Asylbewerber Meine Schrottcontainer­kindheit

Ein Altar für die verstorbenen Ahnen © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Nach sechs Sommern durften wir in unsere erste eigene Wohnung. Sie lag direkt gegenüber vom Heim. Es gab keine Kakerlaken mehr, keine Urinwände, dafür mehrere Zimmer, und ich hatte noch meinen Schrottcontainer in der Nähe. Meine kleine Schwester wurde geboren, ich liebte sie von der ersten Minute an. Meine Mutter begann zu kellnern und mein Vater arbeitete im Schlachthof. Zum Einschlafen erzählte er uns Geschichten von Drachen und Schildkröten. Ich ging zur Schule und überraschte meine Lehrerin, weil ich am ersten Tag den Willkommensspruch an der Tafel vorlesen konnte. Im Fernsehen flimmerten keine Männer in Uniform mehr, sondern Männer im Anzug.

F: Was befürchten Sie denn, wenn Sie heute zum jetzigen Zeitpunkt in Ihr Heimatland Vietnam zurückkehren müßten?

A: Ich will nie nach Vietnam zurückkehren, und ich rechne auch nicht damit, daß ich dorthin zurückkehren muß.

Dann kam ein Anruf. Wir sollten zum Ausländeramt. Die deutschen Behörden hatten entschieden, dass wir nicht länger bleiben durften. Das Asylgesuch hatten sie abgelehnt, eine weitere Duldung wollten sie nicht ausstellen. Sie gaben meinen Eltern das, was sie giấy trắng nannten, ein weißes Papier. Ein Formular auf DIN A4 mit ein paar Schreibmaschinenworten und Stempeln darauf. Die verstanden meine Eltern nicht, aber das Papier kannten sie: Es bedeutete, dass sie binnen 30 Tagen das Land verlassen mussten. Einige ihrer Freunde hatten auch eins bekommen.

Ein Bild aus dem ersten Winter des Vaters in Deutschland © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Das weiße Papier nahmen sie mit nach Hause. Ich verstand nichts davon, spürte nur, wie es meine Eltern veränderte, wie sie miteinander murmelten und spät nachts mit Verwandten telefonierten.

Uns blieben nur zwei Optionen: freiwillig ausreisen oder abgeschoben werden. Die Ausreise kam für meinen Vater nicht infrage. Allein beim Gedanken an seine Vergangenheit wurde er panisch. Als Kind habe er nur ein Hemd oder eine Hose gehabt, niemals beides, seine Haare seien voller Läuse gewesen, und immer war da dieser Hunger. "Du weißt nicht, was Hunger ist", sagte er mir oft.

Was er nicht sagte: Sein Vater hatte in der französischen Kolonialverwaltung gearbeitet. Nachdem die Kommunisten die Macht übernommen hatten, wurde aus der Beamtenfamilie eine Bauernfamilie. "Es ist vorbei. Wir werden unsere Häupter nicht mehr erheben", sagte mein Großvater und ging sein restliches Leben gebückt. Mein Vater sah als Kind bei Dorffesten den anderen Kindern nur vom Dickicht aus zu, wie sie Laternen trugen und Lieder sangen.

F: Haben Sie sich in Vietnam politisch aktiv und oppositionell betätigt?

A: Politisch aktiv und oppositionell war ich in Vietnam nicht tätig. Ich durfte aber auch an keinerlei Aktivitäten der Partei bzw. des Kommunistischen Jugendverbandes teilnehmen.

Der Großvater der Familie wurde 100 Jahre alt. In Vietnam hatte er in der französichen Kolonialverwaltung gearbeitet, bis die Kommunisten die Macht übernahmen. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Als mein Vater in den letzten Kriegsjahren eingezogen wurde, freute er sich. Endlich würde er sein Dorf verlassen können, vielleicht sogar im Ausland stationiert werden. Er würde Neues sehen, womöglich Schreckliches, aber er war jung und hätte eine Aufgabe. Er meldete sich für einen Einsatz in Südvietnam. So weit kam es aber nie. Wegen seiner Familiengeschichte war sein Platz bei den Schweinen. Nach dem Krieg wurde er wieder Tagelöhner. Tagsüber presste er Sohlen auf Gummischuhe oder baute Zirkusmanegen auf, nachts tröstete er sich mit Gedichten. Dann verließ er das Land.

Dieses Leben wollte er nicht wieder. Lieber nahm mein Vater die Polizeiinspektion Schubwesen in Kauf. So heißt die bayerische Behörde für Abschiebungen. Die reißen einen aus dem Schlaf, bevor der Morgen dämmert und setzen einen ins nächste Flugzeug.

Hätte mein Vater gehen müssen, er hätte es nicht freiwillig getan. Dennoch kaufte er zwei ausgebeulte Reisetaschen, neongrün und lila. "Sie sind leicht, damit könnten wir die wichtigsten Sachen mitnehmen", sagte er. Die wichtigsten Sachen waren ein paar T-Shirts, Hosen und persönliche Briefe. Die Taschen standen fortan gepackt neben der Tür.

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