"Tatort"-Kritikerspiegel Auch so gerädert?

© SWR/Alexander Kluge
Der "Tatort" zum Dieselskandal: Stuttgart steht im Stau, die Kommissare klappern die Tatverdächtigen zu Fuß ab. Aber wie effizient ist investigatives Ins-Auto-Gucken?

Ein junges Mädchen liegt tot am Straßenrand. Könnte eine absichtliche Tötung sein oder ein Unfall mit Fahrerflucht – wenn denn irgendjemand sich davonmachen könnte aus dem Stau, der Stuttgart lahmlegt.  Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) blicken in Familienkutschen, Sportflitzer und die Abgründe der Musikauswahl. Derweil wird es auf den Einfallstraßen immer ausfälliger.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Wie abgasverhangen dieses Stuttgart doch ist. Wer regiert da noch mal?

Lars-Christian Daniels: Darüber, dass der Tatort seine treue Fangemeinde auch nach über 40 Jahren und mehr als 1.000 Folgen noch mit originellen Geschichten und außergewöhnlichen Settings zu überraschen vermag – ohne das Stammpublikum diesmal allzu sehr vor den Kopf zu stoßen.

Matthias Dell: Über die Schönheit des Schwäbischen.

Kirstin Lopau:  Was man alles so im Stau machen kann und welche Musik man dabei hört. Ach, und wir fragen uns, warum Lannert und Bootz eigentlich so distanziert zueinander sind, das haben wir nämlich über die Sommerpause vergessen.

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Die schwäbische Polizei ist hervorragend aufgestellt in Sachen neue Medien: Als es auf der Staustraße zu Krawall kommt und sich Beschwerden via Twitter häufen, sagt eine Polizistin: "Hashtag Weinsteige trendet!"

Lars-Christian Daniels: Manchmal braucht es im Tatort keine permanenten Ortswechsel, keine abschließende Verfolgungsjagd und auch keinen Besuch in der Gerichtsmedizin: Wenn das Drehbuch so pointenreich ausfällt wie das von Dietrich Brüggemann und Daniel Bickermann, reichen wenige Quadratmeter Fahrbahn und zwei Dutzend im Stau stehende Autos für einen unterhaltsamen, in Echtzeit erzählten und stellenweise brüllend komischen Sonntagskrimi.

Matthias Dell: Dass lackierte Stoßstangen Nepp sind.

Kirstin Lopau: Wir bekommen gleich zu Anfang Anregungen, welche Namen man seinen Kindern gern ersparen darf. Wir lernen außerdem, dass das Knistern bei Paaren nach dem zweiten Kind "mehr oder weniger vorbei ist" und Eltern lieber "mit Vollgas im Stau" stehen, als die besten Jahre ihrer Kinder mitzuerleben. Ferner sehen wir, wie ein Mob entsteht und dass ein Anfangsverdacht offensichtlich ewig in Datenbanken gespeichert ist, auch wenn nie Anklage erhoben wurde. Vor allem aber lernen wir, die Kontrolle über die Musikauswahl im Auto niemals an unsere Kinder zu verlieren. Niemals.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Geht da vielleicht was zwischen dem alleinerziehenden Vater Bootz und der alleinerziehenden Mutter, die ihm nach der Zeugenvernehmung das Fahrrad ihres Ex-Mannes schenkt, damit der Bulle durch den Stau kommt?

Lars-Christian Daniels: Wer ist Florian Müller? Und welchen zweiten Kriminalfall muss Bootz parallel zu den Ermittlungen im Stau am Handy voranbringen?

Matthias Dell: Wo war Florian Müller?

Kirstin Lopau: Warum um Himmels willen lässt die Polizei zwei sichtlich bekiffte Menschen weiter Auto fahren?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Vom kiffenden Sozialdienstfahrer bis zur keifenden Managerin: Dieser Tatort ist bis in die kleinste Rolle stimmig besetzt.

Lars-Christian Daniels: Die wichtigste Rolle in diesem Tatort hat die vielbefahrene Stuttgarter Weinsteige, und die wurde bereits ersetzt – durch eine aufwändige Konstruktion aus 100 Metern Mauer und 80 Metern Bluescreen in einer Freiburger Messehalle, in der 13  Tage lang gedreht wurde. Wer glaubt, dem 20. Fall von Lannert und Bootz würde es wegen dieses Ortswechsels an schwäbischem Lokalkolorit mangeln, irrt allerdings gewaltig.

Matthias Dell: Die von Oliver Gehrs als Chef des geplagten, von Daniel Nocke gespielten Kurierfahrers: mit Stefan Krohmer.

Kirstin Lopau: Der Herr Anwalt passte irgendwie nicht in seine Rolle. Ich hätte mir jemand Schnittigeren, Auffälligeren gewünscht, z.B. Sabin Tambrea.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß:  Keine Ahnung, auf jeden Fall spukt mir wahrscheinlich Reality, der Schmusehit aus dem Schmusefilm La Boum durch den Kopf: Er läuft hier, als bei einem Ehepaar im Stau die Fetzen fliegen.

Lars-Christian Daniels: Als Wahl-Stuttgarter mit entsprechenden Erfahrungswerten natürlich vom urschwäbischen Hausdrachen Frau Ott (Sabine Hahn), der Bootz bei der Stippvisite in dessen Wohnung fast im Sekundentakt abwatscht und nebenbei noch die bedauernswerten Nachbarn zur Schnecke macht: Wehe dem, der sein Fahrrad im Hof falsch abstellt oder den Blumen im Balkonkasten ein paar Tropfen zu viel Wasser gönnt!

Matthias Dell: Dem Blick von Kommissar Lannert (Richy Müller) beim Lösen des Falls – investigatives Gucken. Sollte öfter zum Einsatz kommen, so friedlich und effizient.

Kirstin Lopau:  Von der Szene, in der Lammert den Unfalltod nacherzählt. Darauf hätte ich verzichten können.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Matthias Dell: 2 Schlafmützen 😴😴

Kirstin Lopau: 2 Schlafmützen 😴😴

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