Gustavo Dudamel Kämpfen und spielen

Gustavo Dudamel ist einer der besten Dirigenten der Welt. Aber seit seine Heimat Venezuela am Boden ist, wird er nicht mehr nur heftig geliebt, sondern auch hart kritisiert. Von
ZEITmagazin Nr. 52/2016

Wenn man Menschen nach ihrer ersten Begegnung mit Gustavo Dudamel fragt, geschieht etwas Erstaunliches. Egal ob Musiker, alte Freunde, sein Manager oder sein früherer Mentor: Stellt man ihnen diese Frage, beginnen sie zu reden, und es sind nicht ihre Geschichten selbst, die erstaunlich sind. Es ist die Art, wie sie erzählen: als ob sie sich an einen alltäglichen Moment erinnern, über den sich erst im Nachhinein ein Leuchten gelegt hat. So, wie man von einem Moment erzählt, in dem eine Liebesgeschichte begann.

Und vielleicht versteht man Gustavo Dudamels Geschichte am besten, wenn man sie als Liebesgeschichte begreift. Denn als er vor zwölf Jahren die große Bühne der klassischen Musik betrat, verliebte sich die ganze Branche in den damals 23-jährigen Dirigenten – und das Publikum gleich mit: in seine Energie, seine Jugend, seine ungewöhnliche Geschichte, sein unglaubliches Talent.

Am 1. Januar wird der Venezolaner das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren, das berühmteste Klassikkonzert überhaupt, live übertragen in 92 Länder, 50 Millionen Zuschauer. Eine Ehre, und Dudamel ist mit 35 Jahren der jüngste Dirigent, dem sie je zuteilwurde.

Wir haben Dudamel in dem Jahr vor dem Konzert begleitet. Monate voller künstlerischer Höhepunkte und zugleich Monate, in denen sich seine Heimat Venezuela im freien Fall befand. Ein Jahr, in dem nicht nur deutlich wurde, warum diese Liebe Dudamel so weit nach oben getragen hat. Sondern auch, dass Liebe immer mit Erwartungen verbunden ist, die oft nur schwer zu erfüllen sind.

Die Opernprobe

Ein Freitagvormittag Ende April, kurz vor elf. Gustavo Dudamel hastet durch den Bühneneingang der Wiener Staatsoper. In wenigen Minuten beginnt die Hauptprobe für Giacomo Puccinis Oper Turandot, die vorletzte Probe vor der Premiere, seinem Debüt an der Staatsoper. Dudamel trägt ein Polohemd, Jeans, Chucks, er schiebt sich die Sonnenbrille in seine dunklen Locken. Auf dem Gang hört er die Musiker, die ihre Instrumente stimmen. Dudamel kommt immer in letzter Minute. Es ist seine einzige Chance, Zeit für sich zu gewinnen, denn sobald er dort auftaucht, wo die Menschen ihn kennen, stürzen sie sich auf ihn. Jetzt stürmt eine dunkelhaarige Frau auf ihn zu, "Gustavo", ruft sie, "it’s my birthday, give me a kiss!"

Als Dudamel im Orchestergraben durch die Wiener Philharmoniker zum Pult geht, schwillt die Kakophonie der Streicher und Bläser noch einmal an und verstummt. "Guten Morgen!", sagt Dudamel, und dann, als es ganz still ist, durchzieht seinen Körper von einem Moment auf den anderen eine gespannte Aufmerksamkeit. Er hebt den Taktstock.

Die Hauptprobe ist die erste Probe, in der die Oper ohne Unterbrechung durchgespielt wird. Dudamel muss seine Augen überall haben, um das Zusammenspiel möglich zu machen, nicht nur das der Musiker, sondern auch das zwischen Musik und Sängern. Dann ist da noch der Chor, den der Regisseur oft weit nach hinten gesetzt hat, sodass die Chorsänger an manchen Stellen die Musik schlecht hören, an anderen sehen sie Dudamels Einsatz kaum, weil sie hinter einem transparenten Vorhang versteckt sind. Ein Kraftakt, für den Körper und den Kopf: Mit dem Körper muss Dudamel lenken, im Kopf muss er sich all die Stellen merken, die noch nicht gut genug sind.

Diese Stellen geht Dudamel nach dem Durchlauf durch. Das muss zügig gehen, denn die Sänger warten nicht gern, wenn bei den Musikern etwas nicht sitzt, und umgekehrt. Überziehen der Probezeit ist tabu. Er muss wissen, in welchem Takt etwas falsch war, wie der Fehler entstanden ist und wie er ihn beheben kann. Er blättert durch die Partitur, gibt für einige Stellen kurze Hinweise, lässt andere wiederholen. Einmal nimmt er sich die Bratsche eines Musikers und spielt vor, wie es klingen soll. Der aserbaidschanische Tenor, dessen Namen sich einige hier nicht merken können oder wollen, weswegen sie ihn, Wiener Charme, nach seiner berühmten Ehefrau "Herr Netrebko" nennen, wird ungeduldig: "Maestro, das dauert mir zu lange!" Die Chorsänger beschweren sich, weil sie so weit hinten sitzen. Zwischendurch lehnt sich Dudamel an das Geländer hinter dem Pult wie ein Boxer, der in den Seilen hängt. Aber er verliert nicht seine Freundlichkeit.

