte diese Katastrophe geschehen? Unweigerlich kommt die Frage, ob Adolf Sauerland sich persönlich verantwortlich sehe für die Planung. "Persönlich? Nein", antwortet Sauerland. Mehr sagt er nicht. Er findet keine Worte, guckt ins Leere, während Rainer Schaller sein Mitgefühl ausdrückt, Aufklärung zusagt.

Als Adolf Sauerland am Nachmittag versucht, Blumen an der Unglücksstelle niederzulegen, ist es zu spät; er wird ausgebuht und ausgepfiffen. Demonstranten sammeln sich vor dem Rathaus, brüllen "Sauerland raus!". An einem Holzgalgen baumelt ein Foto mit seinem Gesicht. Schnell heißt es: Er sei es gewesen, der die Loveparade unbedingt in Duisburg haben wollte. Es habe womöglich bei der Genehmigung durch seine Stadtverwaltung Fehler gegeben. Die Duisburger sind wütend auf ihn. Zur offiziellen Trauerfeier geht er nicht mehr hin. Die Landesregierung schlägt vor, für ihn den ersten Kontakt zu den Angehörigen der Opfer zu übernehmen. Sauerland nimmt das Angebot an. Es wirkt, als stehe er neben sich. Ein Oberbürgermeister, der nicht für seine Bürger da ist: Ist er zu geschockt oder schlicht überfordert? Ist das Unglück zu groß für Adolf Sauerland? Sieht er nicht, wie seine Bürger nur darauf warten, dass er der Trauer, der Wut und dem Wunsch nach Aufklärung etwas entgegnet, und zwar schnell?

Er habe in dieser ersten Situation, auf dem Podium der Pressekonferenz, erklärt Adolf Sauerland schon damals, vor allem keine juristischen Fehler machen wollen, deshalb geschwiegen – und dabei etwas vergessen: "Das Mitgefühl für die Angehörigen." Aber er sei nicht Herr seiner Gedanken, sondern selbst übermannt gewesen von dieser Nacht. Und dann sei auf einmal alles rasend schnell gegangen.

Schon am Wochenende nach der Loveparade verlassen Adolf Sauerland und seine Familie die Stadt. Mehrmals flüchten sie in ihr Ferienhaus – ins Sauerland. Sie harren dort aus. Seine Frau, seine vier Kinder, damals 10, 13, 15 und 16 Jahre alt, stehen unter Polizeischutz. Er darf das Haus nicht mehr ohne Meldung verlassen, es gibt Morddrohungen. Nur wenige Meter von der Unglücksstelle entfernt hat es jemand unübersehbar an die Tunnelmauer geschrieben: "Sauerland, du bist ein Mörder!"

Der ehemalige Oberbürgermeister holt tief Luft: "Ich war auf einmal derjenige, der, in Anführungszeichen, 21 Menschen auf dem Gewissen hatte! Ich war für alle der, der die Loveparade ›unbedingt wollte‹." So habe es damals in der Presse gestanden. Das dächten viele bis heute. Bereits nach wenigen Stunden sei ein Bild von ihm zementiert gewesen: "Da war ein Oberbürgermeister, der war ganz geil darauf, dass er eine Loveparade macht. Die hat er übrigens auch selbst eingefädelt!" Sauerland reißt die Augen auf. "Man suchte jemanden, den man zur Verantwortung ziehen konnte, dem man die Schuld zuweisen konnte, hinter dem man sich verstecken konnte, und das war ich. Dann gibt es Leute, die sagen: Du hättest so reagieren müssen wie immer. Ja, das ging nicht! Irgendwann können Sie nicht mehr so – wie immer!" Und dann sagt Adolf Sauerland das, was ihn seit Jahren umtreibt: "Ich selbst wollte so eine Veranstaltung nie in Duisburg haben! Und das wussten alle, der ganze Rat. Aber das hat dann niemand mehr laut gesagt."

Diejenigen, die damals in den Fraktionen dabei waren und die auf seiner Seite sind, wie etwa seine ehemalige Stellvertreterin, die Grünen-Politikerin Doris Janicki, sagen heute, das stimme. Sauerland habe sich gegen die Loveparade in Duisburg gewehrt. Es sei in ihren Augen nicht fair, dass es ihn getroffen habe, wo doch der ganze Rat dafürgestimmt habe.

Die Gegenseite argumentiert, so sei das in der Politik, am Ende der Kette stehe der Oberbürgermeister, und der habe dann auch die Verantwortung zu tragen, egal was er vorher wollte oder nicht. Es gebe auch eine Verantwortung qua Amt.

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