Bruce Springsteen "Ob ich Golf spiele? Gott bewahre, nein"

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Bruce Springsteen findet das Jammern alter Männer unerträglich. Ein Blick auf seine Gitarrensammlung reicht ihm, und er weiß, dass er noch immer seinen Teenagertraum lebt. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 49/2016

ZEITmagazin: Mister Springsteen, Ihr Image ist so bodenständig, dass viele Ihrer Fans in Ihnen einen guten Kumpel sehen. Wie viel davon ist Inszenierung? Gibt es einen öffentlichen und einen privaten Bruce Springsteen?

Bruce Springsteen: Ja, und natürlich sind die beiden Springsteens nicht deckungsgleich. Mal sind wir uns ähnlich, aber manchmal haben wir nicht viel gemeinsam.

ZEITmagazin: Wie unterscheiden sich die beiden?

Springsteen: Der öffentliche Bruce Springsteen ist ein Schutz, den ich nutze, um in Ruhe gelassen zu werden. Dieser Bruce Springsteen ist immer bestens drauf und macht in allen Situationen eine gute Figur. Das ist eine Rolle, eine Art Theater, das ich spiele. Manchmal wäre ich gerne wie Bruce Springsteen! Ich habe an meiner öffentlichen Selbstdarstellung gearbeitet, sodass sie zu mir passt. Sie muss ja so überzeugend und umfassend wie möglich sein.

ZEITmagazin: Und was ist mit dem privaten Bruce Springsteen?

Springsteen: Wer eine Ahnung von meinem Privatleben haben möchte, kann die bekommen, indem er bei meiner Musik genau hinhört.

ZEITmagazin: Der öffentliche Bruce Springsteen vermittelt die Illusion, dass man Sie jederzeit daheim in New Jersey besuchen könne, um mit Ihnen im Pub nebenan ein Bier zu trinken.

Springsteen: Und genau das ist Unsinn. Diesen Springsteen gibt es nicht! Gut, wenn man mich tatsächlich mal an einem Tresen treffen sollte, dann könnten wir, wenn die Umstände passen, auch mal ein Bier zusammen trinken. Aber garantiert nicht bei mir zu Hause!

ZEITmagazin: Stehen denn nie Fans vor Ihrer Tür, die Ihnen ihr Herz ausschütten wollen?

Springsteen: Doch, doch. Vor allem als ich in meinen Dreißigern war und ein deutlich jüngeres Publikum hatte, passierte das noch häufiger. Aber ein großer Teil meines Publikums ist mit mir in die Jahre gekommen und akzeptiert inzwischen, dass ich meine Privatsphäre brauche.

ZEITmagazin: Wie verläuft ein Bruce-Springsteen-Tag, wenn Sie mal zu Hause sind?

Springsteen: Früh aufstehen, ins Fitnessstudio gehen, danach noch mal kurz hinlegen, dann Zeitung lesen, Nachrichten im Fernsehen schauen, am Nachmittag vielleicht einen kurzen Drink an der Bar nehmen, einen Film schauen, reiten gehen oder mit meinem Motorrad rausfahren, an den Strand gehen, im Meer schwimmen – was ich übrigens bis Ende November mache. Vor allem: Zeit mit meiner Frau Patti verbringen. So ungefähr sehen meine Tage aus, wenn ich nicht mit Musik beschäftigt bin.

ZEITmagazin: Werden Sie immer erkannt, wenn Sie den Schutz der eigenen vier Wände verlassen?

Springsteen: Ich werde erstaunlich oft in Ruhe gelassen. Klar werde ich erkannt, aber oft eben auch nicht. Wenn man sich die Baseballkappe nur tief genug ins Gesicht zieht, wird man unsichtbar. Die meisten Menschen sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie kaum noch ihre Umwelt wahrnehmen. Es lauert ja auch niemand darauf, mich zu sehen. Wenn ich dann mal in meiner Nachbarschaft in New Jersey entdeckt werde, wird darum kein großes Aufhebens gemacht. Eher so: "Hey, wie geht’s?" New Jersey ist ein sehr entspannter Ort zum Leben.

ZEITmagazin: Wie lange halten Sie es dort aus, bevor Sie nervös werden und wieder raus in die Welt wollen?

Springsteen: (lacht laut) Willie Nelson hat mal zu mir gesagt, er halte es maximal drei Wochen bei seiner Familie aus, dann müsse er sich aus dem Staub machen, denn wenn man vier Wochen zu Hause bleibe, komme man nie wieder weg. Zigeunerblut gehört zur DNA der meisten Musiker, wir müssen immer in Bewegung sein. Was allerdings nicht bedeutet, dass wir das Sesshafte nicht auch ab und zu brauchten.

ZEITmagazin: Und wie lange hält es Sie nun in den eigenen vier Wänden?