Vom Dirigieren

Ein Dirigent muss führen können. Auf Dudamels Niveau führt man die besten Musiker der Welt. César Luis Menotti, der legendäre argentinische Fußballtrainer, zieht gern den Vergleich zu einem Orchester heran, wenn er beschreibt, warum Spitzenfußballer nur mit einem guten Trainer eine Spitzenmannschaft sind. Sein Vergleich hilft auch umgekehrt, zu verstehen, mit welch unterschiedlichen Methoden man ein Orchester leiten kann. Da wäre die Methode Magath, also: Angst. Wenn Herbert von Karajan in der Stadt war, erzählt man sich bei den Berliner Philharmonikern, zitterte das Orchester. Weil Jewgeni Mrawinski, der 50 Jahre lang die Leningrader Philharmoniker zu Höchstleistungen trieb, oft früher kam als zur angesetzten Probezeit, waren manche Musiker zwei Stunden eher da, um bereit zu sein, wenn der Maestro erschien. Diese Angst ist selten geworden, aber ein Musiker erzählt von einem berühmten Dirigenten, der sich in Proben oft die Schwächsten raussucht und vor allen runtermacht. Ein Sänger der Staatsoper sagt: "Wir sind Diktatoren gewohnt."

Dann gibt es die akribische Methode, nennen wir sie die Methode Guardiola: Dirigenten, die eine sehr detailgenaue Klangvorstellung mitbringen und keine Abweichungen dulden. Und es gibt diejenigen, Methode Klopp, die mitreißen: "Dudamel überzeugt durch Enthusiasmus", sagt ein Musiker der Wiener Philharmoniker, "er drückt uns nichts auf, sondern lädt uns ein. Wir haben mal ein Programm mit ihm achtmal gespielt, und es hatte jedes Mal etwas Spontanes. Er ist offen, ohne das Gespür für die formale Struktur eines Stücks zu verlieren. Das fordert auch von uns eine Offenheit, die wir nicht immer gewohnt sind. Es ist dann mit einem Werk, das man kennt, wie in einer Beziehung, in der man jeden Morgen neben derselben Person aufwacht und sich sagt: Diesen Menschen kenne ich, aber vielleicht hat er sich verändert ... Dafür empfänglich zu sein, verlangt er von uns, und das gibt er uns auch. Er verkörpert den spontanen, ursprünglichen Zugang, den jeder Mensch zur Musik hat – und das ist schön."

Wenn Dudamel dirigiert, erinnert er die Musiker daran, dass sie nicht nur hier sind, weil sie etwas sehr gut können – sondern weil sie etwas sehr lieben. Ein Gefühl, das sich auch auf sein Publikum überträgt. Schon am Anfang seiner Karriere, als er 2004 den Gustav-Mahler-Wettbewerb für Nachwuchsdirigenten in Bamberg gewann, schwärmte die Jury davon, wie glücklich er Orchester und Publikum mit seiner positiven Art mache. In der Klassikwelt mit ihrem elitären Ruf und ihrem immer älter werdenden Publikum galt Dudamel plötzlich als Heilsbringer: einer, der es schafft, dass ein Publikum nicht in Ehrfurcht erstarrt, sondern die Freude an der Musik mit ihm und dem Orchester teilen kann.

Die Wurzeln

Am späten Nachmittag, zwei Stunden nach dem Ende der Turandot- Probe, steigt Dudamel im 10. Wiener Bezirk im Hof einer ehemaligen Fabrik aus dem Taxi. In dem Industriegebäude ist "Superar" untergebracht, ein Musikprojekt für Kinder, das nach dem Vorbild des staatlichen Förderprogramms "El Sistema" entstanden ist, aus dem Dudamel hervorgegangen ist. El Sistema wurde 1974 in Venezuela gegründet, mit dem Ziel, so vielen Kindern wie möglich kostenlos Musikunterricht zu geben. Fast 800.000 Kinder musizieren dort heute, die Musikschulen sind auch in armen Gegenden präsent. Ein Bildungsprojekt, das vor ungefähr 15 Jahren durch Orchestertouren in Europa bekannt wurde. Es ist eine ungeheure Erfolgsgeschichte, deren Symbolfigur Dudamel ist: ein Junge aus einer einfachen venezolanischen Familie, der heute die Wiener Philharmoniker dirigiert.

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