Junge AfD Neue deutsche Welle

Sie sind jung und ehrgeizig. Ihr Feindbild sind die Grünen, mit ihren Auftritten wollen sie provozieren. Wir haben Nachwuchspolitiker der AfD gefragt, was sie so aufregt. Von und
ZEITmagazin Nr. 52/2016

Berlin

An einem sonnigen Tag im September steht Marc Vallendar neben einer weißen Plastikkiste, die er am Berliner Ku’damm auf den Bürgersteig gestellt hat. Auf der Kiste liegen Broschüren seiner Partei, der AfD. In ein paar Tagen ist Wahl in Berlin, und Vallendar will Abgeordneter werden. Er trägt ein Polohemd, unter den Achseln zeichnen sich Schweißflecken ab, es liegt wohl nicht allein an der Hitze.

Gerade war ein Mann da, der die Broschüren, die Vallendar ihm gab, zerriss. "Scheißnazis!", brüllte er und spuckte vor Vallendar und den beiden anderen AfD-Leuten auf den Boden. Dann ging der Mann wieder, zum Glück. Viermal, sagt Vallendar, habe er im Wahlkampf den Polizei-Notruf gewählt, einmal habe ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Die Polizei hat die Pöbler nie gefasst. Das hält Vallendar nicht davon ab, jeden Tag irgendwo in der Nähe des Ku’damms für die AfD zu werben.

Vallendar, 30, ist Rechtsanwalt, seit einem Dreivierteljahr erst, seine Kanzlei befindet sich in seinem Wohnzimmer. Wenn er keinen Anzug trägt und den Seitenscheitel nicht mit Gel glatt gezogen hat, wie an diesem Tag, könnte man ihn für einen Studenten halten, der in Neuköllner Bars herumhängt.

Vallendar nennt seine politische Haltung "nationalliberal". Er meint damit, dass Nationen ihre Probleme am besten selbst lösen könnten. Allein mit dem Begriff "Nation" kann man in Deutschland provozieren, und Vallendar will genau das. Er redet gern über das 19. Jahrhundert und die Geburtsstunde des deutschen Nationalstaats, um zu zeigen, wie er sich verortet. Er macht dann weit ausholende, würdevolle Gesten, als sei er bereits ein Staatsmann.

Bisher galt die AfD als Altmännerpartei – aber das verändert sich jetzt. Zum ersten Mal fiel das auf, als die AfD im Frühjahr 2016 in drei neue Landtage einzog, in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. In allen Landtagen, in denen die AfD bis dahin schon vertreten war – in Hamburg, Bremen, Brandenburg, Sachsen und Thüringen –, gibt es nur zwei jüngere Abgeordnete, sie sind Anfang bis Mitte dreißig. In den neuen Landtagen kamen dann gleich 15 Jüngere dazu, in Mecklenburg-Vorpommern später noch mal zwei und in Berlin vier. Einer von ihnen ist Vallendar.

Jung und rechts zu sein, das ist weniger ungewöhnlich, als es scheint: In den meisten Landtagswahlen der letzten Zeit hat die AfD bei jüngeren Wählern besonders gut abgeschnitten. In Sachsen-Anhalt wurde sie bei den bis zu 44-Jährigen sogar stärkste Partei. Und nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach ist jeder vierte deutsche AfD-Anhänger nicht einmal 30 Jahre alt.

Marc Vallendar ist auch Mitglied bei der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD, wie praktisch jedes AfD-Mitglied unter 36. Die Junge Alternative hat 1400 Mitglieder. Das ist nicht viel im Vergleich zur Jungen Union, die 100 000 Mitglieder hat. Dafür fällt die Junge Alternative öfter auf – etwa mit der Forderung "Einreisestopp für Muslime", die sie nach dem Anschlag in Nizza verbreitete. Sie stammte von einem der beiden Vorsitzenden der Jungen Alternative, Markus Frohnmaier, einem 25-Jährigen Jurastudenten aus Tübingen. Die Junge Alternative steht eher rechts von der Mutterpartei. Manche ihrer Mitglieder gehen zu den Treffen der rechtsextremen Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, oder sie werben offen für eine Zusammenarbeit.

Wer sind diese jungen AfD-Funktionäre? Worauf gründen sie ihre Überzeugungen, woher rührt die Härte ihrer Rhetorik? Die Suche nach Antworten beginnt in Berlin, bei Marc Vallendar.

