Digitale Familie Bibi, Bibis Freund und mein Sohn

"Weißt du Papa, ich glaube, ich werde Anwalt. Oder Architekt." Ich habe Urlaub und gerade meinen elf Jahre alten Sohn von der Schule abgeholt, wir fahren im Auto, als er das Thema plötzlich anschneidet. Ich bin etwas überrumpelt, ein Vater-und-Sohn-sprechen-über-die-Zukunft-Gespräch! Ich mache das Autoradio leiser. "Ja? Anwalt ist ein toller Beruf, Jura hat mich auch immer interessiert", sage ich, einfach weil es das Erste ist, was mir in den Sinn kommt. Und Architekt sei natürlich auch gut. "Dein Patenonkel ist Architekt, den kannst du ja mal fragen." Während ich darüber nachdenke, was mir noch zu diesen Berufen einfällt und welchen von beiden ich meinem Sohn eher empfehlen sollte, sagt er: "Oder ich werde – aber das ist natürlich nur ein absoluter Traum und echt schwer zu schaffen – YouTuber." Jetzt wird es wirklich ernst, denke ich.

Es ist diese Art von Gespräch, vor dem ich mich als Vater immer ein wenig gefürchtet habe. Weil ich jetzt unter Beweis stellen muss, wie konsequent ich meine Erziehungsvorsätze durchhalte. Denn eigentlich hat mir mein Sohn gerade erklärt, dass er Rockstar werden will. So etwas sind YouTuber schließlich für ihn und andere Kinder und Jugendliche. Und natürlich würde ich jetzt gerne so etwas antworten wie: "Das Wichtigste ist, dass du in deinem Leben machst, was du am meisten liebst. Ich unterstütze dich dabei." Aber ich kann nicht anders, mir gehen Gedanken durch den Kopf wie der, dass YouTuber nicht unbedingt ein "Beruf" ist. Dass bestimmt nicht so viele von den Werbeeinnahmen tatsächlich leben können, spießige Eltern-Gedanken eben. Vor allem aber denke ich mit Schrecken an Bibis Beauty Palace.

Ich habe Bibi selbst erst vor einigen Monaten entdeckt, wahrscheinlich war ich der Letzte in Deutschland. Bei einer Recherche zu den erfolgreichsten Instagram-Nutzern in Deutschland habe ich sie entdeckt (5,2 Millionen Abonnenten), habe sie abonniert und dann erst verstanden, dass ihr Kanal eigentlich YouTube ist (4,5 Millionen Abonnenten). Das sind beeindruckende Zahlen. Thomas Gottschalk träumt wahrscheinlich manchmal von den Zeiten, als er noch 4,5 Millionen Zuschauer hatte.

Dass Bibi bisher vollkommen an mir vorbeigegangen war, kann ich nur damit erklären, dass sich bei uns zu Hause eher niemand für Beauty-Tipps interessiert. Auch nicht für Filme über die 10 Arten von Pärchen, die jeder kennt. Oder für Streiche, bei denen man seinen Freund mitten in der Nacht aufweckt, um ihm verheult zu erzählen, dass man schwanger ist – nur so zum Spaß.

Durch meine drei Jungs und ihr Minecraft-Gamen sind mir Gronkh und Sarazar vertraut, Simon Unge und natürlich die großartig-launigen Weltbetrachtungen von LeFloid. Diese YouTuber nutzen extrem smart die Möglichkeiten des Kanals, um Inhalte für ihre Zielgruppen zu produzieren und mit ihnen im Dialog zu bleiben, dachte ich. Auch wenn sie manchmal einfach verdammt viel Quatsch labern. Bibi kannte ich nicht, das wollte ich ändern.

Seit Monaten verfolge ich deswegen nun, was Bianca "Bibi" Heinicke so auf Instagram treibt – auch, weil Bibi dort glücklicherweise nicht so viel redet wie auf YouTube. Das Ergebnis meiner Studie: Sie fotografiert sich an Stränden. Sie fotografiert sich an Pools. Sie fotografiert sich mit Duschschaum. Sie fotografiert sich im Taxi mit einer Handtasche neben sich. Oft fotografiert sie sich auch mit ihrem Freund Julian. Die beiden sind das Social-Media-Traumpaar, habe ich gelernt. Wie Kim Kardashian und Kanye West für das deutsche YouTube, bei Werbekunden als sogenannte Influencer wegen ihrer Reichweite sehr begehrt. Ist das ein erstrebenswertes Leben, dass man seinen Kindern empfehlen würde?

Wenn Bibi und Julian zusammen auf Reisen sind, posten sie zum Beispiel Fotos aus ihrem Hotelzimmer. Sie sitzt in Hotpants auf dem Bett und fotografiert sich im Spiegel, Julian liegt dahinter und guckt auf sein Handy. Oder er postet ein Foto davon, wie er Bibi an den Hintern greift, was viele Fans heftig kritisieren, weil sie ja auch junge Follower haben. Und weil Bibi und Julian sich in letzter Zeit angeblich so verändert haben.

Ich musste sehr lachen, als die FAZ kürzlich eine Fotostrecke veröffentlicht hat von all den deutschen Influencern, die zum Branchen-Jahrestreff zum Coachella-Musikfestival gereist sind und sich dort in den immer gleichen Posen fotografiert haben. Natürlich waren Bibi und Julian auch dort. Danach haben sie den DJ David Guetta in Las Vegas getroffen und Selfies mit ihm gepostet. Rund-um-die-Uhr-Selbstbespiegelung, eine Zwei-Mann-Big-Brother-Show. Was ist das für 1 life vong Kopf her?

"Das heißt, du willst so etwas machen wie Bibis Beauty Palace!?!" frage ich meinen Sohn im Auto. Er schaut mich entsetzt an. "Bist du wahnsinnig? Bibi ist FURCHTBAR!" sagt er und imitiert ihre aufgedrehte Stimme sehr nervtötend. Wir lachen beide. Ich erzähle ihm davon, was Bibi auf Instagram postet und wie merkwürdig das sein muss, den ganzen Tag für Selfies posierend durch die Gegend zu laufen. Das findet mein Sohn auch. "Vielleicht werde ich doch Anwalt und verteidige Leute. Damit kann man auch Geld verdienen, oder?" Ja, das kann man, erkläre ich ihm und dass wir zur Inspiration beim nächsten Netflix-Abend ein paar Folgen der Anwaltsserie Suits gucken. Kann wohl nicht schaden, sich Staranwalt und Sprücheklopfer Harvey Specter als Vorbild zu nehmen: "Ich habe keine Träume, ich habe Ziele."

"Weißt du was, Papa?" meldet sich plötzlich der Vierjährige von der Rückbank, er hat die ganze Zeit aufmerksam zugehört und will nun auch etwas dazu sagen. "Ich werde gar nichts. Oder Turner." Ich schaue in den Rückspiegel und sehe ein breites Grinsen in seinem Gesicht. Ein echtes Rockstar-Grinsen.

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