Gesellschaftskritik Über Thomas Müller

© Guido Kirchner/dpa
ZEITmagazin Nr. 49/2016

Zuletzt hatte es häufiger geheißen, wir, die elitären Lifestyle-Häschen, sorgten uns nur um unsere eigenen Allüren wie um ein Grundrecht auf Marzipan und die beste Tageszeit zum Genuss von fein französelndem Champagner. Wir haben uns deshalb entschlossen, uns ab sofort zu kümmern, nicht bloß um die kleinen Leute, sondern auch, und da besteht wirklich Bedarf: um die kleinen Länder. Bhutan ist bereits interessiert, Andorra schickte eine SMS, und Guam ließ etwas Zugeneigtes ausrichten. Aber erst müssen wir uns um San Marino kümmern, das jetzt die Elitenarroganz zu spüren bekam: Nach einem Länderspiel hat der Deutsche Thomas Müller die Mannschaft aus dem kleinen Land "unprofessionell" genannt. Und Müller ist nicht irgendwer. Er ist der bayerische Vorzeigegaudibursche des Fußballs. Immer mit höchst professionellem Augenzwinkern, jemand, der "Räume sieht, die sonst keiner sieht", wie das im Fußballdeutsch und unter Innenausstattern heißt. Wo er ist, wird die Welt zu einem Sonntagnachmittag mit Hagebuttentee. Wenn also einer Frohnatur wie ihm der Kragen platzt, muss man sich damit beschäftigen.

Aus San Marino kam die Antwort: "Das Spiel war nützlich, weil es gezeigt hat, dass du nicht mal gegen so dürftige Teams wie das unsere ein Tor schießen kannst." Puh. Was können wir tun, um das angespannte bayerisch-san-marinesische Verhältnis zu entkrampfen? Befragen wir die Literatur. Der Bayer August von Platen dichtete allerhand Reizendes über den Kleinstaat: "Weithin über das Meer bis nach den illyrischen Ufern / Übers Gebirg weithin, wo die Marecchia fließt / Durch Eichwälder und lachende Täler und tausenderlei Grün." Wobei danach prophetisch geschrieben steht: "Magst du von mir wegsehn, stehend im Neste des Aars." Aar heißt Adler, "Neste" ist eine avancierte Metapher für die deutsche Nationalmannschaft, und das lyrische Du nimmt schon Thomas Müller vorweg, den Schnösel, dem das "Wegsehen" empfohlen wird, bevor alles weiter eskaliert. Wenn er etwa über den san-marinesischen Wein sagt, er schmecke wie Traubensaft mit Grillanzünder. Solche Sachen. Aber wir hegen auch in diesen Zeiten zarte Hoffnung. San Marino hat seinen Brief an Thomas Müller mit "Alles Liebe" unterschrieben. Müller hat sich inzwischen erklärt. Und vielleicht werden bald alle Beteiligten wieder Fußballfreundschaft feiern und zwinkernd und möglicherweise Bifi essend die sehr professionell lachenden Täler von San Marino bestaunen, hoch droben auf dem Gipfel des Monte Titano, der selbstverständlich nach Oliver Kahn benannt ist.

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