Springsteen: Ich schlage mich ganz gut. Ich war mal zwei Jahre am Stück zu Hause, als meine Kinder noch kleiner waren. Ich behaupte mal, dass meine Kinder mich nicht als einen "abwesenden Vater" bezeichnen würden, denn ich habe immer darauf geachtet, dass ich bei wichtigen Anlässen präsent war. Ich habe ganze Tourneen um die Ferien der Kinder herum organisiert. Das ist jetzt allerdings anders, da sie inzwischen alle in ihren Zwanzigern und ausgeflogen sind. Sie brauchen unsere Fürsorge nicht mehr. Aber ich glaube, dass ich mir in diesem Punkt nichts vorzuwerfen habe.

Bruce Springsteen, 67, sitzt auf einem schwarzen Kunstledersofa im dürftig beleuchteten Konferenzraum eines Hotels in Frankfurt. Es ist ein grauer Oktobernachmittag. Der Musiker, den seine Fans "The Boss" nennen, sieht aus, wie man es von ihm erwartet: ein durchtrainierter, mittelgroßer Mann in Hemd, Jeans und Cowboystiefeln. Nach Frankfurt ist er gereist, um am Rande der Buchmesse über seine Autobiografie Born to Run zu sprechen, die inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist (Born to Run: Die Autobiografie. 672 S., Heyne Verlag). Es ist ein Wälzer, der sich nicht nur fabelhaft verkauft, sondern auch sehr gute Kritiken bekommen hat – was deshalb bemerkenswert ist, weil Springsteen das Buch ohne die branchenübliche Hilfe eines Ghostwriters geschrieben hat. Die größte Neuigkeit, die in dem Buch verkündet wird: Der auf Bühnen in aller Welt vor Euphorie strotzende Bruce Springsteen leidet seit Jahren immer wieder unter schweren Depressionen. Und nun sitzt er also hier in Frankfurt, vor ihm ein stilles Mineralwasser und ein Kräutertee.

ZEITmagazin: Die Familie Ihrer Mutter stammt aus Italien. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie sich ziemlich italienisch fühlen. Was bedeutet das für Sie?

Springsteen: Stimmt, ich bin auch Italiener. Die ganze E Street Band ist irgendwie italienisch. Was Italiener können und was auch unsere Band auf einmalige Weise beherrscht, ist: ungebändigte Lebensfreude und Euphorie ausdrücken. Mit jedem Konzert feiern wir das Fest des Lebens. Schauen Sie sich mal an, was andere Bands rüberbringen wollen: Coolness, Entrücktheit, Wut, Hass, Undurchsichtigkeit, Mystizismus, Frust, Trauer. Aber Freude? Euphorie? Sie werden nicht viele Bands entdecken, die so viel fröhlichen Lärm produzieren wie die E Street Band. Das hat mich immer ein wenig stolz gemacht. Und ich glaube, dass ich das meinen italienischen Wurzeln zu verdanken habe. Der italienische Teil meiner Verwandtschaft hat sich auch in finstersten Zeiten nie die Freude am Leben nehmen lassen.

ZEITmagazin: Die Familie Ihres Vaters ist aus Irland in die USA eingewandert. Also: Was ist das Irische an Ihnen?

Springsteen: Vermutlich das Düstere und Fatalistische meines Charakters. Wenn Sie der irische Teil meines Seelenlebens interessiert, brauchen Sie nur meine Platten Nebraska und The Ghost of Tom Joad aufzulegen. Die Texte da sprechen Bände über meine finsteren Stimmungen. Das kommt alles von meinem Vater, den dunkle Stimmungen so regelmäßig und gnadenlos überfielen wie heute mich. Von ihm habe ich eine Überdosis Melancholie mitbekommen. Aber "das Irische" darauf zu reduzieren ist natürlich falsch, das ist schon komplexer. Ich habe auch immer diese innige irische Wärme gespürt. Die schlägt mir bei jedem Konzert auf irischem Boden entgegen, das Publikum dort ist außergewöhnlich. Ich fühle jedenfalls so viel Irland wie Italien in mir.

ZEITmagazin: Und was ist dann das Amerikanische an Ihnen?

Springsteen: Dieser Ethno-Mix, der mich ausmacht, der muss dann wohl amerikanisch sein, oder? Vor allem hat mich der sogenannte Amerikanische Traum von klein auf beflügelt. Der ist tief in mir verankert. Dieses Grundvertrauen, es mit der ganzen Welt aufnehmen zu können, wenn es sein muss, obwohl niemand dir etwas zutraut. In Amerika konnte ich mich aus dem Nichts erfinden, mir einen scheinbar starken, explosiven Charakter zulegen, verbunden mit der Zuversicht, anderen Menschen etwas bieten zu können, das sie euphorisiert – all das sind durch und durch amerikanische Eigenschaften.

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