An seinem Stand hat er sich gegen Mittag direkt neben der Plastikkiste postiert, als wolle er, falls nötig, sofort in Deckung gehen können. Doch wenn mal ein Passant stehen bleibt, wird Vallendar meistens mit Lob überschüttet. Ihn und seine Meinungen kennenlernen will niemand. Wenn er nicht beschimpft oder bejubelt wird, dann wird er ignoriert.

Spricht man länger mit ihm, fällt auf: Er möchte unbedingt seriös wirken. Vor Kurzem hat er in einem Interview gesagt, er schäme sich "für den ein oder anderen" in der AfD. Für wen genau? Er wagt es dann doch nicht, Namen zu nennen. "Für die Boateng-Sache", sagt er nur. Er meint das dem stellvertretenden AfD-Bundesvorsitzenden Alexander Gauland zugeschriebene Zitat, die Deutschen wollten nicht neben einem Schwarzen wie dem Fußballer Jérôme Boateng wohnen. Nicht in Ordnung findet Vallendar auch den Begriff "völkisch", den die Parteivorsitzende Frauke Petry verwendet und dann zu rechtfertigen versucht hat. Vallendar hält ihn für "zu Recht negativ konnotiert".

Marc Vallendar stammt aus einer Familie, in der man immer CDU oder FDP gewählt hat. Er selbst war Mitglied der FDP, bis diese sich 2012 in einem Mitgliederentscheid für den Euro-Rettungsschirm aussprach. Das war für ihn der Wendepunkt: eine Entscheidung gegen die Interessen der deutschen Bevölkerung, wie er findet, vertreten mit einer großen Mehrheit im Bundestag. Das Gleiche dann in der Flüchtlingskrise. Viele junge AfD-Leute nennen diese beiden Ereignisse als Schlüsselmomente, die sie zur AfD brachten.

Aufgewachsen ist Vallendar in der Nähe des Wannsees, in einer wohlhabenden Gegend Berlins. Seine Mutter war Bankkauffrau, sie ist 1945 in Ostpreußen geboren. Sein Vater ist Bundesverwaltungsrichter im Ruhestand. Vallendar verpflichtete sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr, aus Überzeugung, wie er sagt. Während des Jurastudiums war er in einer Burschenschaft. Statt sich wie viele andere junge Leute an seiner Umgebung zu reiben, hat er das Konservative um sich herum nur aufsaugen müssen. Es ist ihm allerdings wichtig zu erwähnen, dass manche seiner Freunde in der SPD sind. Auch bei den Grünen? "Nein, das wäre am unkompatibelsten." Die Grünen sind für ihn und viele junge AfDler der Inbegriff dessen, wogegen sie kämpfen: Ideologen, die anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, und ständig mit Moral argumentieren.

Ausgerechnet die Grünen. Obwohl sie früher selbst einmal gegen die herrschende Ordnung antraten, stünden sie heute für den Mainstream, dem sich alle unterordnen müssten – sagt der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath. "Die Grünen stehen für Liberalismus und Globalisierung, für einen Konsens, der nicht hinterfragt werden darf, will man nicht moralisch verurteilt werden."

Ikrath, der über den Erfolg der FPÖ in Österreich forscht und lange in Deutschland gelebt hat, sieht in rechten Gruppierungen wie der AfD auch eine Jugendbewegung, die sich als aufsässig und revolutionär inszeniert. "Wie die 68er sehen sie sich als die einzige Opposition, die sich traut, gegen das System aufzustehen. Die FPÖ ist in Österreich auch deshalb auf dem Weg zur Volkspartei, weil sie sich jugendlich und tatkräftig gibt, mit vielen jungen Leuten in vorderster Reihe. So strahlt sie in bürgerliche und sogar in intellektuelle Kreise aus." Wird der AfD Ähnliches gelingen, mit Nachwuchspolitikern wie Marc Vallendar?

Wahrscheinlich wirkt er nur deshalb so selbstsicher, weil er weiß, dass er für das Milieu spricht, aus dem er kommt – und für die eigene Familie. Die stehe hinter ihm. Viele AfD-Leute litten an ständigen Streitereien mit Freunden und Verwandten, die ihre Meinungen nicht teilten, da habe er Glück. Vallendars Milieu, das war früher der rechte Rand der CDU. Jetzt, da die CDU nach links gerückt ist, fühlt er sich dort nicht mehr zugehörig. Auf die Frage, was ihn mit anderen AfD-Leuten verbinde, sagt er: "Das Gefühl, alle sind gegen einen." Die Partei sei "eine große Familie".

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