Wir haben einen Traum Kira Walkenhorst und Laura Ludwig

"Als Kira sich das Knie verletzte, stand unser großer Traum auf der Kippe"
© Anatol Kotte
ZEITmagazin Nr. 52/2016

Wenn wir wach sind, sind wir beide sehr verschieden. Was unser nächtliches Träumen angeht, ähneln wir uns zumindest in einem Punkt: Wir erinnern uns beide nur sehr selten und bruchstückhaft an unsere Träume. Unser großer gemeinsamer Wunschtraum dagegen ist noch sehr lebendig. Vier Jahre lang haben wir den Traum vom olympischen Gold gemeinsam geträumt und gemeinsam alles dafür getan, ihn wahr zu machen.

Als es dann tatsächlich so weit war, konnten wir kaum fassen, was geschehen war. Es kann schon sein, dass wir vorher auch nachts von diesem Moment geträumt hatten. Aber nicht einmal daran erinnern wir uns. In der Nacht nach unserem Olympia-Sieg jedenfalls haben wir vor lauter Erschöpfung tief und traumlos geschlafen.

In unseren Tagträumen dagegen erleben wir diese Momente seit einigen Monaten immer wieder: den letzten Ballwechsel, den Gang auf das Siegertreppchen – diese Bilder beschwören wir immer wieder herauf und schwelgen in den Erinnerungen. Noch dauert der Rauschzustand an, in den uns die Erfüllung unseres großen Lebenstraums versetzt hat.

Vor allem, da es zwischenzeitlich so aussah, als würde er platzen, bevor er richtig begonnen hatte. Als Kira zu Beginn unserer Olympia-Vorbereitung zuerst am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte und sich dann, als wir gerade wieder mit dem Training begonnen hatten, auch noch ihr Knie verletzte und sich einer Operation unterziehen musste – das schien der ultimative Albtraum zu sein. Es stand in den Sternen, ob sie rechtzeitig wieder fit sein würde.

Aber wir haben diese existenzielle Bedrohung unserer sportlichen Träume zusammen durchlebt und überstanden. Diese Erfahrung hat uns noch enger zusammenwachsen lassen. Wir haben uns aus diesem Albtraum gemeinsam herausgearbeitet, weiter an unserem Traum festgehalten – und ihn schließlich wahr gemacht.

Kira Walkenhorst, 26, und Laura Ludwig, 30

sind Deutschlands erfolgreichste Beachvolleyball-Spielerinnen. Bei den Olympischen Spielen in Rio gewannen sie die Goldmedaille. Den Weg dorthin zeigt der Dokumentarfilm Ludwig/Walkenhorst: Der Weg zu Gold, der jetzt als DVD erschienen ist.

Auch wenn unser Glücksrausch noch anhält: Wir wissen natürlich, dass ein erfüllter Lebenstraum ein zweischneidiges Schwert sein kann. Oft folgt auf die Euphorie die Leere, der Absturz in ein tiefes Loch. Da ist es wichtig, neue Ziele zu finden. Zum Glück steht schon nächstes Jahr die Weltmeisterschaft an, das ist ein Titel, der uns noch fehlt, unser nächster Traum. Danach müssen wir uns wohl wieder auf Traumsuche begeben.

Auf jeden Fall hoffen wir, dass es noch ein paar Jahre sportlich so weitergeht. So verschieden wir beide sind, als sportliche Einheit funktionieren wir einfach extrem gut. Heute wissen wir, was wir voneinander verlangen können, was wir voneinander brauchen, und wir können das aussprechen. Wahrscheinlich sind unsere unterschiedlichen Charaktere auch ein Vorteil. Wir können uns aneinander reiben, aneinander wachsen und voneinander lernen.

Es ist unglaublich, wie viel Sand man als Beachvolleyball-Spielerin mit nach Hause schleppt. Vor allem die Waschmaschine und der Staubsauger sind dem auf Dauer nicht gewachsen, beide geben bei uns viel schneller den Geist auf als in anderen Haushalten. Manchmal träumen wir daher von einem Sponsor, der uns regelmäßig mit neuen Waschmaschinen und Staubsaugern beliefert.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

Kommentare

10 Kommentare Kommentieren