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Das war meine Rettung "In diesem genussversessenen Land habe ich genießen gelernt"

In Paris lernte die Autorin Gila Lustiger, die Vergangenheit ihrer Familie ruhen zu lassen. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 49/2016

ZEITmagazin: Wir treffen uns heute hier in Paris. Was bedeutet diese Stadt für Sie?

Gila Lustiger: Derzeit sehe ich vor allen Dingen, was hier nicht funktioniert: die Zelte unter den Hochbahnstationen, in denen Flüchtlinge unter freiem Himmel leben. Das Militär, das in der Metro, auf Bahnhöfen und vor jüdischen Institutionen patrouilliert. Gestern las ich in Le Monde, dass die Jugendarbeitslosigkeit wieder einmal die Zwanzig-Prozent-Marke überstiegen hat. Ich kenne das neue Prekariat. Das ist die Generation meiner Kinder. Selbst die, die alles richtig gemacht haben: Schulaustauschprogramme, Sprachreisen, Berufspraktika – selbst die schlittern heute mit ihren Hochschulabschlüssen von Job zu Job. Sie sehen, ich bin derzeit ziemlich wütend. Sehr wahrscheinlich ist das ein Zeichen dafür, dass ich mich hier mittlerweile tatsächlich zugehörig fühle.

ZEITmagazin: Was besänftigt Sie?

Lustiger: Während ich in den frühen Morgenstunden jogge, sehe ich, wie die Gärtner die Blumenbeete im Jardin du Luxembourg neu gestalten und den ganzen Park farblich aufeinander abstimmen. Der Luxus, diese verschwenderische Liebe zum Detail – und schon bin ich wieder versöhnt. Das war nicht immer so, ich musste das lernen. Ich glaube, ich habe ein Jahrzehnt gebraucht, um zu verstehen, welche Bedeutung diese Bedeutungslosigkeiten haben. Als ich mich hier niederließ, sagte ich: Welch verrückter Überfluss. Heute sage ich: Zum Glück gibt es noch das Überflüssige.

ZEITmagazin: Wie hat sich für Sie als Deutsche, die in Frankreich lebt, Ihr "Deutschsein" im Laufe der Zeit verändert?

Lustiger: Nach fast 30 Jahren wird mir von meinen französischen Freunden immer noch vorgeworfen, was sie meine gnadenlose deutsche Effizienz nennen, dass ich in ihren Augen süchtig bin nach Effektivität, im Alltag und auch im Gespräch. Der französische "Esprit" langweilt mich. Ich kann nicht einen ganzen Abend damit verbringen, stilvoll Konversation zu betreiben. Ein Gespräch um des Gesprächs willen, das schaffe ich nicht. Roland Barthes definiert das sehr genau: "Leute von Welt machen sich vor allem Gedanken um die Geselligkeit", schreibt er. Er meint damit, dass Leute mit Savoir-vivre immer versuchen werden, an der Begegnung Vergnügen zu finden, und alles auf das Vergnügen hin ausrichten. Sie können sicher sein, dass ich während eines Abendessens etwas sagen oder fragen werde, was nicht dem Vergnügen dient.

ZEITmagazin: Welche Fragen stellen Sie?

Lustiger: Man redet hier nicht über Ängste, Gefühle und Verlust. Man wahrt Contenance. Sie könnten jetzt natürlich daraus schließen: Sie ist tiefsinnig, und die anderen sind seicht. Aber im Prinzip geht es um die angemessene Distanz zueinander. Was als zu nah empfunden wird oder eben als zu fern. Mir hat einmal ein Freund gesagt: Du bist wie das Stachelschwein von Schopenhauer. Ich habe natürlich sofort nachgelesen. In der Parabel über das Zusammenleben und den richtigen Abstand zueinander rücken Stachelschweine im Winter zusammen, weil ihnen kalt ist, und scheuchen gestochen wieder auseinander, um sogleich wieder aufeinander zuzurücken. Der Freund hatte natürlich recht: Ich suche Nähe. Vielleicht ist das meiner Biografie geschuldet. Ich friere leichter.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich fremd in Frankreich?

Lustiger: Ich lebe nicht in Frankreich, sondern in Paris, in einer Großstadt. Hier bin ich eine unter vielen. Die Pariser gehen souverän mit Unterschieden um, wie in allen Großstädten, in denen man gezwungen ist, auf engem Raum miteinander auszukommen. Ich habe hier begriffen, dass ich selber entscheiden kann, was mich ausmacht. Und dass das auch wechseln kann und darf. Aber die entscheidende Erfahrung für mich war der Genuss. In diesem genussversessenen Land habe ich genießen gelernt.

ZEITmagazin: Wieso konnten Sie nicht genießen?

Lustiger: Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der fast alle Überlebende waren.

ZEITmagazin: Dann war Genuss für Sie eine Befreiung von der Schwere der Vergangenheit?

Lustiger: Genuss ist ja nichts anderes, als einen Augenblick in der Gegenwart zu verweilen. Und das war für mich nicht selbstverständlich. Dafür musste ich die Vergangenheit meiner Familienmitglieder ruhen lassen. Begreifen, dass ihr Leid nicht mein Leid ist. Durch den Vater meiner Kinder habe ich etwas entdeckt, was es in meiner Welt nicht gab: Leichtigkeit. Er hat mir beigebracht, den kleinen Nebensächlichkeiten Aufmerksamkeit zu schenken, einfach nur, weil sie zum guten Leben dazugehören.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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