Harald Martenstein Über die Fortpflanzung der Zukunft

Von
ZEITmagazin Nr. 50/2016

In der Zeitung stand, dass Sex zur Fortpflanzung in absehbarer Zeit nicht mehr nötig sein wird. Im Tierreich ist es bei einigen niederen Arten ja auch so, die teilen sich einfach. Die Zeitung brachte die Nachricht auf einer der hinteren Seiten. Da habe ich wieder mal am Journalismus gezweifelt. "Ende der großen Koalition besiegelt", so etwas würden sie garantiert zum Aufmacher ernennen, "Ende der Sexualität besiegelt" bringen sie hinten. Letztere Nachricht betrifft weitaus mehr Menschen als die große Koalition oder auch die Mondlandung. Über die Mondlandung ist seinerzeit relativ üppig berichtet worden.

Im Kleingedruckten hieß es, dass Sex zwar unter biologischen Aspekten überflüssig werde, vermutlich würden die meisten Menschen es aber aus alter Gewohnheit weiterhin tun. Es handele sich dann aber nur um eine "Freizeitbeschäftigung", ähnlich wie Sudoku. Nein, vielleicht eher wie Tischtennis, es sind ja meistens zwei Personen. Wann es so weit ist, weiß man noch nicht, aber es wird wohl zu Lebzeiten der meisten heute Lebenden geschehen. Das Ganze hängt damit zusammen, dass ein japanisches Forscherteam aus den Stammzellen jeder beliebigen Maus sowohl Ei- als auch Samenzellen erzeugen kann. Den so produzierten Mäusen geht es prima, das sind völlig normale Mäuse.

In den Berichten wurde hervorgehoben, dass dann auch homosexuelle Paare gemeinsam Kinder erzeugen können. Aus den Zellen der einen Person wird das Ei gemacht, aus denen der anderen Person der Samen. Wer Mutter wird und wer Vater, müssen die beiden ausdiskutieren. Juristisch könnte diese Frage von Bedeutung sein. Aber die homosexuellen Paare sind nur ein Aspekt von vielen. Frauen können auch mit 60 oder 70 Jahren Mütter werden, ohne Hormonkur, nur mithilfe ihrer Körperzellen. Sogar Tote können posthum Eltern werden, falls Zellmaterial vorhanden ist. Am faszinierendsten aber ist der Gedanke, dass Menschen endlich auch mit sich selbst ein Kind kriegen können, eine ihrer Zellen wird zum Ei, eine andere zum Samen. Klone wären das nicht, weil das Erbmaterial sich jedes Mal neu sortiert. Mehr noch, drei oder vier oder fünf Leute können sogar gemeinsam ein Kind kriegen, man kann die Erbmasse mixen, ich denke da an die Cuvée-Weine, die entstehen auf ähnliche Weise. Ihr lernt im Urlaub ein Paar kennen, ihr vier versteht euch prima, und dann beschließt ihr, gemeinsam Eltern zu werden.

Am Horizont der Menschheit marschieren ethische Fragen in Divisionsstärke auf. Dürfen Genies und Leistungssportler gezüchtet werden? Ach, die Chinesen werden es sowieso machen. Ein Diktator oder eine Milliardärin könnte in künstlichen Gebärmüttern Zigtausende von Kindern produzieren, die nur ihr Erbgut tragen, Leuten wie Putin oder Trump traue ich das zu. Und was wird eigentlich aus dem Ödipuskomplex, wenn ein Kind nur eine Person als Vater und Mutter hat?

Mir fiel sofort ein, dass der Autor Michel Houellebecq auch diese Zukunft in einem Roman vorausgedacht hat, 1998 in Elementarteilchen. Die Menschen befreien sich von einer sozialen und biologischen Fessel nach der anderen, bis sie am Ende unsterblich, geschlechtslos und vollkommen identisch sind. Keine Ungleichheit mehr, kein Liebeskummer, kein Streit, Humanismus voll verwirklicht. Aber es gibt keine Menschen mehr, so, wie es sie heute gibt. Wie sinnvoll ist doch die Unvollkommenheit, dachte ich. Ohne das Unglück gibt es auch kein Glück mehr. In einer perfekten Welt zu leben wäre noch viel schlimmer als das, was wir heute haben.